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(Nicht) auf dem Fußballplatz: “Die Krise ist existenzbedrohend”

  • Bei Rot-Weiss Essen und dem FC Oberneuland sind die Voraussetzungen unterschiedlich.
  • Doch in der Coronavirus-Pandemie vereint beide Fußballvereine die Ungewissheit.
  • Während der eine Verein die Krise als Chance sieht, hofft der andere auf Veränderungen.
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Es sind eindringliche Worte, die Marcus Uhlig wählt, um die Situation des Fußball-Regionalligisten Rot-Weiss Essen zu verdeutlichen. “Ohne zu wissen, wie und wann es weitergeht, halten auch wir eine Zeit ohne Heimspiele nicht ewig lange durch. Diese Krise ist somit auch für RWE existenzbedrohend”, sagt der Vorstand des Traditionsvereins aus dem Ruhrgebiet.

Spieler, Trainer und Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken. Hier, wo Helmut Rahn, der deutsche WM-Held von 1954, seine Glanzzeiten erlebte, hier, wo Trainerlegende Otto Rehhagel in seiner Jugend gekickt hat, kennen sie sich eigentlich aus mit Krisen. Immer wieder stand “der RWE”, wie der Klub im Pott genannt wird, vor dem finanziellen Ruin – selbst verschuldet. Für die aktuelle Situation können sie an der Essener Hafenstraße aber nichts.

Denn der Gegner ist übermächtig und aktuell noch nicht zu kontrollieren. Die Coronavirus-Pandemie macht alle Pläne des Klubs, der endlich den Sprung zurück in den Profifußball schaffen möchte, zunichte. Wenigstens haben sich die Essener in den vergangenen Jahren “wirtschaftlich etwas stabiler aufgestellt”, sagt Uhlig. Man könne “gegebenenfalls etwas länger durchhalten als manch anderer Verein”.

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Marcus Uhlig, Vorstand von Rot-Weiss Essen.

Das große Geld wird durch den TV-Vertrag sowieso in den beiden oberen Ligen verdient. Deshalb planen die 36 deutschen Profivereine mit einem Re-Start der beiden deutschen Profiligen Anfang Mai. Die Verpflichtungen gegenüber den Rechteinhabern ist groß, sollte nicht gespielt werden können, fließt kein Geld. Und dann drohe einem Drittel aller Profivereine spätestens im Juni die Insolvenz, berichtete der “Kicker” in der Vorwoche. Um zahlungsunfähige Klubs zu vermeiden, sollen sogar Geisterspiele ohne Zuschauer ausgetragen werden. Hauptsache, das Fernsehen hat etwas zum Senden.

Für die Amateurligen ist das aber keine Option, weil Fernseheinnahmen dort nicht relevant sind. “Geisterspiele würden etliche Dritt- und Viertligisten relativ zeitnah in den finanziellen Ruin befördern”, sagt Uhlig. Durch Spiele ohne Zuschauer, erklärt Uhlig, “würden unsere Kosten sofort wieder nach oben schießen, da wir die Kurzarbeit beenden müssten. Auf der anderen Seite hätten wir aber trotzdem keine Zuschauereinnahmen. Und das gesamte Regressrisiko gegenüber Dauerkarteninhabern und Sponsoren bliebe bestehen”, so der Vorstand von Rot-Weiss Essen.

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Die laufende Saison soll nun im Mai fortgesetzt und Ende Juni beendet werden.  © Stefan Döring/Reuters
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Aktuell sind sowohl Fans als auch Sponsoren aber noch mit dem Herzen dabei, erzählt Uhlig. Virtuelle Eintrittskarten, Bratwürste und Biere sorgten zuletzt für wichtige Einnahmen. “Unsere Fans zeigen einmal mehr auf besondere Art, wie viel ihnen der Verein bedeutet und das spornt uns als Verantwortliche natürlich noch mehr an, Rot-Weiss Essen durch diese Krise zu manövrieren”, sagt Uhlig. Leicht ist das nicht, im Fall eines Saisonabbruchs plant er mit Rückzahlungen von 2,5 Millionen Euro an Dauerkarteninhaber und Sponsoren.

Weitaus weniger dramatisch ist die Situation beim Bremen-Ligisten FC Oberneuland. Der Tabellenführer der Oberliga klopfte vor der Ausbreitung des Coronavirus an die Tür zur Regionalliga, ist dennoch ein reiner Amateurverein, hat nicht die ganz hohen Kosten, zahlt seinen Spielern und Trainern nur eine Aufwandsentschädigung, keine festen Gehälter. Mitarbeiter gibt es deutlich weniger als in Essen. “Wir haben klar beschlossen, dass wir die Aufwandsentschädigungen für Spieler und Übungsleiter weiter zahlen wollen”, sagt Oberneulands Vizepräsident Uwe Piehl.

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Bisher ist das auch möglich, die Saison sei komplett finanziert. Schwierig wird es erst mit Blick auf die kommende Spielzeit. “Wir können einen möglichen Aufstieg in die Regionalliga nicht mit dem Etat der Bremen-Liga spielen. Wir brauchen einen Zuwachs der Sponsoren. Wir können aber nicht mit Sponsoren verhandeln, solange wir nicht wissen, in welcher Liga wir spielen. Wir können die Regionalliga wirtschaftlich mit diesen Voraussetzungen gar nicht planen”, sagt Piehl.

Trotz aller Ungewissheit haben sie in Oberneuland organisatorische Aufgaben erledigt. Sie wollen die Situation auch als Chance sehen. “Wir haben unsere Social-Media-Aktivitäten intensiviert, um Mitglieder und Öffentlichkeit bei Laune zu halten. Wir haben interne Quizaktionen gestartet, Spieler aus allen Mannschaften stellen sich in einem Frage-Antwort-Modell vor und es gibt Mitmachaktionen. Wir haben die Möglichkeit genutzt, um uns innerhalb des Vereins besser kennenzulernen, uns zu festigen und das Miteinander zu stärken”, erklärt Piehl. Dazu zählt auch, dass die Vereinsmitglieder des FCO Trainingsvideos von zu Hause einschicken. Daraus sei inzwischen ein richtiger Wettbewerb entstanden, wer die kreativsten Videos dreht, erzählt Piehl.

Weniger um Kreativität als um sportliche Belange geht es aber bei den Übungseinheiten des Oberligateams und der U19-Mannschaft des Vereins. Beide wollen bei einer regulären Weiterführung der Saison den Aufstieg in die Regionalliga schaffen. Drei Videoeinheiten pro Woche gibt es für die Männermannschaft, zu der die Spieler live zugeschaltet werden. “Unser Athletiktrainer macht Übungen vor, die die Spieler dann nachmachen müssen”, erklärt Piehl. Alles fast wie bei den Profis also – der FC Bayern München trainierte in den vergangenen Wochen ähnlich. Zudem werden die Laufeinheiten der Spieler in einer App dokumentiert.

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Fast alles funktioniert derzeit über die Eigenverantwortung der Spieler, man vertraue darauf, dass sie sich so verhalten, dass die sportlichen Ziele erreicht werden können. Das vereint den Amateurklub FC Oberneuland mit dem semiprofessionellen Klub Rot-Weiss Essen. Auch im Ruhrgebiet sind sie davon abhängig, wie die Spieler zu Hause trainieren. Für die individuellen Lauf-, Kraft- und Technikeinheiten der Regionalligamannschaft habe der Verein Bälle und Springseile zur Verfügung gestellt, erklärt Essens Sportlicher Leiter Jörn Nowak. Auch hier arbeite man mit einer Pulsuhr. Nach Ostern soll dann das “fußballspezifische Training auf dem Platz in Kleingruppen” wieder starten – ähnlich wie bei den Profivereinen in dieser Woche.

Wann es im Nachwuchsbereich wieder losgeht, ist hingegen noch offen. Das Nachwuchsleistungszentrum ist geschlossen, den Jugendlichen “wurden Trainingspläne, Fitnessübungen und allgemeine Aufgaben zur Überbrückung der Zeit mitgegeben. Diese Spieler werden in der Zwischenzeit von ihren Trainern und unserem Sportpsychologen beraten und betreut”, sagt Nowak. Wie lange das noch so sein wird, steht in den Sternen. Die Verbände informieren im 14-Tage-Rhythmus, beziehen sich aber immer auf die politischen Entscheidungen.

Sicher scheint nur eines zu sein: “Man muss sich klarmachen, dass Corona den Fußball insgesamt durcheinanderbringen wird”, sagt RWE-Vorstand Uhlig, der in der Krise aber auch die Chance sieht, die Struktur im deutschen Fußball zu überdenken. “Man sollte aus meiner Sicht über ein Szenario nachdenken, dass die 3. Liga mit Vereinen aufstockt, die die finanziellen und infrastrukturellen Voraussetzungen erfüllen und die wirklich aufsteigen wollen”, sagt er. “Denkbar wären eine 3. Liga mit 24 Mannschaften oder aber eine zweigleisige 3. Liga. Der Übergang von Liga vier in Liga drei ist längst als Systemfehler im deutschen Fußball erkannt. In der aktuellen Spielpause haben wir die Zeit, uns Gedanken darüber zu machen, diesen Fehler zu beheben.”


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