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Der ewige Jogi – Ein erfolgreiches Jahrzehnt

  • Aus dem Nichts zum Weltmeister und wieder zurück: Der Weg des Joachim Löw gleicht einer Achterbahn.
  • Das Jahrzehnt war fußballerisch geprägt vom Aufstieg der deutschen Nationalmannschaft.
  • Und von dem tiefen Fall 2018.
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Der SC Freiburg scheint ein Garant für Langlebiges zu sein. Beim Klub im Breisgau arbeitet mit Christian Streich der Übungsleiter mit der momentan längsten Amtszeit in der Bundesliga. Bei dem Verein zog aber auch einst der Mann im Mittelfeld die Fäden, der heute länger Bundestrainer ist als jeder andere vor ihm: Joachim Löw.

In 181 Spielen hat der ehemalige Sommermärchen-Assistent von Jürgen Klinsmann die Nationalmannschaft inzwischen hauptamtlich betreut. Mehr als der Mann mit der Mütze, Helmut Schön. Mehr als Jupp Derwall, Sepp Herberger oder „Kaiser“ Franz Beckenbauer. Und in diesen 181 Partien holte Löw auch noch sagenhafte 2,14 Punkte im Schnitt, erreichte bei fünf Turnieren in Folge immer mindestens das Halbfinale und wurde 2014 in Brasilien Weltmeister.

Es klingt wie eine einzige Erfolgsgeschichte, ist es aber nicht.

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Und das nicht nur wegen des historischen Ausscheidens nach der Vorrunde bei der WM 2018 in Russland. Vielmehr gleicht das gesamte vergangene Jahrzehnt des Joachim Löw einer wilden Achterbahnfahrt, die noch lange nicht zu Ende ist. Wann und wo sie tatsächlich aufhört? Ungewiss. Der Vertrag des Bundestrainers läuft zwar noch bis 2022, doch nach der Europameisterschaft im nächsten Jahr sollen sowohl der DFB als auch Löw selbst ein Ausstiegsrecht besitzen. Ergebnis offen.

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Griechenland in der Schuldenkrise: Seit das Land 2010 die Zahlen zu seiner Staatsverschuldung nach oben korrigiert hat, folgt eine Hiobsbotschaft auf die andere. Zwei milliardenschwere Rettungspakete der EU sollen helfen, sehr schnell aber gerät die ganze Euro-Zone in den Strudel der Finanzkrise.  @ Quelle: EPA/Oretis Panagiotou/dpa

Der Aufstieg des Thomas Müller

Die kontinentalen und globalen Endrunden, die Löw mit seiner Auswahl in der vergangenen Dekade bestritt, sind stets eng mit einem besonderen Protagonisten verbunden. 2010 ging in Südafrika der Stern eines gewissen Thomas Müller auf. Dieser wurde nicht nur zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt, sondern mit fünf Treffern auch Torschützenkönig.

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Löws Truppe junger Wilder um Bastian Schwein­steiger, Lukas Podolski und Philipp Lahm spielte nicht nur attraktiven Offensivfußball, sondern schaltete in einem legendären Achtelfinale Erzrivale England aus und deklassierte im Viertelfinale Argentinien mit 4:0 – erst im Halbfinale war gegen den späteren Weltmeister Spanien Schluss. Der blaue Glückspulli, den Löw am Kap der Guten Hoffnung trug, wurde zum Verkaufsschlager – und Jogi zum Liebling der Nation.

Im blauen Glückspulli: Der deutsche Co-Trainer Hans-Dieter Flick (links) und Trainer Joachim Löw freuen sich bei der WM 2010 im Viertelfinale im Point-Stadion über ein Tor im Spiel gegen Argentinien. © Quelle: Marcus Brandt/dpa
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Das Bild, das zwei Jahre später auf dem Rasen von Warschau entstand, ist weniger positiv besetzt. Dennoch ist es bis heute eines der markantesten der deutschen Fußballhistorie. Es zeigt den Italiener Mario Balotelli, der nach seinem Doppelpack seinen muskelbepackten Körper präsentierte und unter seinem Irokesenschnitt mächtig böse dreinschaute. Die 1:2-Niederlage wurde vor allem Löw angekreidet. „Das Aus trägt Löws Handschrift“ titelte damals beispielsweise die „Welt“.

Zwei Jahre später ging sein Plan dann komplett auf. Und das, obwohl Löw erneut viel riskierte, erneut unpopuläre Entscheidungen traf. Seine „Ochsenkette“ mit vier Innenverteidigern wurde anfangs belächelt und später gefeiert. Und der Spruch, den er Mario Götze, dem Schützen des goldenen Tores in der Nacht von Rio, bei dessen Einwechslung ins Ohr hauchte, wurde Kult: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi!“ Löw war im Trainerolymp angekommen, er bekam das Bundesverdienstkreuz und wurde zum Welttrainer des Jahres gewählt.

2016 wollte er unbedingt das Kunststück schaffen, welches noch keinem Deutschen vor ihm gelungen war: Auf den WM- sollte der EM-Titel folgen. Ohne ein einziges Gegentor marschierte seine Mannschaft bis ins Viertelfinale. Dort überwand Löw endlich, endlich sein Italien-Trauma. Nach dem Sieg im Elfmeterschießen ging es im Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich. Und ausgerechnet Schweinsteiger wurde in einer Partie, die das DFB-Team bis dahin klar dominierte, zur tragischen Figur. Löws Anführer sprang völlig ohne Not mit ausgestrecktem Arm in eine Flanke und verursachte den Elfmeter, der die Franzosen in Führung und auf die Siegerstraße brachte. Löw warf sich trotzdem vor seinen Leader, der sich nach dem Turnier aus der Nationalelf verabschiedete.

Mesut Özil ist bis heute nicht für Jogi Löw zu sprechen

2018 war es erneut einer der Lieblinge des Bundestrainers, der ihn enttäuschte und mit seinem Verhalten dafür sorgte, dass sich die Wut und der Frust eines ganzen Landes an ihm entluden: Mesut Özil. Gemeinsam mit seinem ebenfalls türkischstämmigen Teamkollegen Ilkay Gündogan ließ er sich zu einem Foto mit dem türkischen autokratischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hinreißen. Mitten in der Vorbereitung auf die WM entstand dadurch eine bundesweite Debatte, die weit über das Sportliche hinausging.

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Selbst der besonnene Löw, der eigentlich immer auf alles eine Antwort hatte und wie kaum ein Zweiter für Inte­gration und offene Kommunikation stand, hatte plötzlich keine Antwort parat. Er moderierte das Thema ebenso schlecht wie der gesamte DFB und sah keinen Grund zur Veranlassung, den (im Gegenteil zu Gündogan) uneinsichtigen Özil aus dem Kader zu streichen. Es war der Anfang vom Ende, der Rest ist bekannt: Deutschland verabschiedete sich in Russland erstmals nach der Vorrunde, scheiterte in der Gruppe an Südkorea. Die Mannschaft wurde verhöhnt und verspottet – und Löw zum Sündenbock gemacht. Sein Kader sei schlecht zusammengestellt gewesen, sein Auftreten arrogant, seine Zeit sei abgelaufen: Jogi muss weg, so der allgemeine Tenor.

Doch Löw wäre nicht Löw, wenn er nicht wieder mal anders gehandelt hätte, als man es von ihm erwartete: Ein Rücktritt kam für ihn nicht infrage, auch einen radikalen Umbruch schloss er zunächst aus. Der DFB hatte seinen Kontrakt gerade verlängert und wollte ihn, den Weltmeistermacher, nicht rauswerfen. Stattdessen gab es eine öffentliche Schlammschlacht mit seinem Ziehsohn Özil, den Löw jahrelang nahezu vergöttert hatte. Der bei ihm immer gesetzt war und der ihm und dem Verband nun sogar indirekt Rassismus vorwarf. Der begnadete Mittelfeldregisseur trat zurück und ist bis zum heutigen Tag für seinen großen Förderer nicht erreichbar, weder telefonisch noch persönlich.

Der Weg soll zurück an die Weltspitze führen

Löw wertet dies als seine schwerste Niederlage und sagte im Interview mit dieser Zeitung: „Grundsätzlich finde ich das Thema einfach bedauerlich für uns alle. Mesut hatte Millionen Fans in Deutschland, wurde mehrmals zum Nationalspieler des Jahres gewählt. Wir hatten fantastische gemeinsame Jahre mit dem WM-Sieg als Höhepunkt. Ich hätte ihm einen anderen Abgang aus der Nationalmannschaft gewünscht.“

Neue Generation im Nationaldress: Leroy Sané (links) und Niklas Süle. © Quelle: Soeren Stache/dpa

Inzwischen ist Özil Geschichte – genau wie Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng. Drei Weltmeister, die Löw „opferte“, bevor er nach dem Abstieg aus der Na­tions League endlich einen Umbruch durchzog. Seine neuen Hoffnungsträger heißen nun Joshua Kimmich, Leroy Sané und Serge Gnabry. Löw hat sich wieder mal ein Stück weit neu erfunden. In einer Art und Weise, die so herrlich unaufgeregt wirkt in einer Branche, die vor Eitelkeit zu zerplatzen droht. Er ist fokussierter denn je, berichten diejenigen, die ihm am nächsten stehen. Er ist wieder mehr Fußballlehrer, leitet die Trainingseinheiten selbst, statt seine Assistenten machen zu lassen. Und er will mit seiner jungen Truppe wieder zurück in die Weltspitze – wieder nach oben in der Achterbahn, in die er vor zehn Jahren eingestiegen war.

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