Bitkom: Corona könnte zum Wendepunkt in der Digitalisierung werden

  • Für den Präsidenten des Digitalverbandes Bitkom Achim Berg läuft in der Corona-Krise einiges schief.
  • Die Entwicklung der Corona-App etwa dauere viel zu lange.
  • Wichtig sei es, allen Familien einen Zugang zu digitalen Medien zu bieten.
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Für Achim Berg läuft etwas schief in Deutschland: „Ich habe am Mittwoch und am Donnerstag von der Bundesregierung kaum ein Wort mehr über die Corona-App gehört“, sagt der Präsident des Digitalverbandes Bitkom. „Dabei handelt es sich um das einzige wirksame Instrument, um eine mögliche Ausbreitung der Pandemie einzudämmen“, betont Berg. Die Anwendung für Smartphones könnte in Anbetracht der von Bund und Ländern beschlossenen Lockerungen der Pandemie-Beschränkungen in nächster Zeit sehr hilfreich sein. Doch es ist völlig offen, wann die App kommt. Aus Bergs Perspektive ist das typisch. Er fordert, konsequenter die Lehren aus der Krise zu ziehen und mit einem 15 Milliarden Euro schweren „Digitalpakt“ mehr moderne Informations- und Kommunikationstechnik unter die Leute zu bringen.

Streit über App könnte potenzielle Nutzer abschrecken

Vorige Woche wurde entschieden, dass der Softwarekonzern SAP und die Deutsche Telekom nun die Entwicklung der App voran bringen sollen. Seither ist es still um das Projekt geworden. Berg wundert sich: „Es ist mir unverständlich, warum es in acht Wochen nicht gelungen ist, diese App den Bürgern zur Verfügung zu stellen. In dieser Zeit hätte man das dreimal oder viermal machen können.“

Es hatte zuletzt heftige Diskussionen vor allem über die Art und Weise der Speicherung und der Verwendung der Daten gegeben, die die App sammelt. Datenschützer befürchten, dass das Programm, das Kontakte der Nutzer mit Infizierten erkennen soll, zu einem Überwachungsinstrument ausgebaut werden könnte. Bernhard Rohleder, Bitkom-Hauptgeschäftsführer, betont indes: „Viele sind frustriert. Vor allem war der Streit über die App äußerst schädlich. Wir befürchten, dass das potenzielle Nutzer abschrecken wird.“ Es habe bereits eine fast fertige App gegeben: „Nun stehen wir wieder am Anfang. Es können lediglich die Grunddaten verwendet werden.“

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Corona bietet Wendepunkt in der Digitalisierung

Dabei hat die Corona-Krise für die Bitkom-Funktionäre das Zeug dazu, zu einem Wendepunkt in der Digitalisierung zu werden. Beispiel Homeoffice. Es sei erwiesen, dass durch das Arbeiten zu Hause in vielen Fällen die Produktivität gesteigert werde, so Berg. Er fordert: „Wir müssen den entstandenen Schwung nutzen, um dauerhaft mehr Homeoffice-Lösungen durchzusetzen.“ Damit da Zug reinkomme, müsse es Steuererleichterungen geben, was auch dabei helfen soll, dass die modernen Heimarbeiter sich eine professionelle Ausrüstung zulegen können – mit Laptops und großen Bildschirmen etwa. Und das könne auch noch dem Klimaschutz helfen. „Wir haben errechnet: Wenn nur jeder Zweite, der im Homeoffice arbeiten kann, das an einem Tag in der Woche macht, verringern wir den CO2-Ausstoß um eine Million Tonnen pro Jahr“, erläutert Rohleder.

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Gutscheine sollen Unternehmen bei der Digitalisierung helfen

Doch dem Bitkom geht es auch um ordnungsrechtliche Lockerungen. „Dazu muss gehören, dass die täglich zulässige Höchstarbeitszeit durch eine wöchentliche Regelung ersetzt wird“, betont Berg. Das Arbeitszeitgesetz sieht maximal zehn Stunden pro Tag vor. Die Mindestruhezeit muss elf Stunden betragen. Gewerkschafter warnen dringend vor laxeren Regelungen. Sie befürchten, dass Arbeitszeiten dauerhaft bis tief in den Abend ausgedehnt werden könnten und dass die Grenzen zwischen Job und Freizeit immer stärker verschwimmen.

Zu den Vorschlägen für den Pakt zählt ferner, Unternehmen einen Digital-Gutschein in Höhe von 10.000 Euro zu schenken. Das ist vor allem auf kleine Unternehmen gemünzt, damit diese sich mit moderner Technik ausstatten. Die Krise hat nach Bergs Worten jedenfalls schon kreative Lösungen gezeitigt. Er nennt exemplarisch das Restaurant, das mit Live-Kochen via Internet für sich Werbung macht oder den Weinhändler, der mit Online-Verkostungen seinen Absatz in die Höhe treibt.

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Tablets und Laptops für alle Familien bereitstellen

Ein ganz besonders Anliegen ist dem Bitkom-Präsidenten die öffentliche Verwaltung. Seit etwa anderthalb Jahrzehnten versucht die IT-Branche die Behörden dazu zu bringen, digitale Technik verstärkt zum Einsatz zu bringen. Bislang weitgehend vergebens. Nach Ansicht von Insidern liegt das vor allem an bremsenden Kräften in den Verwaltungen – aus Angst vor Jobabbau und Arbeitsverdichtung. Nun schlägt der Digitalverband eine „Konzertierte Aktion Verwaltungsmodernisierung“ vor mit einem Volumen von 1,5 Milliarden Euro vor. Hinzu kommen müsste eine Schultransformation – unter anderem mit 300 Euro für jede bedürftige Familie, damit Tablets oder Laptops fürs Lernen zu Hause angeschafft werden können. Nicht zu vergessen ein „Infrastruktur-Boost“: Zusätzliche 500 Millionen Euro, um vor allem ultraschnelle Glasfaserleitungen auszubauen und Verkehrswege mit intelligenten Steuerungssystemen auszustatten.

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