Wie Großkonzerne nach dem Tod von George Floyd die Moral entdecken

  • Seit der damalige Quarterback der San Francisco 49ers, Colin Kaepernick, die Weltbühne der National Football League nutzte, um mit einem Kniefall während der US-Hymne auf die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner hinzuweisen, ist der Kneel-down ein Symbol der Bürgerrechtsbewegung.
  • Mit den jüngsten Ereignissen in den USA nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd ist er erneut zu einem nationalen Symbol geworden. Dem Protest gegen rassistische Polizeiwillkür schließen sich auch Großkonzerne an.
  • Moral scheint eine neue Währung im Werben um Kunden zu werden.
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Als Colin Kaepernick, einer der talentiertesten Spielmacher, die der American Football je hatte, 2016 seinen Kniefall machte, kostete ihn das seinen Job. Aus dem Football-Millionär wurde eine Ikone der Bürgerrechtsbewegung “Black Lives Matter”. Nicht nur Kaepernick zog damals den Hass des neuen US-Präsidenten Donald Trump auf sich, auch Nike traf der Bannstrahl aus dem Weißen Haus im Zuge der Kneel-down-Affäre. Denn sie starteten 2018 eine Kampagne mit Kaepernick. Das führte zwar zu Respektbekundungen des liberalen Amerikas, allerdings bezeichnete Trump die Kampagne als “furchtbaren Irrtum” von Nike. Landesweit wurden Sportschuhe verbrannt.

Das könnte jetzt wieder passieren. Denn nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd, der in Minneapolis während eines brutalen Polizeieinsatz erstickt worden war, mischt sich der Sportartikel-Hersteller erneut mit einer Kampagne ein. Erstmals ändert Nike dabei seinen Unternehmens-Claim. Aus "Just do it" wird im Nachgang der Ereignisse von Minnesota: "For once, don’t do it". Dieses Mal tun wir nicht so, als gäbe es keine rassistische Gewalt in den USA. Dieses Mal wenden wir uns nicht ab. Dieses Mal schweigen wir nicht.

Auch der Finanzriese Citi Bank bezieht klar Position. Finanzvorstand Mark Mason schrieb in seinem Blog zehn Mal den Satz “Ich kriege keine Luft” – “I can’t breathe”. Zehn Mal sagte auch George Floyd diesen Satz während seines achteinhalb Minuten langen Martyriums, ehe er starb. Mason, selbst Afroamerikaner, und einer der ganz wenigen, die es an die Spitze eines Weltkonzerns geschafft haben, schrieb das nicht privat – der Blog ist offizieller Teil der Citi-Website.

Mason schreibt Klartext: "Trotz aller Fortschritte in den Vereinigten Staaten werden schwarzen Amerikanern viel zu häufig grundlegende Rechte verwehrt, die für andere selbstverständlich sind. Ich rede nicht von Privilegien wie Wohlstand, Bildung oder beruflichen Chancen. Ich rede von fundamentalen Menschen- und Bürgerrechten und der Würde und dem Respekt, die damit einhergehen." In seinem Blogbeitrag bezieht er sich auf anderer Opfer rassistischer Gewalt in den USA und nennt deren Namen.

Die Liste derer, die sich plötzlich zu Wort melden, ist lang. Reebok etwa, der Sportschuh-Hersteller, McDonald’s, die Pay-TV-Unternehmen HBO, Starz … und natürlich Streaming-Riese Netflix. Der äußert sich auf Twitter und mahnt "Wer schweigt, stimmt zu". Wir haben eine Plattform – und wir haben die Pflicht, für unsere schwarzen Mitglieder, Mitarbeiter, Künstler und Talente einzustehen."

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Auch Konkurrent Disney, eher als Hüter konservativer Werte in den USA bekannt, möchte nicht fehlen. "Wir sind gegen Rassismus. Wir sind für Inklusion. Wir stehen an der Seite unserer schwarzen Mitarbeiter, Geschichtenschreiber, Künstler und der gesamten schwarzen Gemeinschaft. Wir müssen einig sein und unsere Stimme erheben."

Die meisten dieser Solidaritätsbekundungen werden und wurden auf Twitter gepostet. Da liegt es nahe, dass auch der Kurznachrichtendienst als Unternehmen Position bezieht. Erst vor einigen Tagen hatte Twitter für Aufsehen gesorgt, als sie Posts von US-Präsident Donald Trump als unwahr gekennzeichnet hatten. Als er jetzt Plünderern mit Schusswaffeneinsatz drohte, sperrte Twitter die Ansicht des Tweets mit dem Hinweis, der Post sei gewaltverherrlichend. Trump hatte in dem Tweet mit den Worten "When the looting starts, the shooting starts" ("Sobald Plünderungen beginnen, wird das Feuer eröffnet") unter anderem den rassistischen und rechtsradikalen ehemaligen US-Präsidentschaftskandidaten George Wallace zitiert.


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Besonders aktiv ist das als linksliberal bekannte Silicon Valley. Neben Twitter, Apple, Netflix und Spotify äußert sich auch Facebook-Boss Mark Zuckerberg auf seinem eigenen Profil gegen rassistische Gewalt und deren implizite Verharmlosung aus dem Weißen Haus. Er kündigte an, 10 Millionen Dollar an Institutionen zu spenden, die sich gegen rassistische Ungerechtigkeit zur Wehr setzen. Auch Youtube spendet Geld für den Kampf gegen Rassismus.

Doch nicht nur im Silicon Valley, auch anderswo äußerten sich Großunternehmen wie etwa Amazon. "Die ungerechte und brutale Behandlung Schwarzer in unserem Land muss aufhören", heißt es in dem Statement. "Wir stehen solidarisch vereint mit der schwarzen Gemeinschaft – unseren Angestellten, Kunden und Partnern – im Kampf gegen systemischen Rassismus und Ungerechtigkeit."

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Auch Microsoft darf in der Auflistung der Spitzenunternehmen nicht fehlen. Ebensowenig wie Starbucks oder das Pharmaunternehmen Merck und der Kommunikationskonzern AT&T. Auch Warenhausketten wie Target und Nordstrom sind Teil dieses vielstimmigen Chors für ethnische Gleichberechtigung und gegen Rassismus.

Auch Amazon bezieht deutlich Position in Sachen George Floyd. © Quelle: Amazon/Twitter

Dass amerikanische Unternehmen knallhart Flagge zeigen gegen Rassismus und rechte Tendenzen, ist eher ungewöhnlich. Meist herrscht die strikte Maßgabe, dass Wirtschaft und Unterhaltungs-Industrie nichts mit Tagespolitik zu tun haben. Ein leuchtendes historisches Gegenbeispiel ist Coca-Cola. Als sich die Stadt Atlanta Ende des Jahres 1964 weigerte, einen Empfang zu Ehren ihres frisch gekürten (schwarzen) Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King Jr. zu geben, schritt der damalige Coca-Cola-Chef J. Paul Austin ein: "Es ist eine Schande für Coca-Cola, in einer Stadt ansässig zu sein, die sich weigert, ihren Nobelpreisträger zu ehren. Wir sind ein internationales Unternehmen. Coca-Cola braucht Atlanta nicht. Sie alle haben zu entscheiden, ob Atlanta die Coca-Cola braucht." Die Botschaft war mehr als deutlich – der Empfang fand schließlich statt. Und für Atlanta markierte das entschlossene Eintreten des Coca-Cola-Bosses den Wandel – weg von der rassistischen Segregation zur weltoffenen Metropole.

Der Fall Floyd und dessen Folgen könnte die bisherige Zurückhaltung der US-Branchenriesen ändern. Und das könnte für die beteiligten Unternehmen auch durchaus positive Nebenwirkungen entwickeln. Denn spätestens seit den politischen Schock-Kampagnen von Benetton in den 1990er Jahren ist es ein offenes Geheimnis: Gesellschaftspolitisches Engagement - und sei es durch Werbung - kann sich auszahlen. So lobenswert die aktuellen Reaktionen der US-Wirtschaft auch sind – gänzlich altruistisch sind sie nicht.

Colin Kaepernick hingegen spielt immer noch nicht wieder Football.

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