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Berufsunfähig: Wenn auf die Krankheit der Kampf gegen die Versicherung folgt

  • In Deutschland wird statistisch jeder Vierte bis Fünfte im Lauf seines Berufslebens berufsunfähig.
  • Für die Betroffene Brigitte Lauer war der Papierkram ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung kaum zu bewältigen.
  • Doch sie holte sich Betreuung.
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München. Brigitte Lauer (Name geändert) wirkt selbstsicher und nicht leicht aus der Bahn zu werfen. „Ich habe häufig daran gedacht, einfach aufzugeben“, gesteht die 40-jährige Ex-Zahnärztin dennoch. Sie meint damit nicht ihre selten diagnostizierte Krankheit mit dem unaussprechlichen Namen Bogengangdehiszenzsyndrom. „Das ist eine Erkrankung des Gleichgewichtsorgans“, erklärt Lauer. Bei ihr war das mit schwerer Symptomatik verbunden. Stürze, Brech- und Schwächeanfälle und das überfallartig.

„Ich bin gesund ins Bett gegangen und krank aufgewacht“, erzählt die Medizinerin. Die Krankheit war aber nur das Eine. Was sie an den Rand der Verzweiflung gebracht hat, war der zusätzliche Kampf mit ihrer Berufsunfähigkeitsversicherung (BU).

Papierkram war kaum zu bewältigen

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„Angefangen hat es mit einem ersten Antragsformular und ungefähr 25 Seiten“, erinnert sich Lauer. Das war zwei Monate nach einer Operation im Juli 2019, als klar war, dass sie als Zahnärztin nie mehr würde arbeiten können. Schon dieser Papierkram war damals kaum zu bewältigen. Nach der Operation musste die Patientin erst einmal wieder mit ihrer Motorik klar kommen. „Das ist wie nach einem Schlaganfall“, erklärt sie. Dazu kamen Hörverlust und Sehschwäche.

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„Ich war pflegebedürftig“, stellt Lauer klar. In einer solchen Lage müssen berufsunfähig gewordene Menschen ihrer Versicherung klar machen, dass sie zumindest im angestammten Beruf nicht mehr arbeiten können. Der erste Schritt ist, das sich selbst einzugestehen. „Ich wollte es nicht wahrhaben“, gesteht Lauer.

Jeder Vierte bis Fünfte wird berufsunfähig

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Dabei wird in Deutschland statistisch jeder Vierte bis Fünfte im Lauf seines Berufslebens berufsunfähig. Vor allem bei Frauen unter 40 Jahren häufen sich die Fälle. „Ich war total ausgeknockt, hatte große Angst, war total überfordert“, beschreibt die Medizinerin ihren Zustand damals, als die Versicherung mit nicht enden wollenden Fragen kam.

Weil ihre Krankheit kaum bekannt ist, hat sie dafür grundsätzlich Verständnis. Sechs Atteste musste sie dann nachliefern. „Ich dachte, das war es.“ Ein Irrtum. Von ihren Ärzten wurden immer weitere Stellungnahmen verlangt, die Lauer als Patientin besorgen musste. Auch ein Gutachten reichte der Versicherung nicht.

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„Das mit Ihrer BU-Rente bekommen wir hin“, habe ihr damals Julia Reese versichert. Sie ist Betreuerin im Serviceteam des Finanzberaters MLP, der Lauer die BU-Police vermittelt hat. Seit 2016 kümmert sich dieses Team ohne Zusatzkosten um BU-Versicherte, die Probleme mit der Durchsetzung ihrer Ansprüche haben.

Das kann zeitaufwändig sein. „Ich hatte Fälle, die haben von drei Tagen bis zweieinhalb Jahren gedauert“, erzählt Reese. Eigentlich ist die Juristin und Versicherungsfachfrau Ansprechpartnerin für MLP-Berater. Manchmal kommt sie aber auch direkt im Kontakt mit Versicherten.

Bedarf an Betreuung ist groß

Deren Bedarf ist groß, die Betreuung kommt an. 2018 hat das fünfköpfige MLP-Team 179 Fälle betreut. 2020 waren es schon gut 500, eine Zahl, die sich auch für dieses Jahr ankündigt. „Das Gefühl, dass sich jemand eine Leistung erschleichen will, hatte ich noch nie. Viele sind einfach hilflos und überfordert“, sagt Reese über ihre Erfahrung mit Menschen, die gerade berufsunfähig geworden sind.

Zur Überforderung passt, dass Hauptgrund für Berufsunfähigkeit seit einigen Jahren mit Quoten nahe einem Drittel psychische Erkrankungen sind. Wer einer Depression verfallen ist oder an Burnout leidet, kann mit Fragen eines BU-Versicherers oft besonders wenig anfangen. Aber auch wer wie Lauer aus anderem Grund berufsunfähig wird, hat einiges zu verdauen. Ewig nachfragende BU-Versicherungen werden da schnell als Problem und nicht als Lösung empfunden.

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Bund der Versicherten rät von Alleingängen ab

„Ich habe mich wie ein Bittsteller und Kostenfaktor gefühlt“, erzählt Lauer. Auch der Gedanke, sie werde bewusst zum Aufgeben ihrer Ansprüche getrieben, sei ihr gekommen. Ohne begleitende Beratung hätte sie kaum durchgehalten. Von Alleingängen rät auch der Bund der Versicherten (BdV) ab.

„Wenn ein Verbraucher eine Leistung aus der BU-Versicherung beantragt, sollte er dies nicht eigenständig tun, sondern sich professionelle Unterstützung holen“, sagt Constantin Papaspyratos als BU-Experte des BdV.

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Das könnten spezialisierte Versicherungsberater oder Rechtsanwälte sein, die dafür in der Regel einige hundert Euro verlangen. Auch Versicherer wie Allianz bieten Unterstützung. Oft ist aber nur die Erstberatung kostenfrei. Bei MLP als Makler müssen Versicherte nichts extra bezahlen, auch wenn der Prozess Jahre dauert.

Begleitung ist wichtig

Wie wichtig Begleitung ist, zeigt auch eine Studie des Analysehauses Morgen & Morgen. Hauptgrund für eine nicht ausgezahlte BU-Rente ist demnach mit gut 37 Prozent der Umstand, dass ein Kunde irgendwann nicht mehr auf Fragen antwortet, was nach Lauers Schilderungen gut nachvollziehbar ist.

„Dabei habe ich den großen Vorteil, selbst medizinisch bewandert zu sein“, betont die Ex-Zahnärztin. In Erinnerung ist ihr auch eine Episode geblieben, als ein augenärztliches Attest gefordert wurde. Der erste Augenarzt habe sie aus der Praxis komplimentiert, als er erfahren hatte, dass es um eine BU-Versicherung ging. Ihm war klar, dass das viele Nachfragen nachziehen könnte.

Seit Ende 2020 hat Lauers BU-Versicherung anerkannt, dass sie berufsunfähig ist. Vor einem halben Jahr hat sie eine Tochter geboren, will aber wieder arbeiten. Als Wissenschaftsjournalistin hat sie sich schon vor der Geburt versucht und plant das auch nun. Ein schönes Leben sei weiter drin, wenn auch mit Einschränkungen. Hör- und Sehschwächen sind bleibend. Auch Radfahren funktioniert motorisch nicht mehr – und Arbeit am Menschen. „Zahnärztin geht nie mehr“, bedauert die 40-jährige.

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