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Aktienhype um Windeln.de - Kleinanleger sollten bei Meme-Stocks extrem vorsichtig sein

  • Meme-Aktien sorgen seit einiger Zeit in den USA für Furore.
  • Die Absprache und der Austausch zwischen Privatanlegern in sozialen Medien funktioniert nur bei Aktien, die vom Rest des Aktienmarktes ignoriert werden.
  • Die Spekulation mit Meme-Aktien hat inzwischen auch in Deutschland Einzug gehalten, doch Privatanleger sollten Abstand davon halten.
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Stuttgart. Früher war die Börsenwelt noch einigermaßen übersichtlich: Anleger teilten Aktien in Kategorien wie „Growth“ oder „Value“ ein, also in vergleichsweise teure Papiere mit guten Wachstumsaussichten oder in Anteilsscheine, die gemessen am Buchwert eines Unternehmen günstig waren. Je nach persönlicher Vorliebe ließ sich damit eine Anlagestrategie finden.

Seit einigen Monaten ist eine dritte Kategorie hinzugekommen: Sogenannte Meme-Aktien (englisch: Meme-Stocks). Der Begriff englische Meme lässt sich nicht ganz leicht ins Deutsche übersetzen, er beschreibt einen Inhalt, der sich in den Weiten des Internets verbreitet und meist einen humorvollen oder satirischen Hintergrund hat. Memes sollte man nie zu 100 Prozent ernst nehmen, und das gilt auch für Meme-Aktien, also Titel, die ungeahnte Kurskapriolen erleben, weil sich Anleger im Netz verabreden, um bestimmte Titel zu kaufen oder zu verkaufen.

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Anfang des Jahres nahm die Meme-Aktien-Bewegung so richtig an Fahrt auf. Erstes Spekulationsobjekt war der kriselnde US-Videospielhändler Gamestop, dessen Aktienkurs auf Talfahrt war und durch Wetten von Hedgefonds weiter unter Druck geriet. Institutionelle Anleger hatten massiv auf fallende Kurse gesetzt. Sie verkauften im großen Stil geliehene Gamestop-Aktion und spekulierten darauf, sie zu einem späteren Zeitpunkt günstiger erwerben und an den Ausleiher zurückgeben zu können. Die Differenz zwischen dem Verkaufspreis und dem niedrigeren späteren Einkaufspreis ist der Gewinn solcher Short-Selling-Geschäfte.

Milliardenverluste für Fonds

Doch die Hedgefonds hatten ihre Rechnung ohne die zahlreichen Fans von Gamestop gemacht. Die zumeist jungen Anleger organisierten sich über das Netz in Foren auf der Kommunikationsplattform Reddit und kauften im großen Stil Call-Optionen auf Reddit-Aktien, wodurch der Kurs der Papiere schnell anstieg. Das wiederum hatte zur Folge, dass die Short-Seller die Aktien zu deutlich gestiegenen Preisen zurückkaufen mussten – und Verluste verbuchten.

Aus Sicht der Anleger hatte die Aktion etwas Spielerisches, aus Sicht der Fondsmanager waren die Verluste kein Spaß. So berichteten Insider dem US-Fernsehsender CNBC, dass sich das investierte Vermögen beim Hedgefonds Melvin Capital von 12,5 Milliarden US-Dollar zu Jahresbeginn bis Ende Januar um 53 Prozent verringert hätte.

Auf Gamestop folgten viele weitere Meme-Stocks. Alle diese Aktien haben eines gemein: extreme Kursbewegungen nach oben und unten. Zwischendrin waren immer Privatanleger, die versuchten, von den Bewegungen am Markt zu profitieren.

Für Privatleute ist es aber schwierig, die richtigen Kauf- und Verkaufskurse zu erwischen. Das Risiko, Verluste zu erleiden, ist deshalb hoch.

Meme-Aktien erreichen Deutschland

Das Meme-Phänomen war zunächst amerikanisches, inzwischen aber hat es den großen Teich überquert. Vergangene Woche schoss am deutschen Aktienmarkt plötzlich die Aktie des Babyfachhändlers Windeln.de in die Höhe. Das Papier legte zeitweise um mehr als 200 Prozent zu und erreichte einen Kurs von 6,92 Euro, nachdem es wenige Tage zuvor noch unter der Marke von einem Euro notiert hatte.

Nachrichten, die den Kurssprung erklären könnten, fanden sich keine. Im Gegenteil: Bis dato war die Windeln.de-Aktie für viele Anleger eine einzige Enttäuschung. Seit dem Börsengang im Mai 2015 hat das Papier massiv an Wert verloren. Zudem deutete sich wegen hoher Verluste eine Kapitalerhöhung an, die das Unternehmen an diesem Dienstag verkündete.

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Der Berliner Privatinvestor und Finanzmarktexperte Christian Röhl sieht in Windeln.de nichts anderes als ein „dysfunktionales Unternehmen, bei dem in der Vergangenheit nur eins zuverlässig funktioniert hat – Kapitalschnitte und Kapitalmaßnahmen“. Denn was immer auch an Geld verbrannt wurde, stets gelang es, neue Investoren finden, „denen man wieder ein Wachstumsmärchen erzählen konnte“, ergänzt Röhl.

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Windeln.de strauchelt weiter

Dass die nächste Kapitalerhöhung bei Windeln.de nun ansteht, ist für Experten nicht verwunderlich. Im April 2021 hatte das Unternehmen bereits mitgeteilt, dass ein Verlust in Höhe von mehr als der Hälfte des Grundkapitals eingetreten sei und die Durchführung einer weiteren Kapitalerhöhung geprüft werde. Genau dieses dürfte den Aktienkurs unter Druck geraten lassen, nachdem sich dieser zuletzt im Bereich der 3-Euro-Marke etwas stabilisiert hatte.

Das Urteil von Röhl in Bezug auf Windeln.de, deren Aktienkurs (bereinigt um die zahlreichen Kapitalmaßnahmen) seit dem Börsengang um 99 Prozent eingebrochen ist, fällt klar aus: „Der Umsatz ist seit dem Jahr des Börsengangs (2015) mehr als halbiert worden. Bilanzkennzahlen wie Ebit, Ebitda, Nachsteuerergebnis, Free Cash Flow sind jedes Jahr negativ gewesen. Wer hier jetzt Geld hineinsteckt, kann genauso gut darauf wetten, dass Lettland Europameister wird – wahrscheinlich hat man da sogar die bessere Quote.“

Auch Aktionärsschützer Marc Tüngler von der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) warnt vor Geldanlagen in Meme-Aktien: „Ein Hype geht so schnell, wie er gekommen ist, und die Anleger haben keine Chance, den Anfang oder das Ende der Bewegung vorauszusehen, da diese nicht auf fundamentalen Daten, sondern allein auf Manipulation beruhen.“

Im Fall von Windeln.de könnte man zwar durchaus diverse Kaufargumente aus fundamentaler Sicht anführen, beispielsweise, dass das Unternehmen in China stark aktiv ist und dort jüngst die Dreikindpolitik beschlossen wurde und damit der Bedarf an Babykleidung steigen sollte.

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Dennoch sollten auf Sicherheit bedachten Anleger die Aktie besser meiden. „Natürlich kann man immer auf einen Turnaround spekulieren. Aber bitte nicht in einer Zeit, in der es valide Anzeichen dafür gibt, dass eine Aktie durch konzertierte Aktionen nach oben getrieben wird“, sagt Röhl. „Wie die Aktie zuletzt hochgepusht wurde, das hat etwas vom Kindergeburtstag: Reise nach Jerusalem, nur mit weniger Stühlen. Irgendwann hört die Musik auf zu spielen und dann gibt es nur noch Verlierer“, so der Experte.

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