Sané hat genug Chancen bekommen

  • Der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack zieht nach der Vorrunde Bilanz.
  • Der EM-Experte des RND erklärt, warum Kritik am Bundestrainer keine Majestätsbeleidigung ist.
  • Und warum die DFB-Elf trotzdem große Chancen auf ein Weiterkommen hat.
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Deutschland wird in der Gruppe mit dem Welt- und Europameister Zweiter und spielt im Achtelfinale im Wembley gegen England. Vor dem Turnier hätte das wohl jeder unterschrieben, doch was die Fans am Mittwoch erleben mussten, war schon grenzwertig. Wenn wir erneut in der Vorrunde gescheitert wären, hätte das – völlig zu Recht – für riesige Grundsatzdiskussionen gesorgt, unabhängig von der schon beantworteten Trainerdebatte.

Durch den späten Ausgleich und die leichtere Turnierhälfte ergibt sich jetzt aber eine riesige Chance, dass der Weg weit gehen kann, auch wenn wir noch einige Baustellen haben. England hat mich auch noch nicht überzeugt, liegt uns von der Spielweise eher. Wir tun uns immer schwer, wenn es gegen Nationen geht, die „einfachen“ Fußball leben, über die Mentalität und die Zweikämpfe kommen. Auch wir haben Jungs, die diese Eigenschaften mitbringen, aber zu wenige. Joshua Kimmich ist so einer, allerdings hat auch er noch Luft nach oben.

Leider haben wir eine Vielzahl von Spielern, die das nicht gelernt haben und an ihre Grenzen stoßen, wenn man die Spiele in schwierigen Situationen mit anderen Mitteln gewinnen muss, als eigentlich geplant war – und dann kommt auch der Trainer ins Spiel.

Kritik ist keine Majestätsbeleidigung

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Grundsätzlich finde ich es gut, wenn man sein Ding durchzieht, wenn man von seiner Idee überzeugt ist. Bei Jogi Löw habe ich aber den Eindruck, dass er dies erst recht macht, wenn von außen Veränderungen diskutiert werden. Es muss doch hinterfragt werden dürfen, ob ein System das richtige ist, und er sollte es auch nicht als Majestätsbeleidigung oder Niederlage ansehen, wenn er mal etwas verändern muss – das war schon 2014 bei der Diskussion um die Rolle von Philipp Lahm so.

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„Wundertüte“ Deutschland, Ausblick auf Duell mit England: Das bleibt vom Auftritt gegen Ungarn
7:24 min
Nach dem 2:2 gegen Ungarn ist vor dem Achtelfinale gegen England: Wie gut ist das DFB-Team wirklich? Die Analyse von RND-Sportchef Heiko Ostendorp im Video.  © RND
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Löw ist der erfahrenste Trainer von allen und wird einen Plan haben. Aber es gehört auch dazu, Dinge kurzfristig anzupassen oder zu korrigieren. Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass sich die Mannschaft mit der Dreierkette nicht 100 Prozent wohlfühlt, weil die Automatismen einfach noch nicht stimmen und weil man damit noch nicht so erfolgreich war. Uns merkt man an, dass wir die letzten drei Jahre nicht mit einem einzigen guten Spiel einfach ausblenden können. Dass man nach dem 2:2 gegen Ungarn an die Eckfahne rennt, um den Punkt zu sichern, statt aufs dritte Tor und den Gruppensieg zu gehen, ist so ein kleines Beispiel, das mich stört.

Das Selbstvertrauen ist nicht da, daher die Leistungsschwankungen. Wenn man erst drei Weltmeister aussortiert und dann zwei zurückgeholt, macht das auch etwas mit einer Mannschaft.

Er hat aus meiner Sicht genug Chancen bekommen, die er nicht genutzt hat, was wirklich schade ist.

Michael Ballack über Leroy Sané

Gewundert habe ich mich, dass Leon Goretzka erst so spät kam. Ich hätte ihn schon von Anfang an gebracht, damit er nach seiner Verletzungspause Minuten bekommt und in der K.-o.-Phase auf dem richtigen Fitnesslevel ist. Spätestens in der Halbzeit hatte ich seine Einwechslung erwartet – als er endlich reinkam, hat man sofort seine Präsenz gemerkt. Er tut der Mannschaft gut, weil er etwas mitbringt, was uns fehlt: Dynamik und Körperlichkeit.

Es war auch alles andere als Zufall, dass ausgerechnet Goretzka dann das Tor macht aus dieser Position. Er hat sich eindrucksvoll zurückgemeldet und darf jetzt Ansprüche stellen. Ich sehe ihn für den Rest des Turniers im Team.

Sané: viel Potenzial, wenig Leistung

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Möglicherweise wird er den Platz von Ilkay Gündogan einnehmen, der sich bislang schwertut, obwohl er bei Manchester City eine Riesensaison gespielt hat. Ich frage mich, welchen Stellenwert er in der Mannschaft hat und ob er der Typ ist, der sich neben dem Bayern-Block und einem Platzhirsch wie Toni Kroos behaupten kann. Aber die grundsätzliche Zusammenstellung und Ausrichtung im Mittelfeld ist keine Diskussion, die man während einer EM führen sollte – dem wird sich Hansi Flick annehmen müssen.

Auf verlorenem Posten? Ilkay Gündogan steht im strömenden Regen bei der Partie gegen Ungarn. © Quelle: Getty Images

Löw muss sich in seinen letzten Spielen entscheiden, wie er mit Leroy Sané umgeht. Er ist so ein toller Fußballer, der sein Potenzial leider viel zu selten abruft. Er hat aus meiner Sicht genug Chancen bekommen, die er nicht genutzt hat, was wirklich schade ist. Pluspunkte hat dagegen Jamal Musiala gesammelt, der gleich einige Aktionen hatte und am 2:2 beteiligt war. Bei dem Jungen hat man gemerkt, dass man ihn jederzeit reinwerfen kann.

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