Wegen Corona: Hopfen- und Bierbranche droht noch nie dagewesene Pleitewelle

  • Rund 48.000 Tonnen Hopfen haben deutsche Pflanzer 2020 geerntet.
  • Gleichzeitig ist der Bierexport durch die Corona-Pandemie eingebrochen.
  • Der Deutsche Brauerbund rechnet mit einer Pleitewelle in der Branche.
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Nürnberg. Der Wettergott hat es gut gemeint mit Deutschlands Hopfenpflanzern. Auf die Rekordernte 2019 folgt dieses Jahr ein ähnlich hoher Ertrag, schätzt die Nürnberger Barth-Haas-Gruppe als weltgrößter Hopfenhändler. 130.000 Tonnen Hopfen weltweit würde das erneut bedeuten, wovon gut 48.000 Tonnen auf das Konto deutscher Pflanzer vor allem im bayerischen Anbaugebiet Hallertau gehen.

Corona-Pandemie senkt Bierexport

Gleichzeitig geht aber wegen der Pandemie der Bierausstoß weltweit immens zurück. “Wir gehen in eine Phase der Überversorgung”, sagt Firmenchef Stephan Barth über das globale Hopfenangebot und sieht ein schwer lösbares Dilemma auf seine Branche sowie Brauereien zukommen. Eine Abwärtsspirale droht.

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Sie beginnt beim Gerstensaft. Weil Gastronomie und Bierexport von der Pandemie stark geschädigt sind, schätzt Barth 2020 einen Rückgang des weltweiten Bierausstoßes von 8 bis 14 Prozent mit Deutschland etwa in der Mitte dessen. Das könnte sich noch als optimistisch erweisen. So sagt der Deutsche Brauerbund (DBB) den heimischen Brauern 2020 ein Absatzminus von mindestens 14 Prozent voraus, wobei der Bierverkauf zum Halbjahr um 16 Prozent rückläufig war.

Brauerbund befürchtet Pleitewelle

Die Lage bessert sich in der zweiten Jahreshälfte kaum, heißt das. Basis der düsteren Prognose ist eine jüngste Umfrage bei Brauern, die teils um gut 70 Prozent rückläufige Umsätze beklagen. “Der stark eingeschränkte Betrieb der Gastronomie und die Absage zehntausender Feste und Veranstaltungen schlägt direkt auf die Brauereien durch”, erklärt DBB-Chef Jörg Lehmann und fürchtet das Schlimmste. “Wenn nichts geschieht, droht spätestens im nächsten Frühjahr eine Pleitewelle, wie wir sie nie zuvor erlebt haben”, warnt er.

Wenn Brauer dann aber reihenweise insolvent werden, sinkt die Nachfrage nach Hopfen noch stärker. 2021 aber drängt die überaus gute Hopfenrekordernte 2020 auf den Markt, der schon von der Rekordernte 2019 verstopft ist. Barth ist klar, was das bedeutet. “Die Preise werden irgendwann reagieren”, sagt er nüchtern. Preisverfälle wiederum können Hopfenpflanzer in Bedrängnis bringen. Barth rät deshalb zur Reduzierung der Anbaufläche, um die missliche Lage für alle noch erträglich zu halten.

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Erst 2023 Bierausstoß auf Vorjahresniveau

Dazu muss man wissen, dass fast aller Brauhopfen weltweit auf wenige Anbaugebiete in den USA und Deutschland entfällt. Die Branche müsste sich über den Atlantik hinweg absprechen, um eine Preiskatastrophe zu vermeiden. Reduzieren nur die deutschen Pflanzer, freuen sich deren US-Konkurrenten. Wie es ausgeht, traut sich auch Barth trotzt bester Kontakte in die Hopfenszene nicht zu prognostizieren.

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Wer gibt auf oder steckt zumindest freiwillig zurück, wo drohen Pleiten und wie viele? Das sind Fragen, an denen die Bierproduktion der Zukunft hängt. “Ich gehe davon aus, dass der Bierausstoß hoffentlich 2023 wieder auf dem Niveau von 2019 ankommt”, sagt Barth.

Barth hat neue Flächen angemietet

Ob bis dahin alle Hopfenbauern überleben, steht in den Sternen. Die sind aber wichtig. “Die Brauwirtschaft hängt von etwa 1000 Pflanzern in Deutschland und den USA ab”, weiß Barth. So klein ist die Branche, die die weit größere globale Brauindustrie versorgt.

Viele Pflanzer sollte man in der Corona-Krise nicht verlieren, um nicht ein strategisches Risiko für die Brauer heraufzubeschwören, warnt Barth. Um so viel Hopfen wie möglich für die Zukunft einzulagern, hat er jedenfalls gerade neue Flächen angemietet.

Fünf Jahre lang könne man den Rohstoff lagern, bis er zum Bierbrauen nicht mehr taugt. Sicher ist sich der Hopfenhändler, dass das eigene Familienunternehmen die Pandemie übersteht, wenn auch mit Kratzern und Dellen. Wie es danach in der Hopfen- und Brauwirtschaft aussieht, weiß auch er nicht.

Überversorgung mit Hopfen droht

2019 ist der weltweite Bierausstoß noch um eine halbes Prozent auf gut 1,9 Milliarden Hektoliter gestiegen, was sich 2020 so fortsetzen sollte. Dann kam die Pandemie. Bis zu 14 Prozent weniger könnte am Ende dieses Jahr gebraut werden. Hier zu Lande ging es schon 2019 um gut 2 Prozent auf knapp 92 Millionen Hektoliter zurück, womit Deutschland aber hinter China, den USA, Brasilien und Mexiko immer noch die Nummer fünf der Biernationen ist.

Beim Braurohstoff Hopfen, wo deutsche und US-Pflanzer den Weltmarkt beherrschen, geht es zumindest aktuell noch in die andere Richtung. Wegen guter Ernten droht allein in diesem Jahr eine bis zu 20-prozentige Überversorgung mit Hopfen, was sich in Folgejahren fortsetzen dürfte. Dazu kommt, dass auch die Hopfenpflanzer zunehmend mit den Folgen des Klimawandels und Anforderungen an eine ökologische Landwirtschaft zu kämpfen haben.

RND

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