Biontech-Gründer Sahin und Türeci: Die Kämpfer gegen die Pandemie

  • Die Welt schaut derzeit voller Hoffnung auf eine Straße in Mainz.
  • An der Goldgrube 12 lautet die symbolträchtige Adresse des Unternehmens Biontech, das sehr erfolgversprechend an einem Impfstoff gegen das Coronavirus arbeitet.
  • Doch nicht nur Biontech sorgt derzeit für Schlagzeilen – auch die Vita der Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte.
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Ugur Sahin (55) und seine Ehefrau Özlem Türeci (53) sind beide Onkologen. Ihre Firma Biontech hat ihr Renommee durch die Forschung an Krebstherapien gewonnen. Jetzt stehen die Forscher, die mit dem US-Pharmariesen Pfizer kooperieren, vor dem Durchbruch, was einen Impfstoff gegen das Coronavirus anbelangt. Ähnlich spektakulär wie die Meldung über die erfolgreichen klinischen Tests ihres Impfstoffes BNT162b2 ist allerdings auch der Aufstieg des Ehepaars Sahin/Türeci.

1969 kam der damals vierjährige Ugur Sahin mit seiner Mutter aus dem Süden der Türkei nach Deutschland. Sein Vater arbeitete in den Ford-Werken Köln. Schon früh interessierte sich der kleine Ugur für wissenschaftliche Geschichten, ging in die nahe gelegene Kirchenbibliothek. Besonders fasziniert war er dem Vernehmen nach von Paul Ehrlich, dem deutschen Wissenschaftler und Mediziner, der unter anderem mit der Entwicklung eines Medikaments gegen die Syphilis die moderne Chemotherapie mitbegründete. 1908 erhielt Ehrlich gemeinsam mit seinem russischen Kollegen Ilja Iljitsch Metschnikow für deren immunologische Forschungen den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

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Diese und andere wissenschaftliche Lebenswege müssen Ugur Sahin so beeindruckt haben, dass er nach dem Abitur in Köln tatsächlich Medizin studierte. 1992 promovierte er mit einer Arbeit über die Immuntherapie bei Tumorzellen. Sahin arbeitete zunächst als Arzt für innere Medizin und Hämatologie/Onkologie am Klinikum der Universität Köln. Später folgte er seinem Doktorvater Michael Pfreundschuh ins Saarland, an die Universitätsklinik in Homburg. Dort forschte er an Antigenen zur Krebstherapie und habilitierte sich im Jahr 1999.

In Homburg lernte er auch seine spätere Frau Özlem Türeci kennen, die Tochter eines türkischen Landarztes, der in Cloppenburg an einem katholischen Krankenhaus arbeitete. Özlem Türeci war in ihrem letzten Studienjahr in Medizin, als sie ihrem späteren Mann begegnete. Bereits 2001 gründeten Sahin und Türeci ihr erstes Unternehmen, 2002 heirateten sie – allerdings unterbrachen sie ihre Laborarbeit nur kurz. Vor und nach der Trauung ging es wieder zurück zur Forschung. Ihre Firma Ganymed Pharmaceuticals, die an der Entwicklung von Antikörpern gegen Krebs forschte, wurde 2016 für 1,4 Milliarden Dollar an den japanischen Pharmakonzern Astellas verkauft.

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Der erste Berufswunsch war Nonne

2008 gründete das umtriebige Ehepaar das Unternehmen Biontech, mit dem sie jetzt Schlagzeilen machen. Dabei fokussiert sich Özlem Türeci viel lieber auf wissenschaftliche Veröffentlichungen statt auf Öffentlichkeit. Ursprünglich, so erzählte sie es vor rund neun Jahren dem Magazin „Impulse“, wollte sie Nonne werden. Das mag an der starken katholischen Prägung im Heimatort ihrer Kindheit im Oldenburger Münsterland liegen. In Lastrup sind etwa 75 Prozent der Menschen katholisch. Da kam es dem Mädchen gar nicht in den Sinn, dass das mit dem Nonnewerden als Muslima etwas kompliziert werden könnte.

„Ich wollte helfen“, begründete Türeci gegenüber „Impulse” ihr kindliches Berufsziel. „Ich wollte helfen“ sollte auch ihren weiteren Lebensweg prägen. So wurde aus dem Berufswunsch Nonne ein Medizinstudium. Als Ärztin auf der Krebsstation wie auch in der Forschung: Das Primat des Helfens stand und steht für das, was Türeci antreibt.

2008 gründete sie das Unternehmen Biontech mit ihrem Ehemann und dem Immunologen Christoph Huber. Aktuell ist Türeci dort im Vorstand für die Abteilung für klinische Entwicklung verantwortlich, ihr Mann ist Vorstandschef des Unternehmens. Mit Empathie und einer gewissen Skepsis gegenüber den Mechanismen des Business – „vor der ganzen Betriebswirtschaft hat es mir gegraust“ – machten Türeci und ihr Mann Biontech zu einem hocherfolgreichen Biotechunternehmen und sich selbst damit zu sehr reichen Menschen.

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Helfen als Mittelpunkt des Handelns

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Die dringliche Arbeit an einem Impfstoff gegen Corona bekam bei Biontech den Namen Project Lightspeed, Projekt Lichtgeschwindigkeit. Gemessen an der üblichen Dauer einer Impfstoffentwicklung ist das ein recht treffender Titel. Denn schnelle Hilfe ist und war vonnöten – und Helfen steht nach wie vor im Zentrum der Arbeit des Paares. Als US-Präsident Donald Trump Biontech mit viel Geld zu einem Exklusivvertrag für BNT162b2 locken wollte, reagierte Ugur Sahin kurz und bündig. „Kooperation ist ein absoluter Schlüssel für diese globale Herausforderung. Es gibt gar keine Diskussion, ob eine Impfung nur für China, Deutschland oder Amerika zur Verfügung steht“, sagte er der „FAZ“.

Die Geschichte des Ehepaars Sahin/Türeci ist eine von Millionen Erfolgsgeschichten von Menschen hierzulande, deren Eltern nicht aus Deutschland stammen. Dadurch, dass nun die ganze Welt auf sie und ihren Impfstoff schaut, wird sie noch einen Hauch spektakulärer. Die Formulierung der gelungenen Integration trägt hier nicht, integriert waren schon ihre Eltern. Oder, wie es die Journalistin und Autorin Hatice Akyün im „Tagesspiegel“ formulierte: „Wie schön wäre es, wenn sie ab sofort nur noch daran gemessen werden, wer und was sie sind, und nicht, woher sie oder ihre Eltern kommen. Dafür stehen Ugur Sahin und Özlem Türeci.“

Und sollte es gut gehen mit BNT162b2 – dann müsste Ugur Sahin sich womöglich in absehbarer Zeit daran gewöhnen, in den Fußstapfen seines Jugendidols Paul Ehrlich zu stehen: Er und Türeci wären wohl Favoriten auf einen Medizinnobelpreis.

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