Airlines in der Coronakrise: Droht jetzt ein “Blutbad”?

  • Die Airlines bekommen die Auswirkungen der Coronapandemie heftig zu spüren.
  • Experten befürchten die schlimmste Krise in mehr als 40 Jahren.
  • Wohl nicht alle Airlines werden sie überdauern können.
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Alexandre de Juniac bemühte sich, gelassen zu wirken. Doch immer wieder brach in dem Interview ein beinahe flehender Ton durch. Die Coronakrise sei ohne Beispiel, deshalb brauche es jetzt außergewöhnliche Schritte, um seiner Branche zu helfen, so der Chef der internationalen Luftfahrtorganisation IATA. Die Airlines benötigten Geld, und zwar schnell, sagte der dem TV-Sender des Finanzdienstes Bloomberg.

Die Pandemie hat schon in den vergangenen Wochen die Zahl der Flugreisenden deutlich reduziert. Und dann kam auch noch der Nackenschlag von US-Präsident Donald Trump hinzu: Seit Freitag gilt für 30 Tage ein Einreiseverbot in die USA für Personen aus dem Schengen-Raum (EU-Länder plus Schweiz, Norwegen und Island, aber ohne Irland, Kroatien, Rumänien und Bulgarien).

Lufthansa arbeitet an Sonderflugplan

Der Bann des Präsidenten betrifft etwa 3500 Flüge pro Woche. Nur wenige Destinationen werden nun noch angeboten – vor allem für US-Bürger und für Leute, die dauerhaft in den Vereinigten Staaten leben. Auch einige Maschinen des Lufthansa-Konzerns fliegen weiterhin Chicago, Newark und Washington an. An einem Sonderflugplan werde gearbeitet, teilt die Lufthansa mit.

Der Lufthansa bricht ein extrem wichtiges Geschäft weg. Nicht nur, weil die Flieger in normalen Zeiten insgesamt 21 US-Airports ansteuern. Die Langstreckenflüge über den Atlantik gehören auch zu den lukrativsten Aktivitäten des Konzerns. Am nächsten Donnerstag wird Lufthansa-Chef Carsten Spohr auf der Bilanzpressekonferenz erläutern müssen, wie die finanziellen Auswirkungen aussehen werden. Klar ist schon jetzt, dass es einen massiven Einbruch geben wird. Alles in allem wird Deutschlands größte Fluggesellschaft ihren Flugplan für die nächsten Wochen mehr als halbieren.

Die Lufthansa lotet daher die Chance auf staatliche Unterstützung aus. “Wir sprechen mit den Regierungen der Heimatmärkte über mögliche Staatshilfen”, sagte ein Konzernsprecher am Freitag und bestätigte damit einen Bericht aus der Online-Ausgabe des “Handelsblatts”.

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Keine Airline bleibt verschont

Und damit ist die Lufthansa keineswegs allein. Keine Airline weltweit wird verschont werden. Die Krise werde womöglich die schlimmste in mehr als 40 Jahren, betont der Luftfahrtberater Brendan Sobie. Geschäftsreisen werden allenthalben abgesagt, Urlaubstrips storniert. Niemand will momentan stundenlang neben einer unbekannten Person sitzen, die womöglich vom Coronavirus infiziert ist.

Neben den USA hat eine Reihe weiterer Staaten Einreisebeschränkungen verhängt. Gut möglich, dass weitere hinzukommen. Zudem ist die Dauer der Krise schwer abzuschätzen. Bei der Sarsepidemie im Jahr 2003 dauerte es rund neun Monate, bis sich das Luftfahrtgeschäft wieder normalisiert hatte. Doch schon jetzt ist klar, dass die aktuelle Pandemie einen schwereren Verlauf nehmen wird.

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Den Airlines droht ein “Blutbad”

Die IATA hatte in einem Worst-Case-Szenario die Höhe der Umsatzrückgänge für dieses Jahr auf 113 Milliarden Dollar geschätzt. Der vermeintlich schlimmste Fall wurde aber berechnet, bevor Trump die Zugbrücke hochzog. Nun macht die Organisation darauf aufmerksam, dass die Fliegerei zwischen den USA und dem Schengen-Raum im vergangenen Jahr rund 20,6 Milliarden Dollar stark war. Der Branche könnte drohen, was Michael O’Leary, Chef des Billigfliegers Ryanair, mehrfach als “Blutbad” prognostiziert hat. Der Mechanismus: Buchungen brechen ein. Es ist mit einem Minus von 80 Prozent – so wie in China – oder sogar mit mehr zu rechnen.

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Vor allem kleineren Airlines werden die schwindenden Einnahmen sehr schnell zu spüren bekommen, wenn es nämlich darum geht, die Gehälter für die Beschäftigen zu zahlen, Leasingraten für gemietete Flieger und Zinsen für Kredite zu überweisen. Die erste Maßnahme: Kosten drücken. Die Lufthansa etwa erwägt, alle 14 Riesenflieger vom Typ Airbus A380 am Boden zu lassen. Außerdem soll für Beschäftigte der Bodendienste und für Flugbegleiter Kurzarbeit beantragt werden.

Ist Norwegian Air Shuttle noch zu retten?

Norwegian Air Shuttle will zunächst bis zu 50 Prozent seiner Belegschaft vorübergehend beurlauben. Die Zahl könne aber noch steigen, teilte das Unternehmen mit. Der Billigflieger auf der Langstrecke ist von Trumps Bann besonders schwer betroffen. Hinzu kommt, dass das Management auf aggressive Expansion gesetzt und sich dafür hoch verschuldet hat.

Sind die Norweger noch zu retten? IATA-Chef de Juniac jedenfalls warnt: Der jüngste Windstoß könne Fluggesellschaften zum Absturz bringen. Er verlangt von den Regierungen rund um den Globus Notfallhilfen. Konkret: Kreditlinien müssten verlängert und Infrastrukturkosten gesenkt werden – damit sind vor allem Gebühren für Starts und Landungen und die Flugsicherung gemeint. Steuerlasten müssten reduziert werden. Ohne eine Rettungsleine drohe eine sektorale Finanzkrise.

Wer übernimmt die gescheiterten Airlines?

Indes gehen viele Branchenkenner davon aus, dass es im Überlebenskampf Opfer geben wird. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis finanziell schwache Gesellschaften kollabierten, sagte etwa der Airline-Berater Shukor Yusof. Norwegian wird als einer der Kandidaten gehandelt, denen demnächst die Luft ausgehen könnte – die Aktie hat seit Anfang des Jahres mehr als 80 Prozent an Wert verloren. Und wie in solchen Fällen üblich, wird bereits spekuliert, wer die dann darniederliegende Fluglinie übernehmen könnte.

Zu den Interessenten könnte die Lufthansa gehören. Schließlich hat Spohr immer wieder betont, dass die Lufthansa ständig alle möglichen Optionen prüfe. Hintergrund: Unter Airline-Managern herrscht Konsens, dass es auf dem Alten Kontinent zu viele Passagierjets gibt und eine “Konsolidierung” in der Branche unvermeidbar ist – Corona dürfte dies beschleunigen. Spannend könnte auch werden, wonach O’Leary greifen wird. Ryanair ist Europas finanzkräftigste Fluggesellschaft. Mehrere kleine Low-Cost-Rivalen dürften demnächst zu Übernahmekandidaten werden.

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