Stefanie Graf: Das Wunderkind des deutschen Tennis

  • Schon in jungen Jahren ist ihre Dominanz fast peinlich für ihre Gegner.
  • Mit 19 Jahren erklimmt Stefanie Graf den Tennisthron, indem ihr der Golden Slam gelingt.
  • Ist sie die größte Sportlerin aller Zeiten? Teil sieben unserer Serie.
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Aus den Boxen weht die Stimme von Whitney Houston. “One Moment in Time”, der Song der Spiele von Seoul, könnte nicht besser passen auf das, was die 10.000 Zuschauer im Olympic Park Tennis Center in Südkoreas Hauptstadt gerade miterlebt haben. Stefanie Graf hat die Goldmedaille und strahlt überglücklich.

Mit dem 6-3, 6-3-Sieg im Finale des olympischen Tennisturniers gegen Gabriela Sabatini ist das Wunderkind des deutschen Tennis an jenem 1. Oktober 1988 auf dem Gipfel seiner Karriere angekommen – mit 19 Jahren. Sie hat den Golden Slam perfekt gemacht, neben den vier Grand-Slam-Turnieren des Jahres auch Olympiagold eingesammelt. Bis heute ist das einmalig, es ist das Vermächtnis einer Jahrhundertsportlerin.

Mit dieser Medaille machte sie den Grand Slam zum Golden Slam: Steffi Graf nach dem Olympiasieg von Seoul 1988. © Quelle: imago images / Laci Perenyi
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Eine Wiederholung dieser Glanzleistung scheint ausgeschlossen. Bundestrainerin Barbara Rittner vermutet, “dass der Golden Slam nie wieder von jemandem erreicht wird”. Dem pflichtet Anna-Lena Grönefeld bei. “Ich gehe nicht davon aus, dass das auf absehbare Zeit noch mal eine Spielerin schafft”, erklärt die frühere Weltklasse-Doppelspielerin und erste deutsche Wimbledon-Siegerin nach Graf (2009 im Mixed) im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Auch wenn man natürlich nie weiß, ob es noch mal so eine Überfliegerin wie Stefanie Graf gibt.”

Zvereva hält gegen Graf 32 Minuten durch

Für Grönefeld war Graf ein Vorbild, eine Inspiration. “Wie für viele andere auch, damals wie heute”, erzählt sie. Der Weltruhm der “Gräfin” fußt auf den Triumphen des Jahres 1988, als Graf die Größten besiegt: bei den Australian Open Chris Evert, in Wimbledon Martina Navratilova und bei den US Open Sabatini.

Bei den French Open hält Natalia Zvereva nur 32 Minuten gegen Graf durch, die ihre Gegnerin im kürzesten Finale der “Open Era” (seit 1968) auseinandernimmt. Sie lässt nur 13 Punkte zu – elf sind eigene Fehler. Graf ist die Dominanz fast peinlich. “Was soll ich machen?”, fragt sie. “0-6, 0-6 in einem Grand-Slam-Finale zu verlieren ist die Hölle. Aber ich bin Sportlerin und versuche immer, das beste Tennis aus mir herauszukitzeln.”

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Dieser Wille zur Perfektion wird Stefanie Graf früh beigebracht. Sie ist vier, als sie erstmals einen Tennisschläger hält. Es ist Liebe auf den ersten Blick, denn das strohblonde Mädchen aus Brühl im Rhein-Neckar-Kreis übt fortan regelmäßig. Immer dabei ist Vater Peter, der das Training steuert, die Intensität nach und nach steigert. Es macht sich bezahlt. Die 1969 geborene Graf ist so gut, dass sie gegen ältere Kinder spielt – darunter ist auch ein gewisser Boris Becker.

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Schon früh fallen Peter Graf Stefanies herausragende Anlagen und die “viel größere Konzentrationsfähigkeit” auf. Als Stefanie neun Jahre alt ist, kümmert ihr Vater sich exklusiv um die Karriere der Tochter, die ihrem Traum alles unterordnet: Schon mit 13 Jahren wird sie Profi, der Weltranglistencomputer berechnet Rang 214 als erste Platzierung.

“Sie hatte großes Talent, aber es gehört auch jede Menge Fleiß dazu”, sagt Grönefeld, die selbst als Jugendliche nach Arizona ging, um in einer Tennisakademie zu lernen. Graf habe “in dieser Hinsicht noch mal eine Schippe draufgelegt, das hat sie besonders ausgezeichnet”. Genau wie ihre Beinarbeit und ihr Paradeschlag, der ihr den Spitznamen “Fräulein Vorhand” einbringt. Stets vorgetragen mit der damals typischen Ausholbewegung und ganz wenig Topspin.

Als 13-Jährige debütiert sie auf der Profi-Tour. Mit 16 gewinnt sie Turniere – gegen Evert und Sabatini. Ihren bis dahin größten Erfolg feiert Graf im Mai 1986 bei den German Open, wo sie Navratilova besiegt. Es ist der Beginn einer großen Rivalität; immer wieder stehen sich Graf und die ebenso ambitionierte 13 Jahre ältere US-Bürgerin mit tschechischen Wurzeln gegenüber.

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Graf bezwingt Navratilova 1987 auch bei den French Open, es ist ihr erster Triumph bei einem der vier großen Wettbewerbe des Jahres; die “Daily Mail” nennt es “eine Revolution”. Zwar kann Navratilova Graf in Wimbledon und bei den US Open in die Schranken weisen – doch schon im August 1987 verdrängt die 18-Jährige sie von der Spitze der Weltrangliste.

Die Teenagerin, die von allen nur Steffi genannt wird, ist da längst eine globale Marke, die von Vater Peter verwaltet wird. Der schüchterne Star macht Millionen mit Preisgeldern und Werbeverträgen. Sogar im Kino gibt es Steffi Graf zu sehen – 1989 hat sie einen Gastauftritt im Film “Otto – Der Außerfriesische” mit Otto Waalkes.

Zwischen den beiden entwickelt sich eine ungewöhnliche, aber enge Freundschaft. Graf sei “ein Phänomen”, sagte Otto, der vor allem “ihre Leichtigkeit” bewunderte. “So wie sie über den Platz schwebte, so möchte ich auch über die Bühne schweben können”, erklärte der Komiker im vergangenen Jahr anlässlich ihres 50. Geburtstags.

Graf & Becker – das deutsche Dreamteam

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Graf eilt von Sieg zu Sieg, fast nebenbei erlebt das deutsche Tennis 1989 den größten Tag seiner Geschichte: Binnen weniger Stunden gewinnen Graf und Boris Becker am 9. Juli die Einzeltitel in Wimbledon, beim prestigeträchtigsten Turnier der Welt. Auf einer Dinnerparty im Hotel Savoy wird gemeinsam gefeiert.

Die beiden unterschiedlichen Charaktere lösen in Deutschland einen gewaltigen Boom aus. Die Mitgliedszahlen des Deutschen Tennis Bundes (DTB) verdoppeln sich innerhalb weniger Jahre von eins auf zwei Millionen, Tennis macht sogar König Fußball Konkurrenz.

Tennistraumpaar: Steffi Graf und Boris Becker 1989 nachdem sie am gleichen Tag in Wimbledon gewannen. © Quelle: PA/dpa

Das bis hierhin so saubere Image der Tennisfamilie Graf bekommt jetzt allerdings erste Flecken. 1990 gerät Peter Graf in die Schlagzeilen des Boulevards. Angeblich soll er eine Affäre mit dem Nacktmodell Nicole Meissner unterhalten haben. Später kommt ans Licht, dass er von Meissner und Boxpromoter Ebby Thust um eine hohe sechsstellige Summe erpresst wurde. Das Duo wandert ins Gefängnis.

Der Eklat hinterlässt bei Stefanie Graf Spuren: Sie verliert im Finale der German Open gegen Newcomerin Monica Seles – in einem Moment, als man fast vergaß, was überhaupt grafsche Niederlagen sind. Es war die erste nach 66 Siegen in Folge, die zweitlängste Serie in der Geschichte des Frauentennis und das vorläufige Ende der Dominanz.

Graf verliert im April 1991 die Spitze der Weltrangliste – nach 186 Wochen, was bis heute Rekord ist. Später erobert sie den ersten Platz mehrfach zurück, wobei Seles, die 1993 in Berlin von einem geistig verwirrten Graf-Fan mit einem Messer attackiert wird (die Deutsche besucht sie im Krankenhaus), ihre große Rivalin bleibt.

1995 werden die Grafs von einem neuen Skandal erschüttert, der Peter Graf schwer beschädigt. Die Mannheimer Staatsanwaltschaft leitet gegen Vater und Tochter ein Verfahren wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung ein, Graf senior wird in Untersuchungshaft genommen.

Auch Stefanie wird verhört, aber entlastet, nachdem ihr Vater erklärt, “für alle geschäftlichen Angelegenheiten seiner Tochter zuständig” gewesen zu sein. Er kommt nach einem Jahr auf Kaution frei, wird 1997 aber zu einer Strafe von drei Jahren und neun Monaten verurteilt.

Seine Tochter, die glaubhaft versichert, dass sie sich “in erster Linie um mein Tennis” kümmere, distanziert sich beruflich. Die Ehe von Peter, der 2013 einem Krebsleiden erliegt, und Heidi Graf übersteht den Prozess nicht; sie wird 1999 geschieden.

Der letzte Sieg in Paris

Stefanie Graf ist in der Zwischenzeit in der Weltrangliste abgestürzt. Nachdem sie von 1993 bis 1996 zehn ihrer 22 Grand-Slam-Titel einfährt, fällt sie in den folgenden Jahren in ein regelrechtes Loch: Der Steuerskandal um ihren Vater, ein angespanntes Verhältnis zu den Medien und wiederkehrende Verletzungssorgen beschleunigen den Absturz in der Weltrangliste.

Doch ans Aufgeben denkt Graf nicht. Sie kämpft sich zurück und schafft es im Juni 1999 tatsächlich noch mal in ein Endspiel: In Roland Garros steht sie der Weltranglistenersten Martina Hingis in einem denkwürdigen Finale gegenüber. Die Deutsche ist ihrer elf Jahre jüngeren Konkurrentin zunächst unterlegen. Doch diese verliert den Faden, als zu Beginn von Satz zwei ein Ball ins Aus gegeben wird. Sie provoziert einen folgenschweren Eklat.

Die Fans schlagen sich auf Grafs Seite, rufen “Steffi, Steffi, Steffi”. Die 29-Jährige dreht auf, gewinnt den zweiten Satz – und schließlich das Match. Bei der Siegerehrung zeigt sie sich gelöst wie nie zuvor. Sie spricht vom “größten, unerwarteten Triumph, den ich je hatte”. Der Sieg gegen Hingis sei “die wundervollste Erinnerung” ihrer Laufbahn, sagt sie später – und der schönste ihrer 900 Siege. Es ist ihr letzter in Paris. Im August verkündet sie ihr Karriereende.

Zwei Jahre später heiratet sie US-Tennisstar André Agassi, der einen Tag nach Grafs letztem Titel erstmals in Roland Garros gewinnen kann. Im selben Jahr verlieben sie sich. Das Paar lebt mit einem Sohn und einer Tochter in Las Vegas. “Zwischen uns gibt es keine Muskelspiele, sondern nur Verständnis. Wenn es Probleme gibt, versuchen wir sie gemeinsam zu lösen”, sagt Agassi, selbst achtfacher Grand-Slam-Gewinner, über die Beziehung.

Seine Ehefrau gibt nur selten Interviews, kümmert sich dafür intensiv um ihre Stiftung “Children for Tomorrow”, mit der sie sich für Kinder einsetzt, die Opfer von Krieg und Vertreibung wurden. “Wenn ich diese Kinder sehe, denen die Hoffnung und ihr Urvertrauen genommen wurden, dann ist es dramatisch und gravierend”, sagt sie vor einigen Jahren bei einem Besuch in Hamburg. “Deswegen sehe ich es als selbstverständlich an, ihnen diese Hoffnung wiederzugeben.” Das Tennisracket nimmt sie selten in die Hand, auch auf der Tour taucht sie kaum auf. Und wenn doch, ist ihr der mediale Rummel eher unangenehm.

Privates Traumpaar: Steffi Graf und ihr Ehemann André Agassi. © Quelle: dpa

Was bleibt, ist ihre Extraklasse, die für die folgende Generation, die stets an ihr gemessen wird, auch “eine Bürde” ist, wie Grönefeld, die ihre eigene Laufbahn 2019 beendete, zugibt. “In der Zeit, in der ich durchkam, wurde jede, die in der Jugend gut war, als die nächste Steffi Graf bezeichnet”, erklärt Grönefeld: “Eine Ausnahmespielerin wie Stefanie Graf kann man aber nicht duplizieren, sie war ein Jahrhunderttalent. Ich habe gelernt, damit umzugehen, denn ich wusste natürlich, dass ich weit davon weg war.” Stefanie Graf bleibt eben unerreicht – eine einmalige, eine goldene Erscheinung.

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