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Warum viele Deutsche den Impfpass beim privaten Grillen zücken

  • Digitaler Impfausweis, Videosprechstunde oder E-Rezept - die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung des Gesundheitswesens stark vorangetrieben.
  • Eine Umfrage des Digitalverbandes Bitkom zeigt: die Deutschen sind bei ihrer Gesundheit alles andere als technikfeindlich.
  • Sie fordern häufig mehr, als die Politik ihnen liefern will.
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München. „Vor dem gemeinsamen Grillen den digitalen Gesundheitsausweis zu zücken, ist ein gewöhnungsbedürftiges Szenario“, räumt Bernhard Rohleder ein. Aber Deutsche tun das mehrheitlich ohne jede staatliche Vorgabe, nimmt der Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom einigermaßen überrascht zur Kenntnis.

Der Verband hat Bundesbürger gerade zu ihrer Haltung hinsichtlich digitaler Gesundheitsangebote befragt und dabei unter anderem ermittelt, dass die Hauptanwendung des digitalen Impfausweises Treffen mit Freunden und der Familie sind.

Zu Urlaubszwecken nutzen ihn dagegen nur 61 Prozent und in der Arbeit gerade ein Fünftel. Letzteres ist für Rohleder eine negative Überraschung, würde das elektronische Impfzertifikat sich doch ideal für Schutz am Arbeitsplatz eignen.

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Er vermutet rechtliche Hürden hinter der Zurückhaltung in Firmen. „Niemand weiß genau, darf ich den Impfnachweis verlangen oder speichern“, erklärt der Experte. Insgesamt aber habe die Befragung von gut 2000 Bundesbürgern ergeben, dass diese unter dem Eindruck der Pandemie digitalen Gesundheitsangeboten gegenüber sehr aufgeschlossen seien und das oft auch mehr, als es die Politik wahrhaben will.

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So haben bislang 14 Prozent aller Deutschen eine Videosprechstunde beim Arzt besucht. 46 Prozent könnten sich das vorstellen. Wer online schon beim Arzt war, ist in neun von zehn Fällen angetan davon. Immerhin ist auf diesem Weg in der Regel binnen weniger Stunden ein Arzt verfügbar, auf den man beim Praxisbesuch wochenlang warten müsste.

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Dennoch wird hier Ende September eine Regelung wieder aufgehoben, die eine unbegrenzte Kostenübernahme von Videosprechstunden durch Kassen erlaubt. Ab Oktober dürfen Ärzte maximal 30 Prozent ihrer Termine online vereinbaren und auch abrechnen. „Für diese Deckelung gibt es keinen Grund“, kritisiert Rohleder.

Bürger wünschen mehr Digitalisierung

Das reflektiert den Bürgerwillen. Mehr als sieben von zehn Deutschen fordern hierzulande mehr Tempo beim Ausbau digitaler Medizin. Neben dem digitalen Impfnachweis, den 85 Prozent aller Handybesitzer auf ihrem Gerät gespeichert haben oder das tun wollen, und Videosprechstunden stehen auch elektronische Krankenakten und Rezepte auf der Wunschliste.

Sechs von zehn Deutschen fordern E-Rezepte vor allem, um so unerwünschte Wechselwirkungen von Medikamenten automatisch zu erkennen. Aber E-Rezepte gibt es zwar seit Juli in Modellregionen und ab 2022 besteht dafür Angebotspflicht. Das gilt jedoch nur für das blanke Rezept. Funktionen wie das automatische Erkennen von Wechselwirkungen sind nicht enthalten.

Eine elektronische Patientenakte wiederum würden zwei Drittel aller Deutschen nutzen, hat Bitkom ermittelt. Auch die steht noch in den Anfängen. Gespalten ist das Verhältnis zu Gesundheits-Apps auf Rezept, mit denen sich Übergewicht oder Zigarettensucht bekämpfen lässt. So etwas würde gut jeder zweite Deutsche nutzen. Gerade 19 solcher Apps sind aktuell zugelassen.

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Rohleder hat Verständnis für das Drängen der Bürger. Angesichts einer vierten Corona-Infektionswelle würden sich erneut bekannte Probleme anbahnen, obwohl die bei Nutzung moderner Digitaltechnik nicht sein müssten, kritisiert er. Die nächste Bundesregierung müsse mehr Mut bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens zeigen.

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