Pelé: Der Gott des Fußballs

  • Messi? Ronaldo? Klar, die sind Extraklasse.
  • Doch es gibt den einen, der sie alle überragt: Edson Arantes do Nascimento, genannt Pelé.
  • Aber selbst der brasilianische Weltfußballer des 20. Jahrhunderts zeigte schon mal Nerven.
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Wo Legenden sind, sind legendäre Geschichten über sie oft nicht weit. Das ist auch bei Edson Arantes do Nascimento, kurz Pelé, so. Eine davon stammt aus den Neunzigerjahren. Angeblich wurden mehr als 100.000 Brasilianer gefragt, ob sie Pelé kennen. Und angeblich fand sich keiner, der diese Frage damals mit Nein beantwortete.

Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Hingabe, aus Faszination und Liebe, die seine Landsleute für diesen Mann empfinden. Er hat das erreicht, wovon jedes Kind träumt, das in einer der vielen Favelas aufwächst, in ärmlichsten Verhältnissen. Edson Arantes do Nascimento hat es geschafft, mit Fußballspielen aus seinem Elendsviertel in die Glamourwelt des Fußballs aufzusteigen – zu einem der größten Sportler weltweit. Die Verehrung seiner Landsleute ist kaum mit der für einen legendären Sportler anderer Nationen zu vergleichen. Kein Michael Jordan, kein Usain Bolt, kein Michael Schumacher hat jemals so viel Bewunderung und Respekt erlebt, wie Pelé bis heute zuteilwird – vielleicht am ehesten noch Diego Maradona, wären da nicht dessen unzählige Skandale gewesen.

Romario, selbst einer der besten Stürmer seiner Zeit und mit der “Seleção” 1994 Weltmeister, sagte einmal: “Ich hatte noch nie Idole. Aber da ich Brasilianer bin, bin ich wie alle anderen in diesem Land. Da wir gute Brasilianer sind, ist Pelé unser Gott, zumindest ist er meiner. Das Spiel dürfte eigentlich nicht Fußball heißen – es müsste Pelé heißen.”

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Heutzutage lautet die Frage: Team Messi oder Team Ronaldo? Der kleine Dribbelkünstler aus Argentinien oder die portugiesische Maschine? Es gibt ebenso viele Diskussionen wie stichhaltige Argumente für die eine wie für die andere Seite. Doch unterhält man sich mit älteren Fußballern oder Experten, gibt es keine Diskussionen mehr. Dann heißt es auf die Frage nach dem besten Kicker aller Zeiten einfach nur: Pelé.

Das wussten sie in Südamerika, wo sie ihn 1998 zum Fußballer des 20. Jahrhunderts kürten. Ein Jahr später wurde er von der Fifa zum Weltfußballer des 20. Jahrhunderts gewählt und im gleichen Jahr vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) sogar zum Weltsportler des 20. Jahrhunderts – obwohl Pelé niemals an Olympischen Spielen teilgenommen hatte.

Die Geburt eines Fußballgotts

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Auch das ungarische Fußballidol Ferenc Puskás hatte eine Meinung zur Frage nach dem Größten der Großen. “Der beste Spieler der Geschichte war Alfredo Di Stefano”, sagte er und erklärte dann: “Ich weigere mich, Pelé als Spieler zu klassifizieren. Er war darüber.”

Doch was machte Edson Arantes do Nascimento so außergewöhnlich? Schaut man sich Spiele von damals an, wird schnell klar, dass es schlicht das Gesamtpaket war, was Pelés Ausnahmestellung begründete. Ein Spieler ohne Schwächen, komplett komplett. Über seine Technik, seine unfassbaren Tricks, die er sich bereits als Kind beibrachte, könnte man einen eigenen Film drehen oder ein ganzes Buch schreiben. Seine Schnelligkeit und Beweglichkeit waren ebenso einzigartig wie seine Beidfüßigkeit. Trotz seiner lediglich 173 Zentimeter Körpergröße war er außerdem ein hervorragender Kopfballspieler. Hinzu kam eine Qualität, die ihn offensiv wie defensiv auszeichnete: Pelé konnte sofort und intuitiv erkennen, wie und in welche Richtung sich der Gegenspieler bewegen würde.

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Neben seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten war und ist Pelé auch deshalb eine Legende, weil er in seiner gesamten Karriere nur für einen Klub spielte: den FC Santos, mit dem er in 17 Profijahren 26 nationale und internationale Titel gewann. Erst nach seinem eigentlichen Karriereende kam er noch mal zurück und wechselte zu Cosmos New York, wo er gemeinsam mit Franz Beckenbauer spielte und ebenfalls Meister wurde. Bei den WM-Titeln 1958 und 1970 war er die prägende Figur seiner Mannschaften – von Anfang an. Auch 1962 wurde er mit Brasilien Weltmeister. Da hatte er sich jedoch schon im zweiten Spiel des Turniers verletzt; die “Seleção” erreichte den Titel in der Folge auch ohne ihren Superstar.

Präsentiert wie ein Popstar: Pelé stellt sich als Spieler von Cosmos New York dem Blitzlichtgewitter der Fotografen. © Quelle: imago/WEREK

Bei seinem ersten Turnier in Schweden war Pelé gerade mal 17 Jahre alt und der jüngste Spieler der WM. Im Halbfinale gegen Frankreich (5:2) erzielte er binnen 22 Minuten einen Hattrick, und die gesamte Fußballwelt staunte über den leichtfüßigen Jungen aus dem brasilianischen Hinterland, der mit den gestandenen europäischen Stars Katz und Maus spielte. Pelés Ballgefühl war unerreicht, seine spielerische Leichtigkeit und Frechheit waren beinahe dreist. Im Endspiel wurde der Gastgeber ebenfalls mit 5:2 bezwungen. Wiederum war Pelé der alles überragende Spieler. Von niemandem auszuschalten, krönte er seine Leistung mit zwei sehenswerten Treffern. Brasilien war erstmals Weltmeister, ein neuer Fußballgott geboren. Die ergreifenden Bilder des weinenden Pelé, der sich an Gilmars Schulter anlehnte, sind unvergessen. Innerhalb weniger Tage war der 17-Jährige zu einem Weltstar aufgestiegen.

Der Fluch des 1000. Treffers

Elf Jahre später, am 19. November 1969, wollten alle Brasilianer dabei sein, im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro. Dort traten an diesem Abend Vasco da Gama und der FC Santos in einem eigentlich belanglosen Meisterschaftsspiel gegeneinander an. Doch die Menschen waren gekommen, um ein Stück Fußballhistorie mitzuerleben: den 1000. Treffer von Pelé.

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Über 80.000 Zuschauer sind dabei, Reporter aus aller Welt. Hunderte Kameras sind aufgebaut, alle Objektive auf den Nationalhelden ausgerichtet. Pelé selbst ist der Wirbel unangenehm. In seiner 1977 erschienenen Biografie “My Life and the Beautiful Game”, die er während seines letzten Engagements bei Cosmos New York zusammen mit dem Autor Robert L. Fish veröffentlichte, gab er einen Einblick in seine Gefühlswelt in jenem Frühling 1969. “Für die Presse und die Fans auf der ganzen Welt war das in jedem Fall eine gute Geschichte, aber mich machte sie vor allem nervös. Ich hätte für mein Leben gern eines Morgens der Öffentlichkeit berichtet, dass ich gestern das 1000. Tor erzielte – aber es noch vor mir zu haben, und das auch noch tagtäglich von den Zeitungen und im Radio erzählt zu kommen, bedeutete eine große Belastung.”

Zu diesem Zeitpunkt hatte Pelé unzählige Rekorde längst inne. 1959 erzielte er für den FC Santos in einer Saison 127 Tore, sein Karriereschnitt lag bei mehr als 70 Treffern für seinen Verein. Seine Torquote sprengte alle Dimensionen: In weniger als 900 Spielen hatte er es bis Mitte Oktober 1969 auf 989 Treffer gebracht. In den 77 Länderspielen seiner Karriere kam Pelé auf 92 Tore.

Doch auf sein 1000. Tor warteten alle wochenlang. Es schien wie ein Fluch, auch an diesem Abend in Rio. In der 78. Minute wird Pelé im Strafraum zu Fall gebracht, es gibt Elfmeter. Pelé schießt selbst – und zwar mit dem rechten Innenrist in die rechte untere Torecke. Torhüter Andrada taucht dorthin ab, erreicht den Ball aber nicht mehr. Ein wilder Aufschrei entlädt sich im Stadion. Pelé läuft wie von Sinnen auf das leere Tor zu, um den Ball aus dem Netz zu holen. Er greift nach dem Leder, küsst das Spielgerät. Just in jenem Moment, als er sich mit dem Ball in der Hand umdreht und ihn jubelnd wie eine Trophäe gen Himmel reckt, brechen alle Dämme.

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Der erste Dreifachweltmeister: Pelé auf den Schultern der Fans im Aztekenstadion von Mexiko-Stadt nach dem Sieg im Endspiel der WM 1970 gegen Italien. © Quelle: imago images/Sven Simon

Sekunden später ist er umringt von Fotografen und jubelnden Fans. Er wird in die Höhe gehoben, auf Schultern davongetragen. Nur mit Mühe kann er sich aus der Masse befreien, um zu seinen Mitspielern zu laufen, die ihn umarmen. Wenig später entreißen ihm Anhänger von Vasco da Gama das Trikot und stülpen ihm ein Shirt ihres Klubs mit der Rückennummer “1000” über. Das Spiel ist noch immer unterbrochen. “Pelé, Pelé”-Sprechchöre durchfluten das Rund. Von Tränen gerührt, dreht er seine Ehrenrunde und lässt sich feiern.

Erst in der Umkleidekabine findet die lebende Legende, mittlerweile ausgewechselt, wieder zur Ruhe. “Ich fühlte mein Herz schlagen und war froh, dass es nun endlich vorbei war.”

Wer ist für Sie der größte Sportler aller Zeiten? Sagen Sie es uns in unserer Umfrage.

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