Woher kommt die Angst der Deutschen vor der Abschaffung des Bargeldes?

  • Die EU-Kommission will eine Obergrenze für Bargeld­zahlungen in Höhe von 10.000 Euro einführen.
  • Viele EU-Länder haben bereits eine, die deutlich darunter liegt.
  • In Deutschland gibt es hingegen keine, und Kritiker laufen Sturm gegen die Pläne. Warum eigentlich?
Christoph Zempel
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Berlin. In Frankreich sind es für französische Steuerzahlerinnen und Steuerzahler 1000 Euro, in Italien 999 Euro und in Griechenland ist sogar bei 500 Euro Schluss. Obergrenzen für Bargeld­zahlungen sind in vielen europäischen Ländern längst Standard. Der jüngst vorgelegte Plan der EU-Kommission, Bargeld­zahlungen auf 10.000 Euro zu deckeln, sieht da eine vergleichsweise hohe Obergrenze vor. Und er betrifft nur die wenigen Mitglieds­länder, die bislang kein Limit eingeführt haben, darunter etwa Österreich, Zypern, Luxemburg – und Deutschland.

Deutschland überrascht in dieser Liste nicht. Wenn es um Bares geht, sind viele Deutsche bekanntlich sensibel. Während in vielen EU-Ländern die Bedeutung des Bargeldes schwindet und es etwa in Skandinavien kaum mehr eine Rolle spielt, ist die Liebe zu Scheinen und Münzen hierzulande nach wie vor groß. Zwar schreitet der Trend zum digitalen Bezahlen auch zwischen Küste und Alpen voran, doch nach wie vor nutzen die Deutschen kein Zahlungsmittel so häufig wie Bargeld. 60 Prozent aller Transaktionen werden noch immer in bar abgewickelt, ergab eine repräsentative Erhebung der Bundesbank im vergangenen Jahr. Vor drei Jahren waren es 74 Prozent.

Auffallend ist auch die Menge an Bargeld, die zuletzt in Umlauf war. Die Bundesbank bezifferte den Wert der von ihr ausgegebenen Banknoten Ende Mai auf 839 Milliarden Euro – 52 Milliarden und 6,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

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Trotz Corona bleibt Bargeld beliebt

An der deutschen Neigung zum Baren änderte auch die Corona-Krise nicht so viel, wie manch einer erwartet hatte. Zwar wurde 2020 bereits jeder dritte Einkauf im stationären Handel per Karte bezahlt, wie eine im Juni veröffentlichte Studie des Kölner Handels­forschungs­instituts EHI ergab. Doch laut einer Erhebung der Bundesbank haben nur etwa 13 Prozent der befragten Smartphone­besitzerinnen und ‑besitzer schon einmal mobil mit dem Handy an der Kasse bezahlt.

Entsprechend groß scheint für viele Deutsche die Angst zu sein, wenn ihnen jemand ans Bargeld will. Doch woher kommt diese Leidenschaft, aus der die Furcht vor der Abschaffung von Münzen und Scheinen zu erwachsen scheint?

Jemand, der sich seit Jahren mit der Passion für Bargeld im deutschsprachigen Raum beschäftigt, ist Erich Kirchler, Professor für Wirtschafts­psychologie an der Universität Wien. „Bargeld ist prototypisch für den recht unscharfen Begriff ‚Geld‘, wird überall akzeptiert und ist einfach praktisch“, sagt er dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND). Auch wenn viele seit der Pandemie in großem Umfang die Praktikabilität bargeldlosen Zahlens kennengelernt hätten.

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Bargeldliebe entwickelt sich bereits in der Kindheit

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Die Gründe für das Entstehen der Bargeldliebe liegen für Kirchler bereits in den ersten Jahren des Lebens. „Wir sind seit unserer Kindheit mit Münzen und Scheinen konfrontiert, lernen, dass wir mit Geld das kaufen können, was wir haben möchten, freuen uns über Geld als Geschenk der Eltern, Tanten, Onkel und Großeltern, lernen Geld als Wert schätzen“, sagt er. „Geld bedeutet, etwas zu vermögen, und gibt Freiheit.“ Zudem seien Münzen und Scheine konkret anschaulich, im Gegensatz zu Karten oder E‑Geld und machten es relativ einfach, die Kontrolle über Ausgaben zu behalten. Mit Karten sei das wesentlich schwerer.

Daraus erwächst für Kirchler auch die Angst vor einer Abschaffung des Bargeldes. Diese liege in der Vermutung begründet, „dass der Staat, der Fiskus, die Banken die Kontrolle über unser Kauf- und Sparverhalten haben und unser Verhalten beeinflussen können“. Hinzu komme der befürchtete Verlust der Selbstkontrolle und der Anschaulichkeit von Münzen und Scheinen sowie die vermuteten Einschränkungen von praktischen Vorteilen des Bargeldes wie zum Beispiel, überall zahlen und es immer griffbereit haben zu können – und Verlässlichkeit zu haben, auch wenn der Strom mal ausfällt und Karten nicht gelesen werden können.

EU-Kommission will Kampf gegen Geldwäsche verschärfen

Der Plan der EU-Kommission, eine flächendeckende Obergrenze für Bargeld­zahlungen einzuführen, ist auch weniger gegen Bargeld als solches gerichtet, sondern zielt vielmehr auf etwas anderes ab: Geld aus kriminellen Geschäften soll nicht mehr so einfach in die reguläre Wirtschaft fließen können. Denn viele Fachleute sehen im Kampf gegen Geldwäsche große Mängel.

Noch ist nichts entschieden, doch Kritikerinnen und Kritiker in Deutschland laufen bereits Sturm gegen den Vorschlag der EU-Kommission. Der CDU-Wirtschaftsrat etwa hatte zuletzt vor einem solchen Limit für Barzahlungen gewarnt. Eine Bargeld­obergrenze wäre ein pauschaler und direkter Eingriff in die Freiheit und Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger, ohne dass dem Ziel der Geldwäsche­bekämpfung gedient wäre, sagte Generalsekretär Wolfgang Steiger dem RND. Er verwies auf Studien, die belegten, dass solche Obergrenzen keinen signifikanten Nutzen im Kampf gegen Geldwäsche hätten. Leidtragende wären stattdessen Händler und Wirtschaft, sagte Steiger weiter.

Wie wirkungsvoll sind Obergrenzen gegen illegale Geldgeschäfte?

So argumentiert auch die Industrie- und Handels­kammer (IHK) Gießen-Friedberg, die mit einer Kampagne schon seit Jahren dafür kämpft, Bargeld zu erhalten, und Obergrenzen strikt ablehnt.

Durch diese würden Geldwäsche und andere illegale Geldgeschäfte nicht wirksam begrenzt, heißt es etwa in einem Sonderdruck zu einer Ausgabe des Wirtschafts­magazins der IHK, mit dem die Organisation seit 2016 für ihr Anliegen wirbt. Das hätten namhafte Forscher wie Friedrich Schneider bestätigt. Tatsächlich äußerte sich der Wirtschafts­wissenschaftler der Universität Linz in Österreich zuletzt kritisch in einem Bericht des Deutschlandfunks. Bargeld sei keinerlei Ursache für Schwarzmarkt-Schatten­wirtschaft. „Ursachen sind Steuerdruck, Regulierungsdruck, Arbeitslosigkeit, Rezession“, wird er zitiert.

Der Gießener IHK-Hauptgeschäfts­führer Matthias Leder glaubt, dass rechtschaffene Unternehmen kriminalisiert würden, während Geldwäscher Ausweichreaktionen ergreifen könnten.

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Was bezahlen Menschen mit 10.000 Euro in bar?

Bargeld biete überdies auch Datenschutz, sagt er. Ein häufig ins Feld geführtes Argument. Denn anders als Bargeld­transfers hinterlässt digitales Bezahlen eine individuell nachverfolgbare Spur. Andererseits liegen die Vorteile des digitalen Bezahlens auf der Hand: Es ist bequem, geht schnell und das Vermögen kann im Gegensatz zu Bargeld nicht aus Versehen aus der Tasche fallen. Wer digital bezahlt, spart sich zudem den Gang zum Geldautomaten.

Und wirkt nicht die Obergrenze von 10.000 Euro wie ein vergleichsweise mildes Limit? Denn welche Ware im Wert von mehr als 10.000 Euro bezahlt man bar und wie oft kommt es in Deutschland überhaupt zu Barzahlungen mit einem Wert von mehr als 10.000 Euro? Die Bundesbank teilt auf Anfrage des RND mit, dies sei derzeit nicht bekannt.

Problem der Negativzinsen

Leder nennt exemplarisch Gebraucht­wagen­händler, die in solchen Dimensionen bar zahlen, nämlich dann, wenn sie Autos über die Grenze verkaufen. „Bevor die Verbrennungs­motoren in der EU verboten sein werden, wird sich dieser Trend noch deutlich verstärken“, glaubt er. Und auch Schmuck und Edelmetalle würden häufig in bar bezahlt.

Dass Deutschland damit im europäischen Vergleich einen Sonderweg geht, sieht Leder nicht als Problem. „Wir haben in der EU viele Normen­unterschiede, die, wenn sie die Grundfreiheiten nicht einschränken, absolut legitim sind.“ Beispielhaft führt er Tempolimits an, die es in den meisten europäischen Ländern für Kraftfahrzeuge auf Straßen gibt. Und, sagt er, „in Irland und im Vereinigten Königreich fahren die Menschen links, sonst fahren sie überall rechts“.

Viel wichtiger aber ist aus Leders Sicht etwas anderes: In Zeiten ultralockerer Geldpolitik der Zentralbanken gehe es beim Bargeld nicht nur um Barzahlungen, sondern um eine elementare Freiheitsfrage. „Lässt der Staat mir meine Freiheit, mit meinem Geld zu tun, was ich will, oder schreibt er mir vor, dass und wie ich es ausgeben soll?“, sagt Leder. „In Zeiten von Null- beziehungsweise Negativzinsen ist Bargeldhaltung für manche Menschen und Institutionen ein wichtiges Ventil, um Strafzins­zahlungen zu entkommen.“ Die verteilungspolitischen Konsequenzen der Negativ­zinspolitik, die häufig mit Rufen nach Zurückdrängung von Bargeld­transaktionen und Bargeld­haltung einhergingen, hält er für „gravierend“.

Immobilien­märkte und Aktienmärkte würden befeuert, während davon nur diejenigen profitierten, die ohnehin schon viel hätten. „Wer nur über geringe Ersparnisse verfügt, aber nicht genug Geld hat, um in den genannten Märkten zu investieren, der wird über Negativzinsen enteignet.“

Wunsch nach besserer Kommunikation

Wirtschafts­psychologe Kirchler findet den Vorschlag der EU-Kommission hingegen gut, „weil alle Vorteile des Bargeldes bei kleinen Beträgen liegen“. Es müsse aber klar kommuniziert werden, warum eine Obergrenze sinnvoll und im Sinne der Gesellschaft sei. Er sieht die Chance, damit illegale Geschäfte besser zu kontrollieren und die Diebstahl­gefahr zu verringern. Auch plädiert er dafür, Menschen mit unterschiedlichen Bedenken gruppenspezifisch anzusprechen, um die Akzeptanz einer Obergrenze zu erhöhen. Denn, sagt er, mit Geld seien auch Gefühle verbunden. Neben der Kommunikation auf kognitiver Ebene müsse entsprechend auch die emotionale Ebene angesprochen werden.

Sinnvoll findet auch Konrad Duffy eine Obergrenze für Bargeld­zahlungen. „Es ist schon sonderlich, dass Immobilien in Deutschland noch heute mit Koffern voller Bargeld bezahlt werden können“, sagt der Referent für Finanz­kriminalität bei der Bürger­bewegung Finanzwende. „Klar ist aber auch: Eine Bargeld­obergrenze bei 10.000 Euro ist keinesfalls ein Allheilmittel. Es braucht vielmehr den Willen in Politik und Aufsicht, das Thema Geldwäsche endlich umfassend und entschieden anzugehen.“

„Niemand wird zu Bargeld­zahlungen gezwungen“

Leder räumt ein, wie selten Bargeldzahlungen über 10.000 Euro sind. Dennoch, sagt er, gebe es bisher keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass in Ländern wie Italien oder Griechenland, in denen es Bargeld­obergrenzen gibt, weniger Geldwäsche betrieben werde als in Deutschland oder Österreich. „Krypto­währungen sind vielmehr im digitalen Zeitalter das neue Ventil, mit dem im großen Stil Geld gewaschen wird“, so Leder.

Er hält Bargeld­zahlungen über 10.000 Euro auch nicht für unpraktisch. „Zum einen wird ja niemand zu Bargeld­zahlungen gezwungen. Und zum anderen: 20.000 Euro sind gerade mal vierzig 500-Euro-Scheine, das passt gut in einen Briefumschlag.“

Das Argument, sich mit digitalem Bezahlen besser vor Überfällen schützen zu können, findet er zudem vorgeschoben. „Hat man in der BRD oder Österreich in den vergangenen Jahrzehnten besonders häufig von Überfällen auf Inhaber von Bargeld gehört? Doch wohl eher nicht.“

Und worin sieht er die Gründe für die Liebe vieler Deutscher zum Bargeld? Da spielten Überlieferungen aus der Vergangenheit einer große Rolle, vor allem Inflations­erfahrungen oder Berichte darüber. „Bargeld gibt den Menschen das Gefühl, Herr der eigenen Finanzen zu sein, für viele Menschen ist Giralgeld oder Digitalgeld weniger greifbar“, sagt er. Er verweist auf einen Spruch, der diese Haltung widerspiegele und den in Deutschland alle kennen dürften: „Nur Bares ist Wahres.“

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