Die Lokführer sind im Recht – und trotzdem verantwortungslos

  • Im Zorn über GDL-Chef Claus Weselsky sind sich viele Bahnreisende und Pendler einig – dabei sind viele Anliegen des Lokführerchefs berechtigt.
  • Trotzdem ist der Streik schäbig, kommentiert Andreas Niesmann.
  • Die Lokführer nehmen die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger in Haftung für ihre Interessen.
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Berlin. Man muss Claus Weselsky, den streit- und streikfreudigen Chef der Lokführer-Gewerkschaft GDL nicht mögen. Einige der Bahnfahrinnen und Bahnfahrer, die derzeit an verlassenen Bahnsteigen stehen oder sich in überfüllte Züge quetschen, werden dem Schnauzbartträger mit dem zackigen Auftreten auch einen leisen Fluch hinterherrufen – oder vielleicht sogar einen lauten.

Und doch lässt sich kaum bestreiten, dass Deutschlands umstrittenster Gewerkschafter im aktuellen Arbeitskampf mit einigen seiner Anliegen schlicht und einfach Recht hat.

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Der Tarifabschluss der Konkurrenzgewerkschaft EVG unterhalb der Inflationsrate ist ein Witz – angespannte wirtschaftliche Lage hin oder her. Die Bahn ist kein Unternehmen wie jedes andere. Sie ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und als 100-prozentige Tochter des Staates mehr an die Weisungen der Politik gebunden als an Fragen der eigenen Wirtschaftlichkeit.

Die Regierung sollte den Verlust bezahlen – nicht die Beschäftigten

Den Milliardenverlust des vergangenen Jahres hat zu einem guten Teil die Bundesregierung verursacht, weil sie die Bahn angewiesen hat, ihr Zugangebot trotz teils dramatisch einbrechender Passagierzahlen weitgehend aufrechtzuerhalten. Für die Entscheidung gab es gute Gründe, aber nun ist es auch recht und billig, dass die Regierung den Verlust bezahlt – und nicht die Beschäftigten.

Video
GDL-Streik am Donnerstag: Bahn äußert sich zu Fahrplänen
1:36 min
Die Gewerkschaft GDL streikt und legt damit den Bahnverkehr teilweise lahm. Bahnsprecher Achim Stauß beantwortet im RND Interview die wichtigsten Fragen.  © RND
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Die Mitarbeiter der Bahn sind Helden der Pandemie. Wie Kassierer im Supermarkt, Pflegekräfte im Krankenhaus und viele andere haben sie das Land am Laufen gehalten – und dabei Risiken für die eigene Gesundheit in Kauf genommen. Im Gegenzug einen über abendliches Balkonklatschen hinausgehenden Bonus einzufordern, ist angemessen – auch wenn die Zugbegleiter diesen sicher noch ein Stück mehr verdient haben als die Lokomotivführer.

Aktueller Streikzeitpunkt ist von allen denkbaren der ungünstigste

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Gebührt also der vielgescholtenen GDL in diesem Tarifstreik die Heldenrolle, während dem Management des Staatskonzerns die Besetzung der Fieslinge und Schurken bleibt? Nein, ganz so einfach ist die Sache dann auch wieder nicht.

Zwar stimmt Weselskys Satz, dass es einen günstigen Zeitpunkt für einen Bahnstreik nicht gibt. Gleichzeitig stimmt aber auch, dass es besonders ungünstige Zeitpunkte sehr wohl gibt. Und der aktuelle Streikzeitpunkt ist von allen denkbaren der ungünstigste.

Ferienzeit, Reiselust, und Rohstoffknappheit – das alles macht den Arbeitskampf schon ziemlich folgenschwer. Wirklich vorwerfen lassen müssen sich die Lokführer aber, dass sie die immer stärker werdende vierte Welle der Corona-Pandemie bei ihrem Arbeitskampf einfach ausklammern.

Wird sich die Corona-Lage in den kommenden Tagen und Wochen wieder verschärfen? Wie viele Menschen lassen sich noch impfen? Wie viele Impfdurchbrüche gibt es? Und wie stark werden sich die absehbar steigenden Infektionszahlen auf die Belegung der Intensivstationen auswirken? Niemand kann das derzeit seriös vorhersagen.

Verantwortungslos und schäbig

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Die Lage ist unsicher, sicher ist aber, dass überfüllte Züge in diesen Tagen ein Risiko sind, dass man besser vermieden hätte. Die Lokführer nehmen nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung des Landes, sondern auch die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger in Haftung für ihrer Interessen. Das ist verantwortungslos. Und es ist schäbig.

Ja, das mag ein Totschlagargument sein. Und es ist dennoch ein schlagendes.

In der Nacht auf Freitag ist der erste Streik vorbei. Ein zweiter muss um jeden Preis vermieden werden. Die Gewerkschafter, das Bahnmanagement aber auch Vertreter der Politik müssen ihren Teil beitragen, um einen Kompromiss zu finden. Das ist angesichts der Spanne zwischen Lohnforderung und Angebot keine Unmöglichkeit.

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Ein zweiter Streik wäre niemandem zu erklären. Käme es soweit, dürfte auch Claus Weselsky auf kein Verständnis mehr hoffen – so berechtigt seine Forderungen auch sein mögen.

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