Bauern protestieren gehen Aldi: Worum geht es?

  • In der Nacht zum Dienstag haben Bauern erneut mit ihren Traktoren die Lager von Discountern blockiert.
  • Vorangegangen waren erfolglose Verhandlungen – die Landwirte fordern höhere Preise.
  • Aldi-Manager wollen am Freitag verhandeln, doch eine Lösung ist in weiter Ferne.
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Allein in Niedersachsen stellten sich in der Nacht zum Dienstag die Bauern mit ihren schweren Fahrzeugen an acht Standorten des Discounters Aldi quer. Mit teilweise bis zu 200 Treckern. Zeitweise sollen Zufahrten für Lkw über längere Zeit blockiert worden sein. Die Polizei meldete auch Protestaktionen in Greven (NRW) und in Montabaur (Rheinland-Pfalz). Der konkrete Anlass: Am Montag waren Verhandlungen zwischen Einzelhandelskonzernen, Molkereien und Vertretern der Bauern unter Vermittlung der niedersächsischen Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) ergebnislos beendet worden. Viele Landwirte sind mit ihrer Geduld am Ende. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), die beim virtuellen Krisengipfel dabei war, spricht von „ruinösen Erzeugerpreisen“.

Discounter Aldi verspricht Gespräche mit den Bauern

In Zahlen sieht das so aus: Nach den Daten des Kieler Instituts für Ernährungswirtschaft liegt der aktuell maßgebliche „Börsenmilchwert“ bei 30,7 Cent pro Kilo (Liter). Mehrere Bauernverbände fordern: mindestens 15 Cent mehr. Die nackten Zahlen zeigten, wie „tief tierhaltende Betriebe in der Misere stecken“. Ottmar Ilchmann, Milchbauer aus Ostfriesland und AbL-Vorsitzender für Niedersachsen, schlägt nun Folgendes vor: Der Lebensmittel-Einzelhandel soll Erzeuger-Fairpreis-Aufschläge für alle Milch- und Fleischprodukte vornehmen – vor allem auch Schweinefleisch hat sich massiv verbilligt. Laut dem Onlinefachdienst „Agrar heute“ liegt aktuell der Preis zwischen 80 Cent und 1,24 Euro pro Kilo. Mindestens 50 Cent mehr verlangen die Schweinemäster.

Die Lebensmittelhändler sollen die Mehrerlöse aus den Fairpreisen an die landwirtschaftlichen Lieferanten weiterreichen. Auch für Konsumenten müsse ersichtlich werden, welcher Beitrag bei den Erzeugern ankommt. „So ist eine kurzfristige Entlastung auf den Höfen und Transparenz durchsetzbar“, betont Ilchmann. In einem zweiten Schritt müssten Bauern, Verarbeiter und Händler Qualitätskriterien für die Milch- und Fleischerzeugung festlegen, „bei deren Einhaltung auf mittlere Sicht mit fairen Preisen gewinnbringend gearbeitet werden kann“.

Immerhin: Das Management von Aldi-Nord hat nach Informationen des Norddeutschen Rundfunks für Freitag Gespräche mit den Bauern versprochen. Man wolle auch über Zahlen reden. Der Discounter verkauft derzeit konventionelle Milch (1,5 Prozent Fett) für 71 Cent pro Liter. Aldi setzt nach wie vor die Referenzpreise für dieses und viele andere Grundnahrungsmittel im gesamten Lebensmittelhandel.

Schweinepest und Corona verschlimmern die Lage der Bauern

Spannend dürfte werden, wie tief die Händler Einblicke in ihre Kalkulation gewähren. Klar ist allerdings, dass der Discounter eine Konstellation ausnutzt, die seit Jahren den Bauern zusetzt. Sie erzeugen insgesamt viel zu viel Milch und Schweinefleisch. „Diese massive Überproduktion hat zur Folge, dass Überschüsse auf dem Weltmarkt verklappt werden müssen. Die Preise, die dort erzielt werden, schlagen zurück auf die hiesigen Bauern“, sagte Christian Rehmer, Agrarexperte der Umweltorganisation BUND.

Dieser Mechanismus habe derzeit katastrophale Folgen. Durch das Auftreten der afrikanischen Schweinepest in Deutschland kann Schweinefleisch in vielen asiatischen Ländern nicht mehr verkauft werden. Die Produktion wurde aber nicht entsprechend zurückgefahren. Die Konsequenz: „Für einen Schweinemäster hat sich der Verkaufspreis pro Kilo im Laufe eines Jahres fast halbiert“, so Rehmer. Auch bei der Milch machen sich Verwerfungen auf dem Weltmarkt bemerkbar. Zum Tragen kommt dabei unter anderem, dass die Gastronomie wegen der Lockdowns hier und anderswo als Abnehmer für Milchprodukte weggebrochen ist, dies kann durch gestiegene private Nachfrage nicht ausgeglichen werden.

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Hiesige Lebensmittelhändler könnten theoretisch Milch und ihre Produkte sowie Fleisch auf den internationalen Märkten einkaufen. Schon allein diese Option genügt, um derzeit günstige Einkaufskonditionen bei Molkereien und Schlachthöfen zu erzielen, was auch die Erzeugerpreise der Bauern drückt.

„Mehr Wochenmarkt und weniger Weltmarkt“

Der Grund für die Überproduktion liegt letztlich in der Agrarpolitik der EU. Landwirte werden massiv subventioniert, 30 bis 50 Prozent von deren Einkünften bestehen aus staatlichen Zuwendungen.

Für Rehmer ist jedenfalls klar: Die Misere lässt sich langfristig „nur mit grundsätzlichen Änderungen der Marktstrukturen beheben“. Das Motto müsse lauten: „Mehr Wochenmarkt und weniger Weltmarkt.“ Zu den nötigen Maßnahmen gehörten Eingriffe in den Markt, etwa in Form einer Mengenreduzierung, die von der Politik durchgesetzt werden müsse: Wenn alle Milcherzeuger 10 bis 20 Prozent weniger produzieren, dann steigen automatisch die Preise. Der BUND-Experte hält es ferner für wichtig, dass sich Milchbauern zusammentun und dadurch ihre Machtposition gegenüber den Molkereien stärken. Rehmer fügt hinzu: „Wir müssen zudem die regionalen Strukturen stärken und die Produktion an die Bedürfnisse vor Ort anpassen, damit die Bauern nicht mehr den Schwankungen des Weltmarktes ausgesetzt sind.“

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