Autobranche 2021: Alles hängt vom Verlauf der Pandemie ab

  • Das Jahr 2020 lief auch für die Autobauer ganz anders als geplant.
  • Doch die anziehende Nachfrage im Fernen Osten bremst den coronabedingten Absturz der Absatzzahlen.
  • Was das Jahr 2021 der Branche bringt, hängt vom Verlauf der Pandemie ab.
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Ein heftiger Einbruch im Frühjahr und dann doch noch ein starker Endspurt. So lässt sich 2020 aus Sicht der Autobauer beschreiben. Im neuen Jahr warten viele Unwägbarkeiten auf die Hersteller und ihre Zulieferer. Alles hängt vom Verlauf der Pandemie ab.

VW, die Kernmarke des Volkswagen-Konzerns, hat 2020 noch rund 5,3 Millionen Fahrzeuge weltweit verkauft. Das waren fast eine Million oder gut 15 Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders in Westeuropa war es schwer, die Autos an den Mann und an die Frau zu bringen. Hier brach der Absatz um fast ein Viertel ein. China hat dafür gesorgt, dass die Einbußen nicht noch heftiger ausfielen. Dort ging es nur um ein Zehntel zurück. Doch die Wolfsburger sind mit den negativen Vorzeichen nicht allein. Andere Massenhersteller wie etwa Renault haben noch erheblich schwerere Rückschläge erlitten. Klaus Zellmer, Vertriebsvorstand der Marke VW, kehrt denn auch hervor: „Trotz aller durch die Pandemie verursachten Einschränkungen im Autohandel konnten wir unseren Weltmarktanteil halten und in einigen Regionen sogar noch leicht ausbauen.“

Luxus geht vor Masse – ein wiederkehrendes Muster

Die VW-Zahlen zeigen zugleich, dass sich ein wiederkehrendes Muster erneut bestätigt hat. In Krisenzeiten geht Masse schlechter als Luxus. So musste die VW-Konzernschwester Audi „nur“ einen Rückgang von 8,3 Prozent auf 1,69 Millionen verkaufte Fahrzeuge hinnehmen. Der Premium-Markenrivale BMW verzeichnete lediglich ein Minus von 7,2 Prozent auf rund zwei Millionen ausgelieferte Pkw, wie der bayerische Konzern am Dienstag mitteilte. Auch die Ingolstädter und die Münchner haben von einer wiedererwachten Kauflust ihrer chinesischen Kunden vor allem in den letzten drei Monaten des abgelaufenen Jahres profitiert. In der Volksrepublik war im vierten Quartal von der Pandemie – nach allem was öffentlich bekannt ist – kaum noch etwas zu spüren. Die Wirtschaft wuchs insgesamt und mit ihr ging auch die Autokonjunktur nach oben.

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Plus beim BIP steigert die Pkw-Nachfrage

Da ist ebenfalls ein wiederkehrendes Muster erkennbar. Über lange Zeiträume lässt sich nachweisen, dass mit einem Plus beim Bruttoinlandsprodukt auch die Pkw-Nachfrage steigt. Was das für 2021 bedeutet? Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer geht für das erste Halbjahr von einer „Dürrezeit“ für den hiesigen Automarkt aus. Natürlich wegen Wachstumsschwäche: Immer mehr Volkswirte erwarten, dass zumindest in den ersten drei Monaten das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland und in Europa nicht wachsen wird. Die Warnungen vor einem Double Dip, einem zweiten Absacken der Wirtschaftsleistung binnen Jahresfrist, werden immer lauter. Wegen der hohen Infektionszahlen und einem Mutanten des Coronavirus, dessen Gefährlichkeit noch nicht absehbar ist. Vieles spricht für verlängerte Lockdowns nebst geschlossener Autohäuser und allerlei Beschränkungen für die Bürger, die zudem über weniger Geld für private Konsumausgaben verfügen. „Die Folge ist, dass die heutigen Fahrzeuge länger gefahren werden“, so Dudenhöffer.

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Noch unsicherer ist die Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte. Gelingt es dann aber, die Pandemie einzudämmen, könnte ein Nachfrageschub ausgelöst werden. Schon allein wegen der aufgeschobenen Neukäufe, zumal auf den hiesigen Straßen Fahrzeuge mit dem hohen Durchschnittsalter von zehn Jahren unterwegs sind. Dudenhöffer hält einen „stärkeren Auswechselprozess“ für denkbar. Autoexperte Helmut Becker sagte in einem Interview mit N-TV, sogar „ein Boom sondergleichen“ sei möglich, vergleichbar mit den Phasen nach der ersten Ölkrise 1975 und dem Finanzmarktcrash 2010.

Der Elektroboom wird sich fortsetzen

Viele neue Modelle können die Nachfrage antreiben. So macht VW-Manager Zellmer denn auch darauf aufmerksam, dass der vollelektrische neue Kompaktwagen ID 3 es bereits im vorigen Herbst an die Spitze der Verkaufscharts für batterieelektrische Pkw (BEV) in vielen europäischen Ländern geschafft habe. In diesem Jahr soll der ID 4 hinzukommen, ebenfalls ein reinrassiger Stromer, aber in Gestalt eines SUV. Auch BMW will die Zahl der elektrifizierten Modelle (Plug-ins und BEV) bis 2023 von derzeit 13 auf 25 steigern.

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Die Experten sind sich einig, dass der Elektroboom nicht nur weitergehen, sondern sich noch verstärken kann. Schon allein, weil so gut wie alle Autobauer ihr E-Angebot vergrößern und weil hohe staatliche Kaufprämien die Nachfrage anheizen. Doch das wird nicht für alle Akteure in der Branche eine gute Nachricht sein. Die neue Antriebstechnik bereite „klassischen Zulieferern mit ihren zum Teil hohen Umsätzen bei verbrennungsmotorischen Komponenten große Umsatzverluste“, so Dudenhöffer, der zudem davon ausgeht, dass trotz der Chancen auf eine zeitweise Erholung die Pkw-Produktion und -Nachfrage in Europa in den Jahren 2021 und 2022 diese insgesamt unter dem Vor-Corona-Niveau bleiben wird. Wobei zu bedenken ist, dass die Autokonjunktur schon Ende 2019 lahmte und dass das starke Wachstum bei den Elektrischen auf einem immer noch bescheidenen Niveau in absoluten Zahlen fußt. Deshalb rechnet der Direktor des Forschungsinstituts CAR mit einem „Abbau von Produktionskapazität und Arbeitsplätzen in diesem und im nächsten Jahr“.

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Was macht das alles mit der Branche? Frank Schwope, Autoanalyst bei der NordLB, verweist auf die kürzlich beschlossene Verschmelzung von Fiat Chrysler mit der französischen PSA, zu der Opel und die Hauptmarke Peugeot gehören. Die Fusion könne der Auftakt für weitere Zusammenschlüsse sein. Unter anderem hält er für möglich, dass sich Daimler mit Volvo oder Renault zusammentut. Eine andere Paarung könnte Volkswagen mit Ford sein. Der US-Autobauer hat international massive Probleme. Er verdient nur noch auf dem US-Heimatmarkt Geld. Am Dienstag gab die Konzernführung bekannt, dass man sich nach rund 100 Jahren komplett aus Brasilien zurückziehen werde. Auch in Europa war Ford zuletzt im Rückwärtsgang unterwegs.

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