Das BIP als Kennzahl der Krise: Was ist eigentlich das Bruttoinlandsprodukt?

Über Häfen wird oft ein beträchtlicher Teil des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gehandelt.

Über Häfen wird oft ein beträchtlicher Teil des Bruttoinlandsproduktes (BIP) gehandelt.

Einfach erklärt: Was ist das BIP?

Das Bruttoinlandsprodukt ist der Wert aller produzierten Waren und Dienstleistungen in einem Land - und damit ist es die gemeinhin wichtigste Kennziffer, um die Wirtschaftsleistung eines Staates zu bewerten. Das BIP misst dabei nicht, wie viel Reichtum oder Armut es irgendwo gibt. Als Stromgröße beziffert es nur, was innerhalb eines bestimmten Zeitraums an Werten geschaffen wurde. Im Regelfall wird das BIP pro Land für jeweils ein Jahr berechnet.

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Wann steigt das Bruttoinlandsprodukt?

Wenn das BIP steigt, spricht man gemeinhin von Wirtschaftswachstum. Denn ein steigendes BIP bedeutet, dass im Vergleich zum Vorjahr in der gleichen Zeit mehr oder wertvollere Waren und Dienstleistungen erzeugt wurden. Gründe dafür kann es viele geben: Vielleicht hat technologischer Fortschritt leistungsfähigere Maschinen ermöglicht, vielleicht hat aufgrund eines geburtenstarken Jahrgangs die Zahl der Beschäftigten zugenommen - oder diese sind etwa aufgrund von Bildungsreformen produktiver geworden. Was wie ausschlaggebend ist, ist unter Ökonomen seit hunderten Jahren umstritten, einfache Antworten gibt es in diesem Punkt nicht.

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Warum sinkt das Bruttoinlandsprodukt?

Wenn das BIP sinkt, spricht man üblicherweise von einer Rezession - jedenfalls, wenn das BIP im Vergleich zum Vorjahreszeitraum länger als ein halbes Jahr lang niedriger ist. Auch hierfür kann es viele Gründe geben. Vielleicht sorgt demografischer Wandel dafür, dass weniger Menschen arbeiten können. Oder eine wichtige Branche verliert an Bedeutung, weil Firmen pleite gehen oder ins Ausland abwandern. Auch die Corona-Pandemie hat zu einem deutliche BIP-Rückgang im Vergleich zum Vorjahr gesorgt, weil Fabriken und Dienstleistungsunternehmen über Wochen hinweg geschlossen blieben.

Warum ist das BIP wichtig?

Das BIP hat eine lange Geschichte, die im zweiten Weltkrieg anfing: Um die britische Kriegswirtschaft zu optimieren, wollte der Ökonom John Maynard Keynes herausfinden, wie viele Waren und Dienstleistungen überhaupt hergestellt werden. Keynes wurde später einer der wichtigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und das BIP zu einem zentralen Indikator: Es ermöglicht, auf einen Blick die wirtschaftliche Leistung eines Staates einzuschätzen. Und dazu brauchen Investoren und Politiker bis heute möglichst zuverlässige und gleichzeitig einfache Kennzahlen.

Bruttoinlandsprodukt in Deutschland

Deutschland hat eines der höchsten Bruttoinlandsprodukte der Welt. Hierzulande wurden 2019 insgesamt Waren im Wert von 3.436 Milliarden Euro erzeugt. Umgerechnet bedeutet das, dass ein Bundesbürger im Durchschnitt an der Herstellung von Waren und Dienstleistungen im Wert von 41.342 Euro beteiligt war. Dieses sogenannte BIP pro Kopf ist ebenfalls ein sehr wichtiger Indikator, weil er internationale Vergleichbarkeit ermöglicht.

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Wie wird das Bruttoinlandsprodukt berechnet?

Das statische Bundesamt, dass das BIP für Deutschland am gründlichsten berechnet, nutzt zwei Methoden: Eine Möglichkeit zur Berechnung des BIP ist die Entstehungsrechnung: Man addiert den Wert sämtlicher Produkte innerhalb eines Landes. Würden in einem fiktiven Staat etwa fünf Fahrräder zu jeweils 100 Euro und ein Auto zu 500 Euro hergestellt, läge das BIP bei 1000 Euro. Im Nachgang muss man die Rechnung aber noch von den Einflüssen von Steuern und Subventionen befreien.

Man kann auch den Wert aller verkauften Waren zuzüglich der Exporte und Investitionsgüter zum Maßstab machen. Bei dieser sogenannten Verwendungsrechnung wird nicht darauf geschaut, wie viele Fahrräder und Autos produziert, sondern wie viele verkauft wurden. Wenn also die Bürger eines Landes 500 Euro für Fahrräder und 500 Euro für Autos ausgegeben haben, und es keine Importe und Exporte gab, läge das BIP ebenfalls bei 1000 Euro.

Wichtig ist, dass es bei der Berechnung allerlei Fallstricke gibt: Zum einen werden in Volkswirtschaften unfassbar viele Waren und Dienstleistungen bereitgestellt, was eine ziemlich große Datenmenge mit sich bringt. Und andererseits verliert Geld wegen der Inflation stets etwas an Wert, weshalb Volkswirte zwischen einem inflationsbereinigten (reales) und einem nicht bereinigten (nominales) Wirtschaftswachstum differenzieren.

BIP: Die Länder mit dem größten BIP

Im internationalen Vergleich zeigt das Gesamt-BIP vor allem, wie stark die Wirtschaft eines Landes ist. Über den Reichtum der einzelnen Menschen sagt die Zahl wenig aus, weil sie von unterschiedlichen Einwohnerzahlen komplett verzerrt wird. Die Zahlen stammen vom Internationalen Währungsfonds (IWF), der sie seit Jahrzehnten erfasst.

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Platz

Land

BIP

1

USA

20,580 Milliarden Dollar

2

China

13.368 Milliarden Dollar

3

Japan

4.971 Milliarden Dollar

4

Deutschland

3.951 Milliarden Dollar

5

Großbritannien

2.828 Milliarden Dollar

6

Frankreich

2.780 Milliarden Dollar

7

Indien

2.718 Milliarden Dollar

8

Italien

2.075 Milliarden Dollar

9

Brasilien

1.867 Milliarden Dollar

10

Korea

1.720 Milliarden Dollar

BIP pro Kopf: Die reichsten Länder

Zum internationalen Vergleich ist es allerdings zielführender, zu berücksichtigen, dass Länder unterschiedlich viele Einwohner haben. (IMF)

Platz

Land

BIP pro Kopf

1

Luxemburg

115.536 Dollar

2

Schweiz

83.161 Dollar

3

Macao

81.728 Dollar

4

Norwegen

81.549 Dollar

5

Irland

78.334 Dollar

6

Island

74.515 Dollar

7

Katar

70.379 Dollar

8

Singapur

64.578 Dollar

9

USA

62.897 Dollar

10

Dänemark

60.897 Dollar

18

Deutschland

47.662 Dollar

Die ärmsten Länder: Hier ist das BIP am geringsten

Platz

Land

BIP pro Kopf

1

Burundi

306 Dollar

2

Eritrea

331 Dollar

3

Malawi

349 Dollar

4

Südsudan

353 Dollar

5

Niger

414 Dollar

6

Zentralafrikanische Republik

448 Dollar

7

Madagaskar

459 Dollar

8

Demokratische Republik Kongo

495 Dollar

9

Sierra Leone

539 Dollar

10

Afghanistan

544 Dollar

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Bruttoinlandsprodukt vs. Bruttosozialprodukt: Was ist der Unterschied?

In Deutschland war es lange üblich, eher vom Bruttosozialprodukt (BSP) als vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu sprechen. Mittlerweile verliert das BSP an Bedeutung, weil sich der international übliche Standard etabliert - weshalb das BSP übrigens als Bruttonationaleinkommen (BNE) bezeichnet wird. Das BSP/BNE bezieht sich letztendlich mehr auf Einkommensgrößen als auf die Wirtschaftskraft eines Landes, weil es auch Transfers von Inländern, die im Ausland arbeiten, abbildet. Unter dem Strich ist der Unterschied zwischen BIP und BSP/BNE im Falle von Deutschland nicht so groß, das BNE lag 2019 bei 3,535 Milliarden Euro.

Wohlstandsindikator: Ist das BIP noch zeitgemäß?

Das BIP ist eigentlich kein Wohlstandsindikator, sondern nur ein Ausdruck der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die hat natürlich gravierende Auswirkungen für das Wohlbefinden der Menschen in Deutschland, aber wichtige Ebenen werden vom BIP nicht erfasst. So gibt das BIP keine Auskunft darüber, ob in einem Land viele Menschen sehr arm und nur wenige sehr reich sind. Auch erfasst das BIP nur Erwerbsarbeit, nicht aber ehrenamtliche und familiäre Tätigkeiten, die ebenfalls für das Wohlergehen der Menschen entscheidend sind. Und schlussendlich eignet sich das BIP in keiner Weise, um zu beurteilen, wie nachhaltig eine Volkswirtschaft in Punkto Umweltschutz und Ökologie handelt.

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International setzen sich deshalb immer mehr neue, ausgeklügelte Wohlstandsindikatoren wie der Human Development Index (HDI) durch. Auch in Deutschland soll sich etwas verändern: In einer parteiübergreifenden Enquete-Kommission hatten sich von 2010 bis 2013 Parlamentarier aller Fraktionen mit Experten zu dem Thema ausgetauscht. Ihr Fazit: Es brauche einen neuen Begriff von Wohlstand und eine neue Wohlstandsmessung, wie es im Abschlussbericht heißt.

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