Ägypten: Hochgeschwindigkeitszug von Siemens soll Bahnnetz aufwerten

  • Auf Computerentwürfen sieht der Zug schnell und schnittig aus, der mit Hilfe vom Siemens-Konzern bald in Ägypten fahren soll.
  • Aber auf den Schienen des Landes rumpelt es noch gewaltig – und immer wieder gibt es Tote.
  • Ägypten auf dem gewünschten Sprung in die Bahn-Zukunft.
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Kairo/München. Schnell, modern und sicher – so beschreibt Ägyptens Verkehrsminister Kamil al-Wasir den Hochgeschwindigkeitszug, der schon in zwei Jahren durch den Wüstenstaat rauschen soll. 1000 Kilometer neue Strecke sind geplant, in den Badeort Hurghada am Roten Meer, in die neue Hauptstadt östlich von Kairo, bis hoch zum Mittelmeer und in den Süden nach Luxor. Für den ersten Abschnitt setzt die Regierung auf das Fachwissen des Münchner Konzerns Siemens. Gesamtkosten des Projekts: umgerechnet etwa 19 Milliarden Euro.

Immer wieder Unfälle auf ägyptischen Zugstrecken

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Ein Modell des schnittigen Zugs mit blauem Streifen hatte Präsident Abdel Fattah al-Sisi Anfang des Jahres vorgestellt. Aber während Al-Sisi den technischen Fortschritt von morgen verspricht, plagen das ägyptische Bahnnetz die Probleme von gestern. Schlecht ausgebildete Mitarbeiter, verschleppte Modernisierungsarbeiten und ein laxer Umgang mit Vorschriften haben Ägyptens Eisenbahnnetz, das älteste in Afrika und dem Nahen Osten, dem Verfall überlassen.

Die Folgen sind immer wieder tödlich. Zuletzt kam es innerhalb eines Monats zu fünf Unglücken. Nahe Assiut raste ein Zug in einen anderen, nördlich von Kairo entgleiste ein weiterer. Bilanz allein dieser beiden Katastrophen: 41 Tote und rund 340 Verletzte. Beim schlimmsten Unglück in der jüngeren Geschichte des Landes geriet 2002 ein Zug in Brand, mehr als 360 Menschen starben. Ein Bericht von 2018 zählte im Jahr 1000 Kollisionen. Zwischen Bildern dieser Unglücke und dem Traum eines Hochgeschwindigkeitszuges liegen Welten.

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Großprojekt liegt auch in deutschen Händen

Bei der Siemens-Tochter Siemens Mobility hält man sich noch bedeckt zum Projekt. Nur die Absichtserklärung ist unterschrieben und man steckt mitten in Verhandlungen, daher steht auch noch kein Baubeginn fest. Wie aus Industriekreisen zu hören ist, war die Konkurrenz um das Großprojekt hart – ägyptischen Medienberichten zufolge kam sie auch aus China. In München kommentiert man das nicht. „Wir fühlen uns geehrt und sind stolz, dass uns das Verkehrsministerium mit der Durchführung dieses wichtigen Projekts betrauen möchte“, sagt ein Sprecher lediglich. Ägypten sei ein „wichtiger Markt“.

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Wie wichtig man das Projekt bei Siemens Mobility nimmt, zeigte sich aber schon bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung in Kairo. Mit dem scheidenden Chef Joe Kaeser und dem neuen Chef Roland Busch hatte Siemens gleich beide Spitzenleute geschickt. Die geplante Strecke werde die erste elektrische Hauptverkehrsstrecke in Ägypten, heißt es. Zudem soll sie für den Güterverkehr genutzt werden.

Zusammen mit lokalen Partnern soll Siemens Mobility schlüsselfertig liefern – von der Bahninfrastruktur bis zu Zügen und Lokomotiven sowie Wartung für 15 Jahre. Bei den Münchnern ist das nach Angaben aus dem Januar ein Auftragsvolumen von umgerechnet rund 2,5 Milliarden Euro.

Die Zusammenarbeit mit Präsident Al-Sisi, der Kritiker mit aller Härte verfolgen lässt, sorgt aber auch für Unmut. „Die Freude über einen Hochgeschwindigkeitszug währt nur kurz, wenn an Bord Grund- und Menschenrechte mit Füßen getreten werden“, sagt Kai Gehring (Grüne), Bundestagsabgeordneter und dort Mitglied im Menschenrechtsausschuss. „Scheinstabilität“ und „Wirtschaftsbeziehungen“ dürften nicht hinwegtäuschen über Al-Sisis „brutalen Sicherheitsapparat“.

Hochgeschwindigkeitsverkehr in anderen Ländern unverzichtbar

Anderswo bildet der Hochgeschwindigkeitsverkehr (HSR) längst das Rückgrat im Personenverkehr an Land. Japan, wo das HSR-Netz 2018 täglich 420.000 Passagiere mit bis zu 320 Kilometern pro Stunde ans Ziel brachte, gilt als Vorreiter. China hat deutlich aufgeholt und verfügt heute mit etwa 38.000 Kilometern HSR-Strecken über das größte Netz weltweit. Bis zum Jahr 2035 sollen es 70.000 Kilometer sein.

In Europa nahm Frankreich eine Pionierrolle ein. Heute sind der dortige „Train à grande vitesse“ (TGV) und in Deutschland der 1991 in Betrieb genommene Intercity Express (ICE) Flaggschiffe. Das europäische Netz wird immer weiter ausgebaut und reicht inzwischen von Portugal über Griechenland bis nach Schottland, Norwegen und Russland. Das Auto-Land USA hinkt hinterher, wie das Institut für Umwelt- und Energiestudien EESI schreibt. Der erste HSR-Zug in Kalifornien soll frühestens im Jahr 2029 los rollen.

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Ägypter sehen das Projekt kritisch

In Ägypten, wo nach offiziellen Zahlen etwa ein Drittel der rund 100 Millionen Einwohner in Armut lebt, regt sich teilweise Widerstand. „Luxus-Zug für Luxus-Leute“, schimpft eine Autorin und Zahnärztin bei Twitter. Schauspieler Amr Wakid fragt dort, warum es Milliarden für den Zug in einen Badeort gibt, während in der Corona-Pandemie Sauerstoffflaschen fehlen und das Gesundheitssystem ächzt.

Immerhin: Das alte Bahnnetz soll mit umgerechnet 550 Millionen Euro erneuert werden und der Betrieb ebenfalls mit Hilfe ausländischer Unternehmen künftig besser laufen. Transportminister Al-Wasir hat derweil schon weitere Pläne, wie er im Interview mit dem TV-Sender MBC Misr verrät: Das HSR-Netz soll nicht 1000, sondern vielleicht sogar über 1700 Kilometer reichen – bis nach Libyen und in den Sudan.

RND/dpa

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