Tiger Woods: Nicht zu bändigen

  • Tiger Woods Biografie ist gespickt mit Skandalen.
  • Überstrahlt werden sie nur von seinen einzigartigen Leistungen auf dem Golfplatz.
  • Ist er der größte Sportler aller Zeiten? Teil 6 unserer Serie.
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Es ist eine Geschichte von Ruhm, Schmerz, Geld und Sex. Von einem Star, der ganz oben war, noch tiefer fiel – und dann in höchste Sphären zurückkehrte. Wenn Brüche und Wendungen eine Biografie erst faszinierend machen, gehört Tiger Woods ohne jeden Zweifel zu den spannendsten Figuren des Sports. Dabei spielten sich all seine Höhen und Tiefen stets unter dem Brennglas der Öffentlichkeit ab. Und das von frühester Kindheit an.

Erster TV-Auftritt mit Mini-Golfschläger im Alter von zwei Jahren, erste Interviews mit führenden US-Medien als Teenager: Schnell war nicht nur Eingeweihten klar, dass sich eines der größten Talente auf direktem Weg zu den Fairways und Greens der PGA-Tour befand. Oder wie es Woods im Alter von 14 Jahren selbstbewusst ausdrückte: “Ich kann eine Art Michael Jordan des Golfs werden.” Jordan, der wohl beste Basketballprofi aller Zeiten, dominierte zu dieser Zeit die NBA, fuhr mit den Chicago Bulls die ersten Titel ein und sicherte sich einen lukrativen Werbevertrag nach dem anderen.

Der Störfaktor in den Country-Clubs

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Eine Art Blaupause für das, was Woods in den nächsten Jahren erwarten sollte. Wobei es Jordan bei seinem Aufstieg zur US-Sportikone in manchen Bereichen einfacher hatte. Während die NBA traditionell vor allem von dunkelhäutigen Stars geprägt wurde, musste Woods zunächst zahlreiche Widerstände durchbrechen und doppelt um Anerkennung kämpfen. “Wenn ich in den großen Country-Clubs spiele, starren mich die Menschen an. Ihre Blicke fragen: Was machst du hier? Du solltest nicht hier sein”, meinte er einmal als Teenager und quittierte diesen für ihn alltäglichen Rassismus mit einem Schulterzucken.

Schon in jungen Jahren brachte Woods alles für eine große Karriere mit: Talent, Disziplin, Charisma. Er überstrahlte die früh erfahrene Ablehnung mit Klasse – auf und abseits des Golfkurses. Und er verlor seine Ziele nie aus den Augen. 1996, nachdem er als Junior, Collegestudent und im Amateurbereich nahezu alle erdenklichen Titel abgeräumt hatte, brach er das Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Stanford-Universität ab, wechselte ins Profilager – um kurzerhand seinen Sport zu revolutionieren.

Das erste Mal: Tiger Woods erhält 1997 das Siegerjackett beim US-Masters von Vorjahressieger Nick Faldo. © Quelle: AP
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In Windeseile entwickelte er sich zu einer Art Golf-Rockstar. Mit seinem zuweilen unorthodoxen Schwung, unglaublichen Putts und knallhartem Siegeswillen machte er das, was manche lange für unspektakulär und langatmig hielten, plötzlich für ganz neue Fangruppen attraktiv. Und selbst für jene, die sich weiterhin nicht für Golf erwärmen konnten, gab es bei all dem Hype kaum eine Chance, zu entkommen. Der Grund: Die rund um den aufstrebenden Star installierte Marketing- und Werbemaschinerie nahm mit derartiger Wucht an Fahrt auf, wie Woods den Ball die Fairways hinunterdrosch.

Allen voran Nike, dessen Golfsparte zuvor kaum existent war, nutzte die Gelegenheit, stattete Woods mit einem Vertrag über 40 Millionen Dollar aus und galt plötzlich als heißer Anwärter auf die Marktführerschaft. Denn: Jeder, der seine Freizeit damit verbrachte, einen kleinen Ball in einem kleinen Loch zu versenken, wollte ein Stück Tiger – als Poloshirt, als Hose, als was auch immer. Statt angestaubt war Golf nun jung und modern. Bester Beleg: Im ersten Werbeclip für seinen Ausrüster waren außer Woods ausschließlich Kinder zu sehen, die keinen Zweifel daran ließen, wer ihr neues Vorbild ist. “I am Tiger Woods”, lautete die unmissverständliche Botschaft.

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Monopol auf Superlative

Da Woods sportliche Leistungen mit all dem Hype Schritt hielten, bewahrheitete sich auch seine einstige Prophezeiung. Spätestens als er 1997 mit dem US-Masters sein erstes Major-Turnier gewann, war er dort angekommen, wo er schon immer hinwollte: auf Augenhöhe mit Michael Jordan. Ähnlich wie der NBA-Superstar hatte Woods seine Gegner in Augusta nicht nur besiegt. Er hatte sie demoralisiert. Zwölf Schläge betrug der Vorsprung auf den zweitplatzierten Tom Kite. Seinen Triumph am Finaltag verfolgten rund 44 Millionen Amerikaner live vor dem TV. Im Eiltempo hatte der damals 21-Jährige all die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Zwei Monate später grüßte er erstmals von der Spitze der Weltrangliste. Nichts schien ihn aufzuhalten.

Unorthodoxer Schwung, unglaubliche Putts und knallharter Siegeswille: Tiger Woods hat die Golfwelt revolutioniert. © Quelle: AP

Doch nach den ersten Höhepunkten wollte es zunächst nicht mehr so recht laufen. Die großen Erfolge blieben in den kommenden Monaten aus, Woods arbeitete vornehmlich daran, seinen Schwung zu perfektionieren. Offenbar gelang dies mit Erfolg: Ab 1999 reihte der Shootingstar Sieg an Sieg aneinander, frustrierte die Konkurrenz mit fast unglaublicher Konstanz. Nach seinem Masters-Sieg 2001 hielt er als erster Golfer zeitgleich alle vier Major-Titel. Die Superlative wurden zunehmend Mangelware.

Zumal auch die Marketingmaschine immer schwungvoller lief. Unter den neuen Sponsorenverträgen war mittlerweile auch ein Deal, der endgültig bewies: Woods hatte seinen Sport bei der anvisierten jüngeren Zielgruppe etabliert. Das 1998 erstmals erschienene Videospiel mit seinem Namen entwickelte sich zu einem absoluten Verkaufsschlager, allein von der Version aus dem Jahr 2003 gingen weltweit 1,7 Millionen Exemplare über die Ladentheken. Woods war cool, und damit war auch Golf cool.

Alles lief bestens. Dann kam der Bruch. Binnen weniger Tage entwickelte sich die Erfolgsgeschichte zu einem Schundroman. Der “National Enquirer” veröffentlichte am 25. November 2009 eine Titelgeschichte, die die gesamten USA in Atem halten sollte. Quintessenz der Story: Woods habe eine außereheliche Affäre mit einer New Yorker Nachtklubmitarbeiterin. So weit, so schlecht. Es war allerdings nur der Anfang unzähliger Enthüllungen, an deren Ende Woods’ vorheriges Saubermann-Image kaum noch einen reinen Fleck aufwies.

Immer mehr Frauen behaupteten, dem Tiger nicht nur tief in die Augen geschaut zu haben – von Kellnerinnen bis zu Pornosternchen. Und Woods? Baute vor dem heimischen Anwesen einen Autounfall, bei dem nie abschließend geklärt wurde, welche Rolle seine aufgebrauchte Ehefrau Elin und ein Golfschläger bei den Schäden am Pkw spielten. Äußern wollte er sich vorerst nicht: weder zu den Affären noch zum Unfall. Dann veröffentlichte Woods auf seiner Homepage ein Statement, bedauerte den Crash, übernahm die volle Verantwortung für “die Situation” und bat darum, das Geschehene als “private Angelegenheit” zu betrachten.

Doch die Vorwürfe wurden mehr, die Details pikanter, der Druck immer größer. Ein Drama für die Betroffenen, ein Fest für Voyeure. Woods gestand in einem schriftlichen Statement: “Ich habe gegen meine eigenen Werte verstoßen und meine Familie nicht so behandelt, wie sie es verdient.” Nachdem sich erste Sponsoren von ihm abwandten, verkündete er, dass er seine Golfkarriere unterbrechen werde. Gerüchte über ein mögliches Karriereende wurden laut. Mitte Januar 2010 hatte die Anzahl der Frauen, die sich öffentlich als Affären von Woods bezeichneten, die Zweistelligkeit erreicht. Gleichzeitig häuften sich Berichte, der tief gefallene Star unterziehe sich einer Therapie gegen Sexsucht.

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Woods schwieg. Stattdessen meldeten sich Freunde, Weggefährten und Unbekannte in schöner Regelmäßigkeit zu Wort. Das Thema köchelte monatelang. Einen Tipp der besonderen Art hatte Donald Trump parat. “Wenn nur die Hälfte der Berichte der Wahrheit entsprechen, sollte Tiger das alles als schlechte Erfahrung verbuchen, seine Ehe beenden und bye-bye sagen. Er sollte ein ganz wunderbarer Playboy sein, Turniere gewinnen und sich ein schönes Leben machen”, meinte der damalige Unternehmer und heutige US-Präsident.

Woods sah die ganze Angelegenheit hingegen offenbar als weitaus komplexer an. Rund drei Monate nach den ersten Vorwürfen trat er beschämt vor die Öffentlichkeit und hielt vor Familie, Freunden, Vertrauten und drei Journalisten eine eigens angesetzte Pressekonferenz ab. Die Öffentlichkeit dürstete nach seinen Worten – und Woods lieferte eine scheinbar perfekt orchestrierte Veranstaltung. Viele US-Sender unterbrachen ihr laufendes Programm und lieferten ihren Zuschauern eine Selbstanklage erster Güte in die Wohnzimmer.

Die große Beichte und eine Versöhnung

“Ich war untreu. Ich hatte Affären. Ich habe Schande über mich gebracht”, sagte Woods. “Ich fand, dass ich mein Leben lang hart gearbeitet hatte und verdiente, alle Versuchungen um mich herum zu genießen. Dank des Geldes und des Ruhmes musste ich nicht groß nach ihnen suchen. Ich irrte. Ich war dumm. Für mich gelten keine anderen Regeln”, sagte Woods. Unzählige Male fiel das Wort “Entschuldigung”, zehnmal der Vorname seiner Ehefrau. Nach seinen Ausführungen versank Woods pathetisch in den Armen seiner Mutter Tida und flog mit dem Hubschrauber zurück in die Therapie. Was wenige Monate zuvor noch eine schillernde Karriere war, war nun ein Trümmerfeld, seine Ehe, aus der zwei Kinder hervorgegangen waren, war beendet.

Im April 2010 kehrte Woods auf den Golfkurs zurück und belegte beim Masters einen beachtlichen vierten Platz. Doch alles war anders. Die uneingeschränkte Liebe und die Sympathien der Fans waren verschwunden. Mechanik ersetzte Leidenschaft, Siege blieben vorerst aus. Woods schien geprägt von Schmerz. Wegen seines privaten Versagens, aber auch körperlich. Verletzungen wurden zum immer wiederkehrenden Begleiter. 2012 und 2013 fand Woods noch einmal zu alter Stärke, dann bremsten ihn Probleme an Rücken und Nacken fast vollständig aus. Kurze Comebacks, kaum Erfolge. Die Musik wurde inzwischen von anderen gemacht. Woods schien sich in die Kategorie “Ex-Star” zu verabschieden. Altbekannten Glamour versprühte nur noch seine zwischenzeitliche Beziehung zu US-Skistar Lindsey Vonn.

So schließt sich der Kreis: 2019 bekommt Tiger Woods das grüne Jackett des Siegers von Patrick Reed übergestreift. © Quelle: Matt Slocum/AP/dpa

Und doch sollte sein Leben eine weitere Wendung bereithalten. Dieses Mal im positiven Sinne. Elf Jahre nach seinem bis dahin letzten Sieg bei einem Major-Turnier gewann Woods im April 2019 erneut das US-Masters. Aus dem Nichts. Dort, wo 22 Jahre zuvor alles begonnen hatte, schloss sich nun der Kreis. Woods wurde wieder umjubelt, die Amerikaner erklärten seinen Auftritt vor der letzten Runde zum Must See TV – statt auf einen Röhrenbildschirm starrten viele Fans dieses Mal jedoch auf ihr Mobiltelefon. Die Zeiten hatten sich verändert, der Held an diesem Tag war jedoch ein Altbekannter.

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