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Arbeitszeitprojekt in Großbritannien

Sind wir an vier Tagen produktiver als in der Fünftagewoche?

Mitarbeiter der Porsche AG montieren im Hauptwerk Stuttgart einen Porsche 911.

Mitarbeiter der Porsche AG montieren im Hauptwerk Stuttgart einen Porsche 911.

Richard Nixon ist den meisten Menschen als skrupelloser US-Politiker bekannt, der letztlich 1974 infolge des Watergate-Skandals als US-Präsident zurücktreten musste. Doch der Republikaner hatte in seiner politischen Karriere auch überraschende Visionen.

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1956, Nixon war damals Vizepräsident unter Dwight D. Eisenhower, prophezeite er, dass in „nicht allzu ferner Zukunft“ die viertägige Arbeitswoche für Beschäftigte normal sei. Heute, 66 Jahre später, ist im Westen die Fünftagewoche noch Normalität. Doch die Arbeitswelt ist nicht zuletzt infolge der Pandemie und der verzweifelten Suche nach Fachkräften im Umbruch.

Dabei geht es nicht nur um die Möglichkeit, im Home- oder Mobileoffice zu arbeiten. Rekruterinnen und Rekruter berichten immer häufiger, dass umworbene Spezialistinnen und Spezialisten auf ihre Work-Life-Balance pochen – zu Deutsch: Sie bestehen auf die Vereinbarkeit von Freizeithobbys, Familie und Beruf.

Halbzeitergebnisse

In Großbritannien startete im Juni das weltgrößte Pilotprojekt in einem Industrieland für eine viertägige Arbeitswoche mit gleichbleibendem Gehalt. Daran beteiligen sich bis Ende November dieses Jahres 73 Unternehmen mit 3300 Beschäftigten in Banken, in der Werbebranche, bei Versicherungs- und Finanzdienstleistern, im Gesundheitswesen oder Handel sowie aus der Gastronomie und weiteren Branchen. Wissenschaftlich betreut wird der Versuch von Expertinnen und Experten der Cambridge University, des Boston College und der Oxford University sowie der Denkfabrik Autonomy.

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Nun liegen Ergebnisse einer Halbzeitumfrage unter den Beteiligten vor, über die die Initiative 4 Day Week Global berichtet. 41 der insgesamt 73 Firmen hatten sich daran beteiligt. Die Antworten legen die Frage nah, ob wir nur fünf Tage in der Woche arbeiten, weil wir das schon Jahrzehnte so machen – und ob weniger nicht mehr wäre.

Die meisten teilnehmenden Unternehmen berichten jedenfalls, dass sie in den vergangenen Wochen nicht nur keine Produktivitätseinbußen festgestellt hätten. In einigen Fällen wurden sogar deutliche Steigerungen registriert.

Reibungsloser Übergang

Laut Initiative 4 Day Week Global gaben 88 Prozent der Befragten an, dass die Viertagewoche in diesem Stadium des Versuchs für ihr Unternehmen „gut“ funktioniere. 46 Prozent der Befragten berichteten, dass ihre Unternehmensproduktivität „ungefähr gleichgeblieben“ wäre.

Der britische Versuch zur Viertagewoche erregt Aufmerksamkeit über das Vereinigte Königreich hinaus.

Der britische Versuch zur Viertagewoche erregt Aufmerksamkeit über das Vereinigte Königreich hinaus.

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Bemerkenswert: Mit 34 Prozent gab mehr als ein Drittel der Beteiligten zu Protokoll, dass sich die Produktivität „leicht“ und bei 15 Prozent (sechs Unternehmen) sogar „erheblich“ verbessert hätte.

Die Mehrheit der Firmen berichtet von einem reibungslosen Übergang zur Vier-Tage-Woche. 86 Prozent ziehen derzeit in Betracht, „wahrscheinlich“ die Beibehaltung dieses Arbeitszeitmodells nach dem Experiment fortzuführen.

„Erst mal war ich ja misstrauisch, als ich hörte, dass man für weniger Arbeit denselben Lohn bekommen soll“, sagte Wyatt Watts, Fish-and-Chips-Teamleiter bei Platten’s in Norfolk dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Aber mittlerweile begreife er, dass er viel besser arbeite, wenn er „nicht so kaputt“ sei und mehr Zeit „zum Auftanken“ habe.

Führungskräfte positiv

Auch andere Teilnehmende des Projekts fühlen sich, wenn sie an die Arbeit gehen, „fitter“ als bisher und „weniger erschöpft“, berichten Medien. „Wenn man sich die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsplatz ansieht, waren wir oft zu sehr auf den Arbeitsort konzentriert“, sagte Joe O’Connor, der Geschäftsführer von 4 Day Week Global, der „New York Times“. „Fern- und Hybridarbeit kann viele Vorteile bringen, aber sie hat nichts mit Burn-out und Überarbeitung zu tun.“

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Einige Führungskräfte von teilnehmenden Unternehmen hätten erklärt, die Viertagewoche habe ihren Mitarbeitern mehr Zeit für Sport, Kochen, Familienbesuche und Hobbys gegeben. Dies hätte ihr Wohlbefinden gesteigert und sie energiegeladener und produktiver gemacht.

Gary Conroy, Gründer und Geschäftsführer von 5 Squirrels, einem Hersteller von Hautpflegeprodukten mit Sitz im englischen Brighton, sagte der „NYT“, dass die Mitarbeitenden produktiver geworden seien und weniger Fehler machten und dass die Mitarbeitenden besser zusammenarbeiteten. „Wir sind irgendwie weggekommen von ‚Das ist dein Job, nicht meiner‘, weil wir alle versuchen, donnerstags um fünf Uhr hier rauszukommen.“

Hornbach flexibilisiert

Ähnliche Versuche wie im Vereinigten Königreich gibt es inzwischen auch in der Privatwirtschaft anderer Länder, etwa in den USA, Kanada, Irland, Neuseeland und Australien. Im schwedischen Göteborg fand eine Erprobung im öffentlichen Dienst statt. Ergebnis: Die Mitarbeiter erbrachten in vier Tagen die gleiche oder sogar eine höhere Arbeitsleistung als in fünf Tagen Arbeit.

In Deutschland gibt es Versuche einzelner Firmen zur Flexibilisierung ihrer Arbeitswelt. Der Baumarktbetreiber Hornbach verkündete jüngst, er wolle seinen Beschäftigten künftig mehr Freiheit bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeit lassen.

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Mitarbeiterin im Hornbach-Markt im bayerischen Fröttmaning.

Mitarbeiterin im Hornbach-Markt im bayerischen Fröttmaning.

„Zum kommenden Kalenderjahr können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Deutschland die eigene Arbeitszeit reduzieren, umverteilen oder aufstocken“, teilte das Unternehmen mit. Es solle eine „Arbeitszeit nach Maß“ geben, die es den Beschäftigten ermögliche, berufliche Rahmenbedingungen mit ihrer jeweiligen Situation in Einklang zu bringen.

Die Viertagewoche gibt es in kleineren Unternehmen wie etwa der Digitalagentur Vereda in Münster oder in einem Sanitär- und Lüftungsbetrieb in Überlingen am Bodensee. Fakt ist: Die Zahl jener, die in Teilzeit arbeiten, stieg bei Frauen wie Männern in den letzten Jahrzehnten. Das Bedürfnis, weniger zu arbeiten, ist also Realität.

Mehr Teilzeitbeschäftigte

Zwischen 1985 und 2018 nahm die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um 30,1 Prozent zu, die Zahl der Teilzeitbeschäftigten hat sich hingegen fast vervierfacht. Laut Destatis arbeiten die Deutschen heute zwar tatsächlich nur 34,8 Stunden pro Woche – allerdings eben auch nicht für ein Vollzeitgehalt.

Die Lektion sollte klar sein: Arbeitnehmer sind gesünder und produktiver, wenn sie weniger arbeiten.

Will Stronge,

Forschungsdirektor beim britischen Thinktank Autonomy

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„Die Tendenz geht dazu, dass Vollzeitarbeitende gern verkürzen wollen“, sagt Arbeitsmarktforscher Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) dem RND, „wie weit sich das realisieren lässt, hängt von der individuellen ökonomischen und berufs­spezifischen Situation ab.“

Ein Modellprojekt in Island, das von 2015 bis 2019 rund 1,3 Prozent der Arbeitnehmenden einbezog, hatte ähnliche Ergebnisse wie das Halbzeitfazit auf der britischen Insel. Produktivität und Effizienz lagen in vielen Branchen über den Werten von vor dem Modellprojekt.

Kritiker warnen

Menschen klagten seltener über Stress und Burn-out, waren seltener krank, das Wohlbefinden stieg, der Kohlenstoffdioxidausstoß ging zudem zurück. Polizei und städtische Behörden bearbeiteten sogar mehr Fälle. „Die Lektion sollte klar sein: Arbeitnehmer sind gesünder und produktiver, wenn sie weniger arbeiten“, sagte Will Stronge, Forschungsdirektor beim britischen Thinktank Autonomy.

Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, ist offen für andere Arbeitszeitmodelle.

Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, ist offen für andere Arbeitszeitmodelle.

Gewerkschaften wie die IG Metall versuchen, die Debatte über eine Viertagewoche in Deutschland als „die Antwort auf den Strukturwandel in Branchen wie der Autoindustrie“ zu etablieren. Bislang mit eher mäßigem Erfolg. Kritiker warnen vor zusätzlichen Kosten und einer geringeren Wettbewerbsfähigkeit. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt: „Die Viertagewoche kann nicht alle bestehenden Probleme lösen.“

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Fratzscher ist zwar grundsätzlich offen für solche Modelle. Wenn Menschen finanziell nicht über die Runden kämen, „wollen sie ein ordentliches Gehalt“. In einer Viertagewoche das gleiche Geld zu verdienen wie zuvor sei aber eine Illusion. „Vielleicht arbeitet man produktiver, aber man schafft dennoch weniger als in einer Fünftagewoche.“

Individuelle Vereinbarungen

Auch Arbeitsforscher Eichhorst sieht Nixons Vision eher im Bereich der Illusion. „Die Studien haben begrenzte Fallzahlen, das ist nicht in der Breite realisierbar.“ Er glaubt nicht, dass so viel Produktivität geschaffen werden könne wie bei der Fünftagewoche – und dies auch noch „einen vollen Lohnausgleich rechtfertigen würde“.

Erfolgsversprechender sei der Weg, dass Arbeitnehmende in Branchen mit Fachkräftemangel individuelle Möglichkeiten mit ihren Unternehmen aushandeln, etwa was flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten oder einen Zuschuss für Immobilien angehe.

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Es sei darüber hinaus richtig, dass sich Unternehmen in einigen Bereichen mit Ineffizienz, sinnlosen Tätigkeiten und Wegen zur Work-Life-Balance auseinandersetzten, so Experte Eichhorst. „Eine gewisse Straffung ist in einigen Branchen möglich, aber ich würde davor warnen, zu sehr zu verdichten.“

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