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Bewerbermangel, Corona, Flut – der Start in das Ausbildungsjahr verläuft holprig

  • Nach dem Seuchenjahr 2020 mit der niedrigsten Zahl an Ausbildungsverträgen seit der Wiedervereinigung sollte in diesem Sommer alles besser werden.
  • Doch nun kämpfen die Betriebe im Westen der Republik mit den Folgen der Flut.
  • Und auch die Corona-Pandemie macht nach wie vor Probleme.
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Berlin. Der Start ins neue Ausbildungsjahr ist für Simon Lanzerath eigentlich immer ein Grund zur Freude. Der Geschäftsführer des Malerfachbetriebes Kohlhas im nordrhein-westfälischen Rheinbach bildet gern junge Menschen zum Maler und Lackierer aus, die Sache ist ihm wichtig. „Wir haben immer Auszubildende eingestellt, weil eine vernünftige Ausbildung das beste Mittel gegen den Fachkräftemangel ist“, sagt Lanzerath.

Und so sollten auch an diesem Montag eine junge Frau und ein junger Mann ihre Lehre in dem 15 Mitarbeiter zählenden Betrieb beginnen. Doch daraus wird vorerst nichts. Schuld ist die Hochwasserkatastrophe, die auch den Rhein-Sieg-Kreis mit voller Wucht getroffen hat. Gut 1,60 Meter hoch stand das Wasser in den Räumen der Firma. Maschinen, Werkzeuge, Büroflächen – alles wurde zerstört. Auch fünf der sieben Firmenfahrzeuge wurden durch das Wasser unbrauchbar.

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Lanzerath hat in diesen Tagen alle Hände voll damit zu tun, den Betrieb irgendwie wieder arbeitsfähig zu machen. Die örtliche Wirtschaftsförderung hat ihm Räume zur Verfügung gestellt, derzeit telefoniert und organisiert der Chef viel. Um für die neuen Azubis auch noch einen geregelten Ausbildungsstart sicherzustellen, fehlt ihm derzeit schlicht die Zeit. „Wir mussten das schweren Herzens einige Tage zurückstellen“, sagt der Malermeister.

Zahlreiche Ausbildungsunternehmen in den Hochwasserregionen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben derzeit andere Sorgen als den Beginn des Ausbildungsjahres an diesem Montag. Wie viele es genau sind, kann keiner sagen, denn zu manchen Betrieben haben die örtlichen Kammern immer noch keinen Kontakt. Und einige gibt es auch gar nicht mehr.

Unter keinem guten Stern

Das Ausbildungsjahr 2021, es scheint unter keinem guten Stern zu stehen – wieder einmal. Es herrscht massiver Mangel an Bewerberinnen und Bewerbern, die Corona-Pandemie macht nach wie vor Pro­bleme – und jetzt kommt auch noch die Flut hinzu. Immerhin: Ganz so schlimm wie im Seuchenjahr 2020 ist die Lage nicht mehr. Im vergangenen Jahr wurden in der Folge der Pandemie nur 465.200 Ausbildungsverträge abgeschlossen – es war der niedrigste Stand seit der Wiedervereinigung. In diesem Jahr zeigt die Kurve wieder nach oben, wenn auch nur leicht.

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Insgesamt 147.000 Ausbildungsverträge im Bereich Industrie, Handel und Dienstleistungen haben die Industrie- und Handelskammern (IHK) im ersten Halbjahr registriert, im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ist das ein Plus von 1,4 Prozent. Im Handwerk wurden gut 13 Prozent mehr Lehrverträge abgeschlossen als im Vorjahreszeitraum. Es sieht derzeit so aus, als könnten die Unternehmen den Einbruch des Corona-Jahres wieder halbwegs wettmachen, eine Trendwende allerdings ist nicht in Sicht.

Die Situation am Ausbildungsmarkt ist schon seit Jahren angespannt, immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Berufsausbildung. Der demografische Wandel ist einer der Gründe, die zunehmende Akademisierung der Gesellschaft ein weiterer. Der Mangel an potenziellen Bewerbern wird für die Wirtschaft ein immer größeres Problem.

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Viele Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt

„Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt bleibt herausfordernd“, sagt auch Peter Adrian, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Betriebe können noch viele Plätze nicht besetzen, weil es keine Bewerberinnen und Bewerber gibt.“

Zu Beginn des Jahres schwante dem DIHK-Präsidenten Schlimmes, da lagen die Zahlen noch unterhalb denen des Corona-Jahres 2020. Doch inzwischen geht es bergauf. „Wir sehen deutliche Anzeichen dafür, dass der Abwärtstrend gestoppt ist und sich eine Aufholjagd abzeichnet“, so Adrian. Wie die IHK-Unternehmen wollen auch die Handwerksbetriebe einiges auf die Beine stellen, um das Vorkrisenniveau wieder zu erreichen.

Bereits im Juni hat der „Sommer der Berufsausbildung“ begonnen, eine Veranstaltungsreihe von Regierung, Arbeitsagentur, Wirtschaftsverbänden und Kammern mit dem Ziel, die duale Berufsausbildung wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Mehrere Mitglieder der Bundesregierung machen sich dafür stark. „Industriebetriebe, Arztpraxen, Baufirmen – überall werden noch junge Menschen gesucht und gebraucht“, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier dem RND. „Nach den langen Corona-Monaten kommt nun wieder Schwung in den Ausbildungsmarkt. Das ist gut so, denn eine berufliche Ausbildung ist ein praxisnaher Einstieg ins Berufsleben und Sprungbrett für erfolgreiche Karrieren“, so der CDU-Politiker. Die duale Berufsausbildung in Deutschland sei ein weltweit anerkanntes Erfolgsmodell, sagt Altmaier. Mit den dort ausgebildeten Fachkräften komme das Land gestärkt aus der Corona-Krise.

Auch für Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ist der Zusammenhang zwischen Berufsausbildung und qualifizierten Fachkräften der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. „Die Azubis von heute sind die Fachkräfte von morgen“, sagt Heil. Deshalb unterstütze die Regierung mit der Ausbildungsprämie die Unternehmen, die trotz Corona-Krise ausbilden.

Grundsätzliche Probleme bleiben ungelöst

Unabhängig von Pandemie und Flutkatastrophe gibt es bei der beruflichen Ausbildung aber auch sehr grundsätzliche Probleme, die nicht gelöst sind. Im Juni übergab nach fast dreijähriger Arbeit die Enquetekommission „Berufliche Bildung in der digitalen Arbeitswelt“ ihren mehr als 600 Seiten starken Abschluss dem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble (CDU).

Die Experten kommen darin zum Schluss, dass mit Blick auf den Ausbildungsmarkt eine Stärkung der ausbildenden Unternehmen und der berufsbildenden Schulen erforderlich sei. Für eine ausreichende Nachfrage sollten junge Menschen noch intensiver auf die mit der beruflichen Bildung verbundenen Chancen auf eine zukunftssichere Beschäftigung und Einkommens- und Karriereperspektiven, „die der akademischen Qualifizierung gleichwertig sind“, hingewiesen werden, fordert das Gremium. SPD-Obfrau Yasmin Fahimi betont, dass in vielen Regionen Angebot und Nachfrage nach Lehrstellen nicht übereinstimmten. Sie warnt: „Die Lage bleibt weiterhin ernst.“

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Nachholbedarf gibt es auch bei der Digitalisierung. Zwar ist die Ausstattung beruflicher Schulen oder der betrieblichen Ausbildungseinheiten oftmals nicht schlecht. Allerdings stellt sich nach Auffassung vieler Mitglieder der Enquetekommission die Kulturfrage. „Nicht allein das Technikwissen und die Ausstattung sind wichtig, sondern ebenso die entsprechende Medienkompetenz, Didaktik und Pädagogik“, sagt SPD-Fachfrau Fahimi. Der FDP-Bildungspolitiker Jens Brandenburg wünscht sich, dass die Digitalisierung konsequenter in den Ausbildungsgängen verankert werde.

Ein Mangel an Fachkräften herrscht jedoch auch an den beruflichen Schulen selbst. Lehrkräfte werden knapp. Von den derzeit rund 125.000 Berufsschullehrern geht bis 2030 gut die Hälfte in Pension. Ausgebildet werden pro Jahr gerade einmal 2000, weil der Nachwuchs fehlt.

Berufsschulen bluten aus

Schon heute liegt die Unterrichtsversorgung im Bundesdurchschnitt nur bei 90 Prozent. Vor allem in Fachrichtungen wie Maschinenbau, Elektrotechnik, Informationstechnologie, Bautechnik, Fahrzeugtechnik, Pflege, Sozialpädagogik oder Wissenschaft und Verwaltung liegt sie inzwischen darunter. Das bedroht zunehmend die Qualität, weil immer mehr Unterrichtsstunden ausfallen müssen, warnt der Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung (BvLB).

BvLB-Bundesvorsitzender Joachim Maiß, der Schulleiter der Multimedia Berufsbildenden Schulen in Hannover ist, erlebt es immer wieder, dass vor den Sommerferien fünf Kollegen in den Ruhestand gehen und nach den Ferien gerade zwei neue kommen. „So lässt sich der Unterricht nicht mehr sicherstellen“, sagt Maiß dem RND. „Die beruflichen Schulen bluten aus.“

Der Job des Berufsschullehrers hat ein Imageproblem. Dazu kommt, dass die meisten Gymnasiasten, die sich für den Lehrerberuf interessieren, nie eine berufliche Schule von innen gesehen haben. Zeitgleich wurden die Ausbildungskapazitäten an den Universitäten heruntergefahren. Die Lücken werden immer häufiger mit Quereinsteigern aus der Wirtschaft gefüllt.

Dazu kommen die Corona-Pro­bleme, die logischerweise Berufsschulen ähnlich stark treffen wie andere Schularten. „Es kann nicht sein, dass die Politik die Schulen immer wieder ausklammert und die Gefahrensituation herunterspielt“, kritisiert Maiß.

„Die Berufsbildner wollen endlich wieder sicheren Präsenzunterricht für Schülerinnen und Schüler der beruflichen Bildung und raus aus dem ewigen Hin und Her mit dem Wechselunterricht“, sagte er. „Gute Bildung braucht Vertrauen und Verlässlichkeit.“

Maiß fordert beispielsweise „mobile Luftfilter in allen Klassenräumen“. Zeitgleich müsse den Jugendlichen ein niederschwelliges Impfangebot unterbreitet werden. „Unsere Schülerinnen und Schüler haben in den letzten Monaten enorme Solidarität und viel Engagement im Distanzunterricht gezeigt. Bund, Länder und Gemeinden müssen jetzt zeigen, dass ihnen die jungen Menschen in unserem Land wichtig sind.“

Verschiedene Bundesländer haben die Auszubildenden als potenzielle Impfkandidaten erkannt und schicken Impfteams zu ihnen. In allen beruflichen Schulen Berlins soll es künftig die Möglichkeit zu Corona-Impfungen geben. Die Impfteams sollen mit Schuljahresbeginn am 9. August starten und insbesondere den knapp 70.000 volljährigen Schülerinnen und Schülern in beruflichen Schulen eine Impfung ermöglichen, kündigte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) an.

Happy End in Rheinbach

Für die angehenden Azubis des Malermeisters Simon Lanzerath aus Rheinbach gibt es immerhin ein Happy End. Er hat beide angerufen und um ein wenig Geduld gebeten. In einigen Tagen soll das Geschäft wieder laufen, dann wird der Start in die Lehre nachgeholt.

Arbeit gibt es genug. Im Überschwemmungsgebiet steht kaum ein Haus, das nicht neu gestrichen werden müsste. Für Lanzerath stand von Anfang an fest, dass er die jungen Leute nicht hängen lässt. „Wir brauchen die gut ausgebildeten Mitarbeiter“, sagt er. „Schließlich soll es für uns wieder aufwärtsgehen.“

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