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Autor Dopheide über Manager: „Die glauben, dass man die Welt mit Zahlen steuern kann“

  • Schauen wir zu sehr auf Zahlen – und werden dadurch unkreativ und unmenschlich?
  • Ja, glaubt der Autor und frühere Manager Frank Dopheide.
  • Im Interview erklärt er, wie es anders ginge. Und warum das gut für Wirtschaft und Gesellschaft wäre.
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Wider die Diktatur der Zahlen, mehr Raum für Kreativität und Menschliches – das will Frank Dopheide in der Wirtschaft erreichen. Der 58-Jährige hat in verschiedenen Führungspositionen gearbeitet, war lange für Werbeagenturen unterwegs. Jetzt hat er mit „Gott ist ein Kreativer – kein Controller“ ein Buch geschrieben. Denn seiner Meinung nach müssen Deutschlands Manager dringend umdenken. Zum Wohle der Unternehmen und der Gesellschaft.

Herr Dopheide, hassen Sie Chefcontroller?

Frank Dopheide: Nein! Ich hasse keine Menschen, im Gegenteil ich liebe Menschen. Aber CFOs (Chief Financial Officers, Chefcontroller, Red.) und andere Zahlendreher haben uns mit ihrer Art des Denkens und Managens in eine Optimierungsfalle geführt. Da stecken wir fest, insofern braucht es einen Perspektivwechsel.

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Über den haben Sie nun ein Buch geschrieben. Wie kam Ihnen die Idee dazu?

Ich weiß noch, wann ich das erste Mal das Gefühl hatte, das etwas schiefläuft: Ich wurde als erster Kreativer in 50 Jahren Unternehmensgeschichte Chairman von Grey. Zum ersten Global-Board-Meeting habe ich einen Koffer voller Ideen mitgebracht – und all das spielte keine Rolle. Wir haben nicht über Innovationen, Kunden oder Mitarbeiter geredet, sondern drei Tage lang über Zahlen. Der Mensch kam nur als Zielgruppe, als Kollektiv oder als Teil von Organigrammen vor. Dabei haben wir Werbung gemacht, der Kern unseres Schaffens war der Mensch.

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In Ihrem Buch geht es viel um „Stefan“, einen fiktiven Prototypen eines deutschen Managers. Was macht der falsch?

Stefan heißt Stefan, weil das der häufigste Name unter den Dax-Chefs ist. Die sind alle gleich, alle sind glatt rasiert und Marathonläufer. Und sie sind alle durch die gleiche Denkschule bei McKinsey gegangen. Die Stefans dieser Welt sind einzig und allein auf der Logikschiene unterwegs. Es gibt kein Land, dass mehr CFOs auf den Chefsessel gesetzt hat als Deutschland. Sie glauben, dass man die Welt am besten mit Zahlen steuern kann.

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Nun sind Zahlen in der Wirtschaft ja nicht unwichtig. Was ist an dieser Denke problematisch?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen am Hochzeitstag zu Ihrem Ehepartner und führen ein Jahresgespräch, inklusive Zielvereinbarungen. Dann erzählen Sie, Sie hätten mit Ihren Ärzten, Freundinnen, Ex-Partnern und Schwiegereltern gesprochen und KPIs (Key Performance Indicators, Schlüsselindikatoren zur Performance, Red.) eingeholt. Und dann erklären Sie Ihrem Partner, dass Sie Optimierungspotenzial sehen und dass Sie darum bitten, auch die neue Zielvereinbarung zu unterschreiben. Sie werden am eigenen Leib spüren: Es gibt einen Unterschied zwischen Powerpoint und wahrem Leben.

Frank Dopheide leitet heute „Human unlimited“, eine Agentur, die Unternehmen helfen will, einen tieferen Sinn in ihrem Wirtschaften zu entwickeln. Zuvor war Dopheide bei verschiedenen Werbeagenturen tätig, unter seiner Ägide rückte beispielsweise Grey Worldwide in die Rangliste der zehn wichtigsten Kreativagenturen weltweit auf. Später war der heute 58-Jährige lange bei der Handelsblatt-Verlagsgruppe, unter anderem fiel die Kundenentwicklung und Markenführung in seinen Zuständigkeitsbereich. © Quelle: Privat

Wie zeigt sich das in Unternehmen?

Die Stefans fühlen sich in erster Linie den Zahlen, nicht den Menschen verantwortlich, reden in erster Linie mit der Finanzcommunity und lesen mehr Excel-Charts als Bücher. Das hat massive Nebenwirkungen auf die Art und Weise, wie man denkt, fühlt und kommuniziert. Man ist immer getrieben von einer unsichtbaren Macht, dem Markt. Und dann ist das einzige Augenmerk darauf gerichtet, den Unternehmenswert zu erhöhen – womit letztendlich der Börsenwert gemeint ist.

Warum sollte das ein Problem für die Unternehmen sein?

Outsourcing und Co. führen zu höheren Börsenkursen, aber die Stefans haben die Menschen verloren. 87 Prozent der Mitarbeiter fühlen sich ihrem Unternehmen nicht mehr verpflichtet. Rabatte haben Kunden illoyal gemacht. Und das Schlimmste: Weil Unternehmen gar nicht mehr beweisen wollen, was sie für die Menschheit leisten, haben sie die gesellschaftliche Akzeptanz verloren.

Trotzdem verdienen viele Unternehmen gutes Geld …

Selbst bei den großen Techkonzernen spürt man, dass das Geschäftsmodell von Facebook, Google und Konsorten fragiler ist als viele denken. Die Gesellschaft wird skeptischer. Und die Politik kann den Unternehmen über Nacht den Stecker ziehen. Dann war es das mit dem Geschäftsmodell und dem Börsenwert. Das wird übersehen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

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1971 hat Milton Friedman einen fatalen Satz gesagt: The Business of Business is Business – frei übersetzt: Kümmert euch um die Zahlen und nichts anderes. In dem Moment wurde die Verantwortung für Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt runterpriorisiert. Jetzt spürt man, dass das eine gefährliche Entwicklung ist. Deshalb sind viele Investoren hinter Stichworten wie Nachhaltigkeit und sozialer Verantwortung her. Das ist Risikovorsorge.

In Ihrem Buch taucht auch Gott auf – als eine Art sehr erfahrene Führungskraft, die alles anders machen würde als Stefan. Das erinnert etwas an Max Weber, der schon vor 100 Jahren festgestellt hat, dass neben den marktwirtschaftlichen Mechanismen auch die protestantische Ethik viel zum Erfolg hiesiger Unternehmen beigetragen hat. Brauchen wir mehr Ethos in der Wirtschaft?

Ja! Da kommt das momentan beliebte Schlagwort Purpose, also Sinn, ins Spiel. Historisch gesehen war die Stoppuhr neben dem Fließband von Henry Ford der Anfang vom Ende. Wir merken, dass wir seit der Zerlegung der Produktionsprozesse in viele winzige Schritte gar nicht mehr wissen, was wir Tag für Tag tun. Wir spüren die Wirksamkeit des eigenen Handelns nicht mehr. Wir beantworten täglich 1000 E-Mails, haben aber am Ende des Tages das Gefühl, nichts geschafft zu haben. Uns fällt auf die Füße, dass wir zwar gute Zahlen, aber eine große innere Leere produziert haben.

„Gott ist ein Kreativer – kein Controller“ von Frank Dopheide ist gerade bei Econ erschienen. Der Verlag verspricht eine „erkenntnisreiche Reise durch die hoch gestapelte Irrwelt des Managements“, die allerdings versöhnlich enden soll. © Quelle: Ullstein Buchverlage

Aber was würde Gott als Führungskraft konkret anders machen?

Zuerst würde er sagen, Führung ist ein schöpferischer Akt – und kein Rechenmodell. Dann würde er sagen, dass eine Führungskraft Menschen lieben und Zahlen verstehen muss – aber eben in der Reihenfolge. Und er würde sagen, dass die Großen und Starken die Kleinen und Schwachen schützen müssen.

Wie bringt man das den „Stefans“ dieser Welt bei?

Das Gute ist: Die Stefans sind zu Hause mehr Mensch, als man denkt. Es geht darum, diese menschliche Seite im Unternehmen spürbar zu machen, zu erkennen, dass beide Gehirnhälften – also auch die unlogisch-soziale – nützlich sind. Schließlich sind dann die Möglichkeiten doppelt so groß. Wenn man immer nur logisch denkt, ist das wie ein Navigationsgerät, das nur eine Route kennt. Wenn alle die nutzen, gibt es Stau. Der schwierige Part ist, dass man das auch belohnen sollte. Wer anders handelt, sollte von der Gesellschaft beklatscht werden.

Auf Zahlen schauen CFOs nicht nur aus freien Stücken, sondern auch, weil es Aktionäre fordern. Wie realistisch ist es, sich davon zu lösen?

Zahlen zeigen durchaus an, ob man in die richtige Richtung läuft. Meinetwegen sollen sich Kohorten von Controllern mit nichts anderem als Zahlen beschäftigen, aber die höchste Führungsebene eines Unternehmens muss alles im Blick haben. Das war schon früher im Tennisklub so: Der Präsident organisierte den Laden, lockte Leute in den Klub und kümmerte sich um den Nachwuchs. Und dann gab es den Kassenwart, der sich um die Zahlen gekümmert hat. Den zum Präsidenten zu machen, ist eine schlechte Idee.

Trotzdem sind die Zahlen mit Blick auf die gesamtdeutsche Wirtschaft gar nicht so schlecht. Warum sollte man jetzt so grundsätzlich umdenken?

Auch die Zahlen am neuen Markt waren super, dann krachte es. Die Zahlen in der Finanzindustrie waren super, dann platzte die Immobilienblase. Die Zahlen in der Energiebranche waren super, dann explodierte Fukushima. Unter der Oberfläche der Zahlen braut sich momentan was zusammen. Bloß weil wir Dinge wie Ideenreichtum, Vorstellungsvermögen, Kampfgeist und Durchhaltewillen nicht in Zahlen messen können, können wir nicht so tun, als würden sie keine Rolle spielen.

Frank Dopheide: „Gott ist ein Kreativer – kein Controller“, Econ, 214 Seiten, 18 Euro.

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