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Kartellverfahren: EU-Kommissarin Vestager nimmt Amazon ins Visier

  • Margrethe Vestager geht mit voller Wucht gegen Amazon vor.
  • Für die EU-Wettbewerbskommissarin ist erwiesen, dass Amazon seine dominierende Marktposition illegal ausgenutzt hat – mittels Daten von Händlern, die die Marketplace-Plattform des Konzerns nutzen.
  • Außerdem startet sie ein zweites Kartellverfahren, bei dem sich alles um den virtuellen Einkaufswagen dreht.
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Amazon droht wieder Ärger von Dänemarks streitbarer EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Einmal geht es um die nach Vestagers Meinung illegale Ausnutzung der eigenen Marktposition durch Amazon auf seiner Marketplace-Plattform. Zusätzlich strengt sie ein neues Kartellverfahren wegen Amazons virtuellem Einkaufswagen an.

Vestager betonte, sie wolle den US-Konzern nicht um seine kommerziellen Erfolge bringen. Aber die Praktiken von Amazon würden nach den bisherigen Erkenntnissen dazu führen, dass andere Unternehmen auf eine unzulässige Weise benachteiligt würden. Eine sogenannte „Mitteilung der Beschwerdepunkte“ hat die Kommission nun an den weltgrößten Onlinehändler geschickt. Der kann nun Stellung nehmen. Das Unternehmen wies in einem ersten Statement darauf hin, weniger als ein Prozent des globalen Einzelhandelsumsatzes zu erwirtschaften. Amazon drohen Bußgelder bis zu 10 Prozent des Jahresumsatzes.

Amazon macht sich selbst Konkurrenz

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Eine Amazon-Sprecherin sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Wir stimmen mit den vorläufigen Annahmen der Europäischen Kommission nicht überein und werden auch weiterhin unser Möglichstes tun, um sicherzustellen, dass sie von einer zutreffenden Sachlage ausgeht. Amazon macht weniger als ein Prozent des weltweiten Einzelhandels aus – und es gibt in jedem Land, in dem wir tätig sind, größere Einzelhändler.“ Kein Unternehmen kümmere sich mehr um kleine Händler oder habe in den vergangenen 20 Jahren mehr für ihre Unterstützung getan als Amazon.

Im Zentrum der Untersuchungen steht der Doppelcharakter des Onlinehandels bei Amazon. Einerseits betreibt das Unternehmen auf seiner Website den Marketplace, auf dem allein in Deutschland mehr als 300.000 Verkäufer aktiv sind. Andererseits ist Amazon selbst als konkurrierender Händler aktiv. Die Wettbewerbshüter hatten schon im Sommer 2019 damit begonnen, die riesigen Datensätze zu analysieren, die bei den Transaktionen der Marketplace-Händler entstehen. Sie sind auf diese Plattform angewiesen, weil sie über eine immens hohe Reichweite verfügt.

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Knapp zwei Drittel der über Amazon erwirtschafteten Umsätze kommen inzwischen von den sogenannten Dritthändlern. Amazon hat auf die Marketplace-Daten einen uneingeschränkten Zugriff. Also nicht nur darauf, zu welchem Preis ein Buch oder ein Akkuschrauber verkauft werden. Sondern auch auf die Zahl der bestellten und ausgelieferten Produkte, auf die über den Marketplace erzielten Einnahmen, die Anzahl der Aufrufe von Angeboten, auf Versanddaten und Lagerhaltung, die bisherige Aktivität der Verkäufer oder die in Anspruch genommenen Garantien. Das gesamte Geschäftsmodell können die Amerikaner so analysieren.

Das geschieht weitgehend automatisiert. Und das gelte nicht nur für einzelne Anbieter, sondern für mehr als 800.000 Verkäufer in der EU, so Vestager. Händler investierten enorme Anstrengungen, um ihre Produkte marktgerecht platzieren zu können. Amazon könne mit seinen Big-Data-Analysen diese Mühen und die damit verbundenen Risiken beim eigenen Verkauf umgehen.

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Illegaler Missbrauch einer marktbeherrschenden Position?

Das verschaffe dem US-Konzern Vorteile. Er könne so seine Position im Internethandel ausbauen. Die Folge: In manchen Warengruppen biete Amazon selbst nur 10 Prozent der Produkte an, mache damit aber die Hälfte der Umsätze, so die dänische Wettbewerbskommissarin. Bestätige sich dieses Vorgehen im weiteren Verfahren, liege der illegale Missbrauch einer marktbeherrschenden Position vor.

Der elektronische Handel boome, und Amazon sei die führende Plattform in diesem Bereich. „Deshalb ist ein fairer Zugang zu Onlinekunden ohne Verzerrung des Wettbewerbs für alle Verbraucher wichtig“, betonte die Kommissarin. Sie fügt hinzu: Auch die Angebote von Verkäufern, die die Logistik- und Versanddienste von Amazon nutzen, dürften nicht begünstigt werden.

Wer darf Prime-Kunden beliefern?

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Damit spielt sie auf das zweite Kartellverfahren an, das nun eröffnet wurde. Die Wettbewerbshüter wollen sich ganz genau anschauen, wie es um die Kriterien steht, nach denen Amazon das Feld mit dem Einkaufswagen vergibt. Ferner soll überprüft werden, welche Marketplace-Händler die besonders wichtigen Prime-Kunden beliefern dürfen. Der Verdacht der Kartellexperten geht in zweierlei Richtung: Dass auch hierbei die eigenen Handelswaren bevorzugt werden. Genauso wie Verkäufer, die die Logistik des Unternehmens nutzen – den Versand durch Amazon.

Direkter Kauf nur bei bestimmten Produkten

Die gut sichtbar auf der Website angezeigte Buy Box ist maßgeblich für den Erfolg eines Produkts. Das ist das Feld, mit dem ein Produkt von der Übersichtsseite direkt – ohne weitere Klicks – in den digitalen Einkaufswagen gelegt werden kann. Die Buy Box gibt es nur bei ausgewählten Produkten, sie kann Absatz und Umsatz um ein Vielfaches steigern, da Kunden sehr häufig diesen schnellen und einfachen Weg beim Onlineeinkaufen nutzen.

Weitgehend intransparent ist, wie der Konzern die Buy Box zuteilt. Darüber kursieren zahlreiche Spekulationen unter Händlern. So sollen missliebige Verkäufer mit dem Entzug der Buy Box bestraft worden sein. Vestager betonte: Werde die Verknüpfung der Vergabe des Einkaufswagenfelds mit der Nutzung der Amazon-Logistik verknüpft, würden die Marketplace-Händler noch stärker von dem Internetriesen abhängig gemacht. Auch das könnte als Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung kategorisiert werden.

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