Angst vor Corona-Rezession: Sollte ich als Privatperson vorsorgen?

  • Die Auswirkungen des neuartigen Coronavirus belasten die deutsche Wirtschaft.
  • Viele Konsumenten sind verunsichert. Inwiefern trifft eine Rezession Privatpersonen? Kann man sich darauf vorbereiten?
  • Experten im RND-Interview meinen: Panik ist unangebracht.
David Sander
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Hannover. Messen und Konferenzen werden abgesagt oder verschoben, Unternehmen bieten Mitarbeitern Carepakete und Homeoffice an, die Regierung plant Firmen zu helfen, die unter den Folgen des Coronavirus leiden. Die Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen der neuartigen Lungenkrankheit wächst – die Angst vor einer Rezession, also einem Rückgang der Konjunktur, steigt gleichermaßen.

Dabei machen sich auch viele Privatpersonen Gedanken. Was würde eine Rezession für den “Otto Normalverbraucher” bedeuten? Antworten von Ulrich Thielemann, Wirtschaftswissenschaftler sowie Wirtschaftsethiker und Direktor der Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik und Kerstin Hußmann-Funk, Finanz- und Geldanlagenexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg.

Viele Privatpersonen sind durch Meldungen zur möglichen drohenden Rezession in Deutschland verunsichert. Gibt es überhaupt Grund zur Sorge?

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Thielemann: Man darf ruhig besorgt sein – ohne in Panik zu geraten. Doch sind wir als Einzelne bei solchen übergreifenden Problemen ohnehin heillos überfordert. Darum haben wir Bürger uns in einer Demokratie ja ein politisches System gegeben. Die Frage ist, wie gravierend die wirtschaftlichen Auswirkungen sein werden und für wen. Und wie die Politik darauf reagieren sollte.

Hußmann-Funk: Die wirtschaftlichen Folgen einer Rezession sind für den Einzelnen nur schwer vorherzusehen. Grundsätzlich kann sich eine Rezession sowohl auf den Arbeitsmarkt als auch auf die allgemeine Preisentwicklung auswirken. Dies aber nicht von heute auf morgen. Panik ist an dieser Stelle also unangebracht.

Sollte man sich als Privatperson auf eine drohende Rezession vorbereiten?

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Thielemann: Eine Krise entsteht ja vielfach erst aus den Befürchtungen, dass sie kommt. Ein Beispiel aus dem Bereich des Konsums sind sinnlose Hamsterkäufe. Diese Welle scheint aber wieder abgeebbt zu sein. Möglichst sollte man, soweit die Gesundheitsbehörden nicht etwas anderes sagen oder vorschreiben, genauso zur Arbeit gehen und genauso einkaufen, wie sonst auch. Das stabilisiert.

Hußmann-Funk: Es gibt keinen Grund für übereilte Reaktionen. Rezession bedeutet, das Wirtschaftswachstum geht zurück. Ob beziehungsweise inwiefern sich dies auf den einzelnen Verbraucher auswirkt, kann sehr unterschiedlich sein. Im alltäglichen Leben wird man sich darauf nicht wirklich vorbereiten können.

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Kann man als Einzelner der Wirtschaft irgendwie helfen? Zum Beispiel erst recht jetzt ein neues Auto kaufen?

Thielemann: Klimapolitisch ist der Autokauf keine so gute Idee… Aber Geld ausgeben, ist besser als Geld zu horten.

Hußmann-Funk: Eine Grundlage für das Wirtschaftswachstum ist natürlich auch die Nachfrage und der Konsum im Inland. Geht der Konsum zurück, hat dies auch Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum. Die Angst vor Corona betrifft aber die ganze Welt, sodass das Konsumverhalten des Einzelnen in Deutschland nicht entscheidend sein wird. Besser ist es, Kaufentscheidungen von der eigenen wirtschaftlichen Situation abhängig zu machen. Brauche ich ein neues Auto? Kann ich es mir leisten? Wenn ich es mir nicht leisten kann, dann sollte ich auf größere Anschaffungen besser sparen. Diese Empfehlung gilt nach wie vor.

Es ist also auch eine Frage des Wohlstands. Kann ich denn auch etwas tun, wenn ich nicht so viel Geld habe?

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Hußmann-Funk: Gerade wenn man über weniger Geld verfügt, sollte man Ausgaben immer an der eigenen wirtschaftlichen Situation festmachen: Auch bei kleinem Einkommen und wenig Geld gilt: Zunächst sollte man sich gegen Risiken absichern, die bei Eintritt den finanziellen Super-GAU bedeuten können. In einem nächsten Schritt sollte ein finanzielles Polster aufgebaut werden, auf das ich im Notfall immer zurückgreifen kann. Unabhängig von einer drohenden Rezession empfehlen wir immer, auf größere Anschaffungen zu sparen und nicht auf Pump zu finanzieren. Wenn ich weniger Geld zur Verfügung habe, sollte ich meine Kaufentscheidung jedenfalls nicht davon abhängig machen, ob ein steigender Konsum in Deutschland besser für die Wirtschaft ist.

Inwiefern würde eine Rezession Gruppen unterschiedlichen Wohlstands verschieden treffen?

Thielemann: Wohlhabende können im Fall eines Einkommensverlustes diesen durch Auflösung von Finanzvermögen zumindest vorübergehend ausgleichen. Im Unterschied zu Leuten, die kaum Geld auf dem Konto haben und von Monat zu Monat leben.

Sollte man seine Ersparnisse vom Konto nehmen und lieber investieren?

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Thielemann: Die Bank investiert ohnehin für Sie. Allerdings findet sie kaum mehr lukrative Möglichkeiten der realwirtschaftlichen Investition. Stattdessen wird mit bestehenden Vermögenswerten spekuliert.

Hußmann-Funk: Die Entscheidung, wie man sein Geld am besten anlegt, ist sehr individuell. Sparer, die ihr Geld auf einem Konto bei der Bank liegen haben, wissen schon lange, dass es dafür gar keine oder nur wenig Zinsen gibt. Grundsätzlich zeigt der Blick in den Rückspiegel: Wer sein Geld in den letzten 15 Jahren in einen breitstreuenden Aktienfonds angelegt hat, der hat eine weitaus höhere Rendite erwirtschaftet als der, der sein Geld zu festen Zinsen angelegt hat.

Geht es um Geld, das für notwendige Rücklagen nicht gebraucht wird, kann es sinnvoll sein, dieses zum Beispiel in einen breit streuenden Aktienindexfonds zu investieren. Da die Börsenkurse nach Ausbruch des Coronavirus stark verloren haben, kann es sich lohnen, gerade jetzt zu investieren. Allerdings weiß niemand, wie lange dieser Abwärtstrend anhält beziehungsweise wann es wieder aufwärts geht. Wichtig ist, diese Investition langfristig zu sehen. Geld, das ich in den nächsten 5-10 Jahren sicher brauchen werde, sollte anderweitig angelegt werden.

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