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Autogipfel: Muss Deutschlands wichtigste Industrie vom Staat gerettet werden?

  • An der Zahl der Beschäftigten gemessen, ist die Automobilwirtschaft die wichtigste Industrie in Deutschland.
  • Doch dank Klimaschutz und Digitalisierung stehen ihr so heftige Umbrüche bevor, das sich das ändern könnte.
  • Nun ringen Politik, Gewerkschaften und Hersteller um einen Ausweg.
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Berlin. In Zwickau beginnt die Zukunft von Volkswagen: Das dortige Werk fertigt seit Herbst den ID.3. Der soll zum elektrischen Flaggschiff des Konzerns avancieren, soll nach den Worten von VW-Chef Herbert Diess der E-Mobilität zum Durchbruch verhelfen. Und trotzdem ist die Automobilindustrie in Krisenstimmung, statt Durchbruch stehen in manchen Regionen die Zeichen gefühlt eher auf Zusammenbruch – was allerdings eher den globalen Konjunktursorgen als dem Strukturwandel geschuldet ist. Denn global ist die Nachfrage nach Autos angesichts des Handelsstreits eingebrochen.

Doch mittelfristig krempelt die Fertigung von Elektroautos die hiesige Industrie um. Ein Stromer besteht aus weniger Teilen als ein Verbrenner – dementsprechend weniger Arbeitskräfte werden beim Zusammenbau benötigt. Ganze Zulieferer könnten sogar überflüssig werden. Immerhin werden die alten Antriebsstränge mit Verbrennungsmotor, Getriebe nicht mehr benötigt, was vor allem Bosch und Co. trifft.

Wieviele Arbeitsplätze sind bedroht?

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Das Frauenhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation rechnet nun mit 75.000 wegfallenden Arbeitsplätzen in der Antriebstechnik. Das Duisburger CAR-Institut spricht von 125.000 bedrohten Jobs, die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission Nationale Plattform Zukunft der Mobilität gar von bis zu 410.000 bedrohten Arbeitsplätzen – jedenfalls in einem Extremszenario, dass viele Fachleute allerdings für sehr unwahrscheinlich halten.

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Trotzdem sind die Sorgen um Deutschlands größte Industrie groß. Beim heutigen Spitzentreffen trifft sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) deshalb mit Gewerkschaftsbossen zum Mittagessen. "Die IG Metall erwartet, dass die arbeitsmarkt- und industriepolitische Flankierung der Verkehrswende einen Schub bekommt und die dafür nötigen Instrumente geschärft werden", sagte der Gewerkschaftsvorsitzende Jörg Hofmann der Deutschen Presse-Agentur (DPA) schon im Vorfeld.

Gewerkschaften essen mit Merkel zu Mittag

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Später sollen dem Vernehmen nach auch Vertreter der Bundesländer sowie der Hersteller zu der Runde hinzustoßen. Auch hier große Worte: "Der Autogipfel muss ein Gipfel der Industriearbeiter werden, denn sie bauen das Auto von morgen," sagte die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) der DPA.

Doch worum geht es konkret? Jedenfalls nicht um eine Abkehr von Klimazielen und Elektroautos. Viel mehr stehen Hilfen beim Umbau der Industrie im Vordergrund. Hofmann etwa schlägt vor, der Zugang zu Kurzarbeit müsse kurzfristig für die Branche erleichtert werden, um die auftrags- und strukturbedingte Unterauslastung ohne Entlassungen zu überbrücken. Auch solle Kurzarbeit zur Fortbildung von Beschäftigten genutzt werden können. Zudem sollten Qualifizierungsmaßnahmen für ganze Beschäftigtengruppen ermöglicht werden.

Mehr Hilfen für die Zulieferer

Rehlinger forderte die Umsetzung des geplanten "Arbeit-von-Morgen-Gesetzes" von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) unter anderem für mehr Qualifizierung. "Dazu müssen Hilfsangebote für die Zuliefererindustrie kommen, die sehr abhängig vom Antriebsstrang ist und Zeit braucht, die Produktion umzustellen." Hier böten sich etwa Bürgschaften oder Liquiditätshilfen des Bundes an, um über kurzfristige Ausfälle hinwegzukommen, ohne Menschen entlassen zu müssen. Auch Hofmann fordert solchen Beistand für die Zulieferer.

Zusätzliches Geld für betroffene Regionen?

Allerdings dürfte sich die Krise der Automobilwirtschaft unterschiedlich auswirken. Im Saarland etwa gehört Ford zu den größten Arbeitgebern, die klaren Ansagen der dortigen Wirtschaftsministerin Rehlinger sind deshalb keine Überraschung. Auch in Baden-Württemberg steigt die Nervosität. Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) fordert vom Bund Strukturhilfen für Regionen, die von der Transformation der Autobranche betroffen sind. „Der Bund gibt 40 Milliarden für den Kohleausstieg, von derart mutigen Investitionen in die Sicherung unserer zentralen Zukunftstechnologien ist dagegen wenig zu hören“, sagte sie am Mittwoch

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Die Autoindustrie aufgeben will indes niemand der Beteiligten. Im Gegenteil: SPD-Fraktionsvize Bartol sagte, an der Automobilindustrie hingen nicht nur Hunderttausende Arbeitsplätze, sondern eines der größten Forschungs- Entwicklung-Volumen weltweit. "Mit Sicherheit bleiben nicht alle Arbeitsplätze erhalten, daher müssen wir Neue aufbauen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren und offen sein für Neustrukturierungen von Wertschöpfungsketten", sagt Bartol aber auch.

IT-Experten statt Antriebsbauer?

Für die Zukunft bedeutet das womöglich: Betriebssysteme entwickeln statt Antriebsstränge bauen – was sich schon jetzt beim Personalbedarf niederschlägt. Volkswagen etwa sucht händeringend 10.000 Programmierer – worin Bartol einen Branchentrend erkennt. "Die Autos der Zukunft sind fahrende Computer, IT ist der Schlüssel für den Fahrzeugbau der Zukunft."

Damit dürfte er nicht ganz falsch liegen. Denn neben dem Klimaschutz zeichnet sich am Horizont bereits die nächste Herausforderung ab. Das autonome Fahren dürfte Mobilität grundsätzlich umkrempeln – und bislang haben in dem Markt Mobilitätsdienste wie Uber und Digitalkonzerne wie Google-Alphabet die Nase vorn. Aus Sicht mancher ein weiterer triftiger Grund für staatlichen Beistand für die Autoindustrie.

RND/dpa/hö

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