Usain Bolt: Der schnellste Mensch der Welt

  • Was Usain Bolt in seiner Karriere erreichte, wird kaum jemand wiederholen können.
  • “Ich bin jetzt eine Legende”, sagt der Jamaikaner über sich selbst.
  • Aber ist er auch der größte Sportler aller Zeiten? Teil 2 unserer Serie.
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Usain Bolt hatte gerade zu einem seiner fulminanten Sprints angesetzt, es sollte das große Finale seiner in ihrer Gesamtheit noch größeren Karriere werden. Das Drehbuch war auf diesen Moment zugeschrieben worden. Ein letztes Mal dem König huldigen, ein letztes Mal die berühmte Bogenschützenpose, ein letztes Mal die lebende Legende laufen sehen.

Doch das 4x100-Meter-Staffelrennen bei der Leichtathletik-WM 2017 in London wurde für den besten Sprinter der Geschichte zum Drama. Nach nur wenigen Metern auf der Zielgeraden wurde Bolts letzter Lauf der aktiven Karriere durch einen Krampf im linken Oberschenkel beendet. Statt mit seinen Teamkollegen aus Jamaika über sein 12. WM-Gold zu jubeln, lag die Lichtgestalt der gesamten Leichtathletik am Boden und krümmte sich vor Schmerzen.

Schmerzhaftes Ende eine großen Karriere: Usain Bolt verletzt am Boden nach der Sprintstaffel bei der WM 2017 in London – seinem letzten Rennen. © Quelle: dpa
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Und trotzdem passten diese Szenen ins Bild. Jeder sprach wieder einmal nur über Bolt. Da, wo er in seiner Karriere aufgetaucht war, war er schließlich immer die Nummer eins gewesen, natürlich auch, als er ein paar Tage zuvor bei seinem letzten Einzelstart über 100 Meter nur Bronze geholt hatte. Weltmeister Justin Gatlin blieb eine Nebenrolle. Thema stattdessen: Bolt, nach dem in seiner jamaikanischen Heimat bereits 2009 passenderweise eine Autobahn benannt worden war, hat seinen goldenen Abschied, den jeder erwartet hatte, verpasst.

Am Ende ist dies nur ein kleiner Makel in der Vita des heute 33-Jährigen. Er hält ihn außerdem nicht einmal für tragisch, wie sein langjähriger Manager Ricky Simms dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagte: “Die drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 2016 waren der perfekte Schluss seiner Karriere. 2017 war für ihn wie eine Ehrenrunde. Er hat das gemacht, um den Fans zu danken.”

Das, was Usain St. Leo Bolt in seiner Karriere erreichte, wird kaum jemand wiederholen können. Achtmal Olympiagold, elf WM-Goldmedaillen, fünf Einzelweltrekorde: Bolt ist ohne Zweifel der überragende Sprinter der Geschichte, seine Weltrekorde über 100 Meter und 200 Meter, die er während der Leichtathletik-WM 2009 im Berliner Olympiastadion aufstellte, gelten bis heute. Niemand kam seitdem auch nur annähernd heran – außer ihm selbst.

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Der Jamaikaner besitzt längst mythischen Status, wie er gern in unnachahmlicher Großmäuligkeit betont. “Ich bin jetzt eine Legende. Ich bin außerdem der großartigste lebende Athlet”, tönte er einmal. Bei drei Olympischen Spielen in Serie gewann er jeweils dreimal Gold – wenngleich das Staffelgold von 2008 in Peking den Jamaikanern inzwischen aberkannt wurde, weil Kollege Nesta Carter des Dopings überführt wurde. “Das wird schwer für irgendjemanden zu wiederholen sein”, sagt Simms über Bolt.

Ikonische Geste: Als Bogenschütze feierte Usain Bolt seine Siege – hier nach dem 100-Meter-Rennen bei den Olympischen Spielen von London 2012. © Quelle: imago sportfotodienst
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Den Legendenstatus hatte sich Bolt früh erarbeitet. 2007 in Osaka holte er sich mit Silber über die 200 Meter seine erste WM-Medaille, ein Jahr später war er schon nicht mehr zu schlagen. Am 31. Mai 2008 stellte Bolt in New York mit 9,72 Sekunden einen neuen Weltrekord über 100 Meter auf, den er bei den Olympischen Spielen in Peking auf 9,69 Sekunden verbesserte – und nebenbei sein erstes Olympiagold gewann.

Und wie! Schon nach rund 80 Metern nahm er Tempo raus, fing an auszulaufen, breitete seine Arme aus und feierte sich selbst – alles mit einem offenen Schuh. Arrogant und abgehoben nannten ihn Kritiker – Zeichen der Freude sah er selbst. Physiker berechneten, dass Bolt auf eine Zeit von 9,55 Sekunden hätte kommen können, wenn er voll durchgesprintet wäre.

Ein paar Tage später holte Bolt sich über 200 Meter den nächsten Weltrekord und das nächste Olympiagold ab. “Er hat den Wettkampf geliebt: Je größer die Bühne, desto besser für ihn”, erklärt Simms. “Er brachte immer seine Leistung, wenn es darauf ankam.”

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Bolt der Sprinter, Bolt der Entertainer. Dass diese zwei Herzen in seiner Brust schlagen, wurde spätestens 2009 in Berlin deutlich. Auf der blauen Bahn des Berliner Olympiastadions lief Bolt, den die amerikanische Sprintlegende Michael Johnson als “Supermann II” bezeichnete, in den Olymp seiner Sportart. Es war der 16. August 2009, als Bolt Gold über 100 Meter gewann und mit nur 41 Schritten den bis heute gültigen Weltrekord von 9,58 Sekunden aufstellte. “Für mich war es das perfekte Rennen”, sagte Bolt einmal im Gespräch mit dem RND.

So schnell lief kein anderer Mensch die 100 Meter: Usain Bolt 2009 bei der WM in Berlin nach dem Weltrekord, der heute noch gilt. © Quelle: imago sportfotodienst

Mindestens genauso bemerkenswert wie der Lauf an sich war der Umgang Bolts mit der Situation vor dem Start. Im ausverkauften Olympiastadion spielte er mit dem Publikum, machte seine einzigartige Bogenschützengeste. Der Sprinter wirkte lässig und abgeklärt, überspielte die angespannte Situation vor dem Rennen mit einfachen Gesten – wirkte dabei jedoch nie unsympathisch.

Bolt, ein Publikumsliebling? Er ist weit mehr als das. “Die Zuschauer vor dem Rennen zu unterhalten hilft mir, relaxt zu bleiben”, sagte der begnadete Tänzer und Musikliebhaber einmal. Selbst auf dem Aufwärmplatz neben dem Stadion ein paar Tage später vor dem Halbfinale über 200 Meter war Bolt einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Während sich seine Konkurrenten mit dicken Kopfhörern über den Ohren von der Außenwelt abschotteten und letzte Übungen machten, saß Bolt mit seinem Trainer Glen Mills und anderen Betreuern lachend neben der Bahn.

Der Sprintstar riss Witze und schrieb sogar noch Autogramme. “Er nimmt sich Zeit für jeden”, sagt Manager Simms. Ein paar Minuten später lief er dann locker und leicht ins Finale – um dort die nächste Show abzuziehen: Mit 19,19 Sekunden stellte Bolt den nächsten Fabelrekord auf, der wie seine Bestmarke über 100 Meter bis heute Bestand hat. “Hoffentlich auch noch ein bisschen länger”, sagte er dem RND.

Bolt, das Forschungsobjekt

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Viele Wissenschaftler haben immer wieder versucht, das Geheimnis von Bolts Schnelligkeit zu ergründen. Die wichtigsten Erkenntnisse: Wegen seiner Größe von 1,95 Metern und des höheren Gewichts im Vergleich zu seinen Kontrahenten gilt er zwar nicht als der beste Starter – was ihm 2017 vor allem den goldenen Einzelabschied vermieste.

Mit raumgreifenden Schritten von bis zu 2,95 Metern Länge distanziert er die Gegner aber vor allem während der zweiten Rennhälfte. Skurril: Wegen seiner Größe wurde ihm im Kinder- und Jugendalter sogar gesagt, dass er nie ein guter Sprinter werden würde. Wie man sich täuschen kann. Doch alle Vielseitigkeit hat Grenzen: Versuche über die 400 Meter und im Weitsprung beendete er frühzeitig.

Auch der Verdacht rannte immer mit: Die Leistungen Bolts ließen immer wieder Zweifel aufkommen, ob er nicht doch mit verbotenen Substanzen arbeite. Der Jamaikaner selbst sagte immer wieder, er wäre sauber. Auch konnte ihm, der zu den am häufigsten getesteten Sportlern zählte, nie etwas nachgewiesen werden – anders als einigen seiner damaligen Konkurrenten wie den US-Amerikanern Tyson Gay und Justin Gatlin übrigens. “Leute, die meine Karriere verfolgt haben, seit ich zwölf Jahre alt war, sehen, dass ich mit einem großen Talent geboren wurde”, sagte Bolt einmal. So seien all seine Erfolge “eine Kombination aus Talent, harter Arbeit, tollem Trainerteam”.

Doping? Angeblich also kein Thema beim Ausnahmeathleten. Ob ihn das so beliebt bei Konkurrenten macht, wie Simms verrät? “Ich glaube wirklich, dass Usain die Kultur des Männersprints verändert hat. Als er seine Karriere startete, war die Szene sehr aggressiv, fast wie im Schwergewichtsboxen. Dann kam Usain mit seinem Lächeln und seiner positiven Energie”, erzählt der Manager, der Bolt schon als 16-Jährigen unter seine Fittiche nahm.

Bolt, der von der jamaikanischen Regierung einen Diplomatenpass erhielt und als Botschafter seines Landes offiziell als “Ehrenhafter Mr. Usain Bolt” (“Honourable”) angesprochen werden müsste, prägte ein ganzes Jahrzehnt in der Leichtathletik – und darüber hinaus. Der Multimillionär, der immer noch für eine deutsche Bekleidungsfirma als Werbefigur agiert, verteidigte als erster Sprinter überhaupt 2012 das Olympia-Double über 100 und 200 Meter. Aus London hat er zudem die Goldmedaille für den Staffelsieg in seinem Trophäenschrank hängen.

Auch vier Jahre später in Rio de Janeiro wiederholte er das Kunststück. Nur einmal versagten ihm etwas die Nerven: Bei der WM 2011 in Daegu wurde er im 100-Meter-Finale aufgrund eines Fehlstarts disqualifiziert. Bis 2017 blieb dies der einzige Fehltritt in einer so herausragenden Karriere, von der klar war, dass sie nicht bis ins hohe Sprinteralter reichen würde.

Immer häufiger war Bolt verletzt, er leidet seit seiner Kindheit an Skoliose, einer Verkrümmung der Wirbelsäule. Und während einstige Konkurrenten auch jenseits der 30 noch immer WM-Medaillen sammeln, hat Bolt, der einen jüngeren Bruder und eine ältere Schwester hat, früh den Schlussstrich gezogen. Neun Tage vor seinem 31. Geburtstag beendete dann der besagte Muskelkrampf 2017 seine aktive Zeit als Leichtathlet.

Extrarunden auf dem Fußballplatz

Seitdem ist der Jamaikaner glücklicher Rennrentner – was nicht heißt, dass sein Leben langweilig geworden wäre. “Es ist sogar stressiger als vorher – aber in einer anderen Art”, sagte er. “Ich arbeite hart für meine Sponsoren, Partner und vor allem für meine Stiftung. Aber ich genieße dieses Leben sehr. Ich kann endlich trinken und essen, was ich will. Und ich muss nicht mehr darauf achten, früh ins Bett zu gehen”, so der 1,95-Meter-Hüne. Zwischenzeitlich arbeitete er sogar an einer Fußballkarriere, trainierte beim Bundesligisten Borussia Dortmund mit. Einen echten Anlauf für die Karriere nach der Karriere unternahm er beim australischen Klub Central Coast Mariners, für die er in einem Testspiel sogar einen Doppelpack erzielte.

Nur gut zwei Monate nach seinem Debüt war das Fußballabenteuer des glühenden Fans des englischen Klubs Manchester United schon wieder vorbei. Der Verein teilte mit, der Test sei mit “sofortiger Wirkung” beendet, nachdem sich die Parteien nicht auf einen Vertrag hätten verständigen können. “Ich wollte es als Profi schaffen und habe diese Erfahrung sehr genossen”, sagte Bolt danach dem RND. “Ich wollte wirklich auf dem höchsten Level spielen, aber habe realisiert, dass ich dafür viel Zeit und Training benötigt hätte. Das wäre schwer mit all meinen anderen Verpflichtungen vereinbar gewesen. Jetzt spiele ich weiter aus Spaß bei Charity- und Showspielen. Aber ich werde nicht mehr versuchen, Profi zu werden.”

Stattdessen konzentriert er sich nun auf das Familienleben. Im Mai wurde er zum ersten Mal Vater – seine Tochter heißt übrigens Olympia Lightning. Da muss das Training auch mal hintanstehen, wie er kürzlich verriet. Er würde inzwischen sowieso nur noch etwas machen, wenn er zugenommen habe. Nach einer herausragenden Karriere beginnt nun also so richtig das Leben danach des Usain St. Leo Bolt. Stolz ist er auf das Erreichte allemal: “Ich war immer schnell, habe gewonnen, wenn es darauf ankam, und hatte immer Spaß. Ich glaube, die Menschen haben meine Persönlichkeit gesehen, und ich bin glücklich, dass ich meiner Sportart so viel Aufmerksamkeit verschaffen konnte.”

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“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
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