Junge Frauen werden häufiger berufsunfähig

  • Versicherungsmathematiker haben bei Berufsunfähigkeitspolicen nachgerechnet.
  • Seit 1997 hat sich in positiver wie negativer Hinsicht einiges geändert.
  • Psychische Erkrankungen sind bei der Berufsunfähigkeit auf dem Vormarsch.
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München. Bei Versicherungen zur Berufsunfähigkeit (BU) herrscht zwischen Verbraucherschützern und Versicherern seltene Einigkeit. Sie zählen zu den wenigen Muss-Policen für Verbraucher. „Jeder Vierte wird im Lauf seines Arbeitslebens mindestens einmal berufsunfähig“, weiß Nils Dennstedt.

Als Versicherungsmathematiker und Vorstand der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV) kann er das mit Zahlen belegen. Aber nur 17 Millionen von hierzulande 45 Millionen Erwerbstätigen haben nach Daten des Versicherungsverbands GDV eine BU-Police.

Für manche Berufsgruppen ist sie oft unbezahlbar teuer. „Die Menschen versichern ihr Smartphone, aber nicht ihre Arbeitskraft und damit ihre Existenzgrundlage“, nennt DAV-Chef Herbert Schneidemann mit Fahrlässigkeit einen anderen Grund.

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Jede Altersgruppe kann betroffen sein

Die Haltung „mir passiert das nicht“ sei weit verbreitet, de facto erwische es aber jede Altersgruppe. Weil BU-Versicherungen so wichtig sind, hat die DAV 2018 eine Nachberechnung gestartet und dabei 155.000 Neuinvaliden der Jahre 2011 bis 2015 ausgewertet. Nun liegen die Erkenntnisse dazu auf dem Tisch. Sie zeigen, dass sich die Versicherungsgrundlagen in Teilen stark geändert haben, und zwar für Versicherte sowohl zum Besseren wie zum Schlechteren.

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Am augenfälligsten ist, dass Frauen unter 40 Jahren im Vergleich zur Situation 1997 ein um 30 Prozent höheres Risiko haben, berufsunfähig zu werden. Hauptgrund dafür sind psychische Erkrankungen. Bei Männern in dieser Altersgruppe gebe es dagegen keine Veränderungen, betont Dennstedt.

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Damit, dass heute mehr Frauen berufstätig sind als damals, lasse sich das nicht allein erklären, ergänzt Schneidemann. „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird oft auf Frauen abgewälzt“, erklärt sich der Aktuar die alarmierende Entwicklung vielmehr.

Psychische Erkrankungen sind auf dem Vormarsch

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Überhaupt seien psychische Erkrankungen bei Berufsunfähigkeit rasant auf dem Vormarsch. Fast jeder dritte BU-Leistungsfall gehe heute darauf zurück, sagt Dennstedt. Dahinter rangieren Erkrankungen des Skelett- und Bewegungsapparats, also zum Beispiel klassische Rückenleiden, mit gut einem Fünftel und Krebs oder andere bösartige Geschwulste mit knapp einem Fünftel. In den 90er-Jahren standen noch körperliche Gebrechen an erster Stelle.

Es gibt spiegelbildlich aber auch positive Entwicklungen. Über 40-Jährige sind in den vergangenen 24 Jahren in Deutschland weit weniger häufig berufsunfähig geworden, wobei es auch hier für Frauen weniger gut aussieht. Bei ihnen hat sich in diesem Altersbereich die Wahrscheinlichkeit, den eigenen Beruf nicht mehr ausüben zu können, um 36 Prozent verringert, bei Männern mit 45 Prozent deutlich stärker.

„Darin spiegelt sich deutlich die Veränderung der Arbeitswelt wider“, erklärt Schneidemann. Körperliche Anforderungen im Beruf nähmen ab und damit auch Berufsunfähigkeit, was den Gegentrend bei psychischen Erkrankungen bei über 40-jährigen überkompensiert. Das erkläre auch eine andere Verbesserung.

Berufsunfähigkeit ist heute seltener endgültig

So ist Berufsunfähigkeit heute weniger endgültig als vor 24 Jahren zumindest in den ersten beiden Jahren. In diesem Zeitraum nehmen heute 19 Prozent der Betroffenen ihren Beruf wieder auf. 1997 waren es nur 11 Prozent. Wer allerdings heute drei bis zehn Jahre berufsunfähig war, bleibt es dann auch öfter. Heute schaffen es nur 16 Prozent zurück, vor 24 Jahren waren es 26 Prozent.

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Wie die Pandemie und speziell Long-Covid, also anhaltende Symptome, die BU-Statistiken verändern könnten, wollen die Aktuare nicht abschätzen. Dafür gebe es noch zu wenig belastbare Daten. Allgemein rechnen sie nicht mit Prämiensteigerungen. Zum einen gebe es gegenläufige Entwicklungen, die für Versicherer be- und entlastend zugleich wirken. Zum anderen hätten sie in den vergangenen Jahren schon selbst auf Entwicklungen im jeweils eigenen Versichertenkollektiv reagiert.

Versicherer zahlen im Branchenschnitt zu 70 Prozent

Keine Veränderung festgestellt hat die DAV über die Jahre bei der Leistungsquote, also der Frage, wie oft Versicherungen bei BU-Policen zahlen oder eben nicht. Im Branchenschnitt zahlen sie zu 70 Prozent. Die Quote schwankt aber von Gesellschaft zu Gesellschaft stark und liegt branchenüblich zwischen 62 und 94 Prozent.

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Wer vor Gericht gegen seinen BU-Versicherer klagt, weil dieser nicht zahlt, gewinnt in etwa der Hälfte aller Fälle, sagen Verbraucherschützer.

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