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Unser Kaufrausch, ihr Schicksal

Kennen Sie „Toxic City“? Warum der Kult um Black Friday gefährlich ist

Kinder durchwühlen den Elektroschrott im Stadtteil Agbogbloshie in Accra (Ghana), im hochgiftigen Umfeld suchen sie nach Kleinteilen, die Geld bringen.

Kinder durchwühlen den Elektroschrott im Stadtteil Agbogbloshie in Accra (Ghana), im hochgiftigen Umfeld suchen sie nach Kleinteilen, die Geld bringen.

Immer dicker wird die Luft, immer unangenehmer wird das Atmen. Es stinkt. Es ist heiß. Einige Meter entfernt steigt eine riesige Rauchwolke in den Himmel. Schwarz. Drei Kinder in zerrissener Kleidung nähern sich den Flammen, wühlen in dem, was dort auf dem Boden liegt und in den Flammen zu verbrennen droht. Sie suchen nach kleinen Teilen in dem Elektroschrott, die sich noch zu Geld machen lassen.

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Ein Endzeitszenario wie aus einem Science-Fiction-Film. Es ist die Realität in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Accra, der Hauptstadt von Ghana, der größten Elektroschrott-Müllhalde der Welt. Ein Ort, der „Toxic City“ genannt wird, weil es einer der verseuchtesten Orte der Welt ist. Die Schadstoffbelastung in Luft und Boden übersteigt den als gesundheitlich unbedenklichen Grenzwert um das 50-Fache.

Agbogbloshie in Ghana gilt als größte Elektromüllhalde der Welt, der Stadtteil wird auch „Toxic City“ genannt.

Agbogbloshie in Ghana gilt als größte Elektromüllhalde der Welt, der Stadtteil wird auch „Toxic City“ genannt.

Hochgiftiger Rauch in der Luft, Quecksilber im Fluss

Die drei suchenden Kinder werden das Alter, das ich habe, wohl nicht erreichen. Statistisch gesehen werden sie kurz nach ihrem 30. Geburtstag sterben. Sie werden bis dahin so viele giftige Dämpfe eingeatmet haben, dass ihr Körper aufgeben wird. Wäre ich in „Toxic City“ aufgewachsen, wäre ich jetzt vermutlich tot. Der Ort der Geburt, manchmal entscheidet er über Leben und Tod.

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Nur ein paar Kilometer weiter, in Cantonments, dem schicken Stadtviertel von Accra, wo Müllautos mit aufheiternder Musik ihr Kommen ankündigen, werden die Leute mehr als doppelt so alt. Dort gibt es die Gifte nicht, die über Agbogbloshie schweben und schon nach wenigen Minuten zu ernsthaften Erkrankungen führen können. Dort sind die kleinen Bäche nicht mit ausgelaufenen Giften wie Quecksilber verseucht.

Black Friday – und die Leute shoppen

Agbogbloshie mag geografisch 5400 Kilometer von Berlin entfernt sein, doch es gibt eine Verbindung, an die in dieser Woche der Schnäppchenjagd samt Black Friday besonders erinnert werden sollte. Denn vieles von dem Elektroschrott, den abgelegte Laptops, Tablets, Handys, Spielekonsolen, die in Agbogbloshie und ähnlichen Orten im Globalen Süden landen, stammt ursprünglich aus Europa. Mit Blick auf den Black Friday heißt das auch: unser Kaufrausch, ihr Schicksal.

Eigentlich regelt die Baseler Konvention, dass Elektroschrott innerhalb der EU verarbeitet werden muss. Geräte, die nicht mehr funktionieren, dürfen nicht exportiert werden. Dennoch landet immer wieder Elektromüll illegal im Ausland, vor allem in asiatischen Ländern wie Bangladesch, Thailand und Pakistan und in afrikanischen Ländern wie Ghana und Nigeria. Der Trick: Elektroschrott und noch gebrauchsfähige alte Geräte lassen sich auf den ersten Blick kaum unterscheiden, beim Zoll werden oft nur die Geräte überprüft, die oben oder vorne in den Containern zu finden sind – dorthin werden die noch funktionstüchtigen gestellt. Das Bundesumweltministerium schätzte 2010, dass mehr als 155.000 Tonnen Elektroschrott aus Deutschland außerhalb der EU landen. Das Basel Action Network geht von 352.474 Tonnen illegal exportiertem Elektroschrott aus Europa aus – pro Jahr.

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Von wegen Konsumrausch: So wird der Black Friday nachhaltiger

Transport, Retouren, Verpackungsmüll: Onlineshopping boomt in der Corona-Krise – und ist ziemlich klimaschädlich. So shoppen Sie am Black Friday nachhaltiger.

Konsumverführer wie der Black Friday tragen dazu bei, dass der Elektroschrott mehr wird. Weil derartige Rabattaktionen dazu verleiten, Dinge zu kaufen, die man gar nicht braucht – und damit in letzter Konsequenz unnötigen Elektroschrott produzieren.

Natürlich gibt es Fälle, in denen ein neues Handy oder ein neuer Laptop benötigt wird oder in denen ein Produkt, das wir uns wirklich wünschen, günstig zu haben ist. Natürlich gibt es Menschen, die sich nur durch Rabatte gewisse Dinge überhaupt leisten können, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Technik ist eine der größten Errungenschaften unserer Zeit, sie erleichtert und bereichert unser Leben auf viele Arten und Weisen.

Doch oftmals geht es gar nicht um neue Funktionen, um das Ersetzen von Verschlissenem. Es geht um das reine Habenwollen. Darum, dass das alte Smartphone nicht mehr reicht, weil es das neuere Modell sein muss. Es geht darum, Elektroprodukte zu sammeln und auszustellen als Luxusgüter. 50 Millionen Tonnen Elektrogeräte landen im Müll – jedes Jahr.

Konsum hat Folgen für Umwelt, Menschen und Klima

Es sind Menschen wie jene in Agbogbloshie, die es zu spüren bekommen. Die, bei denen der Elektroschrott landet und die ihre Gesundheit dafür verlieren, noch ein wenig Geld aus den alten Geräten zu machen. Aber irgendwann werden der Schrott und seine Folgen auch zu uns zurückkommen. So, wie der Klimawandel zunächst in Afrika und Asien, etwa in Madagaskar und Pakistan, zu spüren war, ehe Überschwemmungen und Dürreperioden auch in Europa zunahmen.

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Die Ressourcen auf unserem Planeten sind endlich. Bei Plastik, Lebensmitteln und anderen Dingen achten wir inzwischen vermehrt auf unser Konsumverhalten. Doch bei technischen Geräten sind wir längst noch nicht so weit. Für die Herstellung eines Computer werden rund 20.000 Liter Wasser gebraucht. Rohstoffe wie Eisen, Kupfer, Nickel, Zink und Aluminium müssen für die Produktion von Smartphones gefördert werden – oft unter großen Belastungen für Umwelt und die Menschen, die in den Abbaugebieten leben. Berge werden gesprengt, Wälder gerodet, Menschen vertrieben, um mit giftigen Stoffen diese Ressourcen zu gewinnen.

Mehr Bewusstsein beim Shoppen ist gefragt

Am Black Friday spielt das bislang kaum eine Rolle. Dabei wäre es gerade in den Tagen des Konsums angebracht, sich der Konsequenzen klar zu sein. Konsequenzen, die Menschen andernorts auf der Welt, Menschen, die wir nicht kennen und wahrscheinlich nie kennenlernen werden, mit ihrer Gesundheit bezahlen. Wie die drei Kinder vor dem Feuer in Agbogbloshie.

Wenn wir alle ein klein wenig bewusster einkaufen würden und vor dem Shoppen überlegen, ob wir dieses eine Teil wirklich brauchen, ob wir es uns wirklich wünschen oder ob es nur attraktiv ist, weil es günstig ist, dann ist schon der erste Schritt gemacht.

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