Muhammad Ali: Der Freiheitskämpfer

  • Mehr als 20 Jahre prägte Muhammad Ali das Boxen, gewann legendäre Kämpfe wie den “Thrilla in Manila”.
  • Doch zur Legende wurde der ­US-Amerikaner nicht nur durch seine Schlagkraft, sondern auch durch sein politisches Engagement.
  • Ist er der größte Sportler aller Zeiten? Teil 9 unserer Serie.
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Im Moment seines letzten ganz großen Sieges ist der Champion nur noch ein Häufchen Elend. Es ist der 1. Oktober 1975, Quezon City, heute Teil der Metropolregion Manila auf den Philippinen. Der Frankfurter Journalist Hartmut Scherzer hat irgendwie den Weg in dessen Umkleidekabine gefunden. Es ist später Vormittag im fernen Osten, das Publikum in den USA sollte das Spektakel zur besten eigenen Sendezeit präsentiert bekommen.

Gerade verlassen 25. 000 Zuschauer das Araneta Coliseum. Und in den Katakomben sitzt er – der Freiheitskämpfer, die Legende des Boxens, die globale Ikone – in sich zusammengesunken, kaum erholt von der Ohnmacht, die ihn kurz zuvor im Ring überfallen hatte, und flüstert den anwesenden Journalisten zu: “Heute habe ich den Tod gespürt.”

Muhammad Ali ist fix und fertig nach seinem Kampf gegen Joe Frazier, der als “Thrilla in Manila” in die Sportgeschichte eingehen wird. Scherzer spricht von einer “epischen Schlacht”. Frazier hätte sich nur noch eine Runde auf den Beinen halten müssen. Doch in den Minuten zuvor hat er seine Widerstandskraft nach und nach verloren, kann kaum noch etwas sehen – und sich entsprechend nicht mehr gegen Alis Aktionen wehren. Der will seinerseits aufgeben, fleht seinen Trainer Angelo Dundee an, ihm die Handschuhe aufzuschneiden, um der Keilerei entfliehen zu können.

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Reporter Hartmut Scherzer (links) auf dem Sofa mit Muhammad Ali. © Quelle: privat

Da kommt Eddie Futch ihm zuvor. Nach der 14. Runde nimmt Fraziers Trainer seinen Boxer aus dem Kampf. Zu groß ist die Angst um dessen Gesundheit. Ali, der damit seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht verteidigt, sagt später: “Wir kamen als junge Champions nach Manila und gingen als alte Männer.”

Der heute 82-jährige Scherzer ist sich sicher: Dies war der letzte Höhepunkt in Alis Karriere, “danach hätte er aufhören sollen.” Was danach kam, hatte mit dem Helden der Vorjahre immer weniger zu tun. 1980 gegen Larry Holmes muss Trainer Dundee den alternden Champion unter Tränen zum ersten Mal aus dem Kampf nehmen, so unterlegen ist er. Ein Jahr später lässt man Ali nicht einmal mehr in den USA boxen. Seinen letzten Fight verliert er auf den Bahamas. Nach 61 Kämpfen, 56 Siegen und fünf Niederlagen, ist die Profikarriere Muhammad Alis, die er unter seinem Geburtsnamen Cassius Clay 21 Jahre zuvor begonnen hatte, beendet.

Dass mit diesem auch rhetorisch so schlagfertigen Boxer irgendwas nicht stimmt, ahnen da schon viele. Seine Aussprache ist undeutlich geworden, seine einstige Beweglichkeit Geschichte. Scherzer erfährt 1984 in Los Angeles, was mit dem “Champ” los ist. Bei einem Besuch trifft er auf einen bereits schwer kranken früheren Champion. Mitten in der Unterhaltung schläft Ali ein, kritzelt ansonsten kryptische Zeichnungen auf ein Stück Papier. “Es war erschütternd, ihn so zu sehen”, sagt der Reporter.

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Wenige Monate später macht Ali öffentlich, dass er das Parkinsonsyndrom hat.

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Scherzer und Ali lernen einander am 18. Juni 1963 in London kennen. Im Wembley-Stadion erkämpft sich das aufstrebende Talent gegen den Briten Henry Cooper seinen 19. Sieg im 19. Profikampf. Scherzer darf dem Olympiasieger von 1960 einen Brief des gemeinsamen Bekannten Wilbert “Skeeter” McClure in die Kabine bringen. Er nutzt die Gelegenheit, sich das Programmheft des Abends signieren zu lassen. Der Boxer unterschreibt noch mit dem Namen Cassius Clay, den er im Folgejahr als Sklavennamen bezeichnen und zugunsten seines muslimischen Namens Muhammad Ali ablegen wird. Am 25. Februar 1964 wird er, gegen Sonny Liston, erstmals Weltmeister. Ali, 1942 als Sohn eines armen Schildermalers in Kentucky geboren, ist an der Spitze des Millionengeschäfts angekommen.

Den WM-Titel trägt er in den folgenden mehr als 15 Jahren insgesamt dreimal – einmalig in der Zeit vor der Aufteilung der verschiedenen Boxverbände und konkurrierenden Weltmeister. Zunächst begeistert Ali das Publikum mit einem im Schwergewicht bis dahin nicht gekannten Kampfstil. Er ist beweglicher als seine Rivalen, tänzelt lässig und aufreizend selbstbewusst durch den Ring. Scherzer vergleicht ihn mit einem Balletttänzer in Boxerhosen. “Er hat nicht nur mit den Fäusten gekämpft, sondern auch mit den Füßen”, erklärt er. “Niemand hatte diese Beweglichkeit, diese Koordination. Das war Ästhetik pur.” Alis Motto lautet: “Flieg wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.”

Vor jedem Kampf und währenddessen verhöhnt er seine Gegner, dichtet Spottreime über sie und erntet die Aufmerksamkeit, die er sich erhofft hat. Ernie Terrell, der ihn zuvor Cassius Clay genannt hatte, bekommt dies 1967 am heftigsten zu spüren. Ali gewinnt nicht nur den Kampf. In der achten Runde ruft er Terrell zu: “What’s my name?” (“Wie heiße ich?”). Nach dem Fight, normalerweise die Zeit zum Schulterschluss nach der Marktschreierei im Vorfeld, spricht Ali dem Gegner sämtliche Klasse ab.

Scherzer hat Ali auch abseits der Scheinwerfer erlebt. “Wenn man sich privat mit ihm unterhalten hat, war er ein ganz anderer Mensch. Da war er lieb und nett”, sagt der Reporter.

Zur Zeit des Terrell-Kampfs kämpft Ali bereits mit einem Gegner, der viel stärker ist als all die, denen er im Ring gegenübersteht. Er hatte mit seiner Weigerung, den Wehrdienst anzutreten, der ihn wahrscheinlich in den Krieg nach Vietnam geführt hätte, den amerikanischen Staat verärgert. Inmitten der Bürgerrechtsbewegung wird der Boxer zwar zu einem ihrer prominentesten Sprachrohre, doch gleichzeitig wird ihm verweigert, in den USA Kämpfe auszutragen. Es ist die Rache für seine vermeintliche Aufmüpfigkeit. Ali muss in andere Länder ausweichen, was seiner globalen Popularität nicht schadet.

Schließlich muss er sogar seinen Weltmeistertitel abgeben, ohne zuvor als Profi im Ring verloren zu haben. Wegen der Wehrdienstverweigerung wird er zudem zu fünf Jahren Haft und einer Geldstrafe verurteilt, bleibt nur wegen der Zahlung einer Kaution auf freiem Fuß. Scherzer vergleicht ihn mit dem südafrikanischen Freiheitskämpfer Nelson Mandela: “Der eine hat sein Leben und seine Freiheit hingegeben, der andere seine Titel und seine Karriere.”

Dreieinhalb Jahre später darf Ali, ohne sich der Obrigkeit gebeugt zu haben, wieder in den Ring steigen – und lernt zunächst einmal, wie sich das Verlieren anfühlt. 1971 unterliegt er Frazier. 1973 kassiert er eine Punktniederlage gegen Ken Norton.

Auf den Thron klettert er trotzdem wieder. Beim als “Rumble in the Jungle” bekannt gewordenen WM-Fight 1974 in Kinshasa gegen George Foreman verblüfft Ali mit einer neuen Taktik. Runde um Runde arbeitet sich Foreman an Ali ab. Der lässt sich weit in die Seile zurückfallen, steckt die Erschütterungen durch Foremans Fäuste äußerlich unbeeindruckt ein und provoziert seinen Gegner. “Ist das alles, George?”, fragt er den wütend vor sich hin prügelnden Muskelprotz. Ende der achten Runde explodiert Ali schließlich und schlägt Foreman mit einer gelungenen Kombination zu Boden. Sieben Jahre nach dem Raub seines Titels ist er wieder Weltmeister. Die weiße US-Oberschicht bleibt ihm gegenüber dennoch skeptisch. Er ist zu unangepasst, zu laut, zu selbstbewusst für einen Schwarzen in dieser Zeit.

Dass sich die Zeiten trotz aktuell vehement geführter Debatten über den Rassismus in den USA geändert haben, erlebt Ali 1996. Der einst so stolze Boxer entzündet zitternd und gezeichnet von seiner Krankheit mühevoll das olympische Feuer der Sommerspiele von Atlanta. Es ist die öffentliche Versöhnung zwischen dem einstigen Champion und seinem Heimatland.

Am 3. Juni 2016 stirbt Ali im Alter von 74 Jahren, fast 41 Jahre, nachdem er beim “Thrilla von Manila” den Tod bereits einmal gespürt hatte.

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