Michael Phelps: Der schwimmende Goldsammler

  • Lange Zeit fiel Michael Phelps das Leben im Wasser leichter als an Land.
  • Trotz Selbstzweifeln und ohne Auftrieb gebende Schwimmanzüge sind seine Leistungen im Schwimmbecken heute noch bahnbrechend.
  • Machen ihn seine Erfolge zum größten Sportler aller Zeiten? Teil 5 unserer Serie.
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Auf den ersten Blick überrascht diese Einschätzung von Michael Phelps. “2007 bei der WM in Melbourne war ich in der Form meines Lebens”, sagte der US-Schwimmer einmal. Klar, er gewann Gold bei all seinen sieben Starts, stellte dazu fünf Weltrekorde auf.

Doch das soll der beste Wettkampf seiner Karriere gewesen sein? Schließlich schrieb er nur ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Peking Geschichte: Phelps holte achtmal Olympiagold, stellte sieben Weltrekorde auf, dominierte die gesamte Schwimmszene. Noch nie und seitdem nie wieder war jemand bei einer Olympiateilnahme so erfolgreich.

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Später gab er bekannt, in seiner Karriere nicht mehr bei allen acht möglichen Starts über Lagen, Schmetterling, Freistil und in den Staffeln ins Becken springen zu wollen. Peking 2008 war also einmalig.

Seine Technik verschaffte ihm Auftrieb: Michael Phelps, genannt “Baltimore Bullet”, pflügt durchs Wasser. © Quelle: imago/ZUMA Press

Warum bezeichnet Phelps die Schwimm-WM 2007 dann als besten Wettkampf seiner Karriere? Weil es damals nur um den Schwimmer ging. In Peking schwammen die meisten Athleten in den inzwischen wieder verbotenen Hightechanzügen, die im Wasser massiven Auftrieb gaben und die Zeiten deshalb so unglaublich schnell machten. Für Phelps ein Grund, seine Zeiten und Leistungen in Melbourne besonders hervorzuheben. Es war eine andere Ära.

Phelps war es gewohnt, das Maximum aus sich herauszuholen, sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben. “Ich habe nicht viele Wettkämpfe verloren, aber deswegen war ich zu mir umso härter, wenn es doch einmal passiert ist”, sagte er dem Magazin “Socrates”.

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Unglücklich im Trockenen

Der US-Amerikaner arbeitete hart daran, immer wieder der Beste sein zu können. Jeden Morgen quälte er sich früh aus dem Bett, machte in seinem Leben bisher vermutlich mehr Schwimmzüge im Becken als Schritte auf der Erde. Phelps ordnete sein Leben dem Erfolg unter – zu sehr. “Lange hatte ich es mit einer Angststörung und Depressionen zu tun”, gab er zu.

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Nach den Erfolgen fiel er in ein Loch, machte depressive Phasen durch. Er selbst sah sich nur als Schwimmer, nicht als Mensch. Er griff zu Alkohol und Drogen. Sogar Selbstmordgedanken hegte er. Paradoxerweise rettete ihn das Schwimmen. “Das Becken war schon immer der Ort, wo es mir am besten ging. Aber wenn ich aus dem Wasser kam, funktionierten die Sachen nicht mehr so, wie ich geplant hatte”, sagte er.

Inzwischen ist das vergessen. Phelps erlöste sich selbst, indem er seine Geschichte, seine Zweifel, öffentlich machte. Dies habe ihn befreit, noch während der aktiven Karriere. Der US-Amerikaner, der als Kind unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom litt, ist bis heute der mit großem Abstand erfolgreichste Olympionike der Geschichte.

Er liebe gute Ergebnisse, sei jedoch nie besonders ergebnisorientiert gewesen, sagte er. Unglaubliche 23 Goldmedaillen sammelte Phelps mit dieser Herangehensweise bei Olympischen Spielen, dazu gewann er dreimal Silber und zweimal Bronze.

Noch beeindruckender ist nur seine Ausbeute bei Weltmeisterschaften: 26-mal Gold, sechsmal Silber, einmal Bronze: “Michael Phelps ist der beste Schwimmer der Geschichte. Seine Erfolge werden sehr, sehr lange Zeit nicht einzuholen sein. Das macht ihn so besonders. Er war für mich das absolute Jahrhunderttalent. Er hat das Schwimmen in den Fokus gerückt wie kein anderer”, sagte der ehemalige deutsche Weltklasseschwimmer Paul Biedermann über seinen langjährigen Konkurrenten im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). “Er hatte eine besondere Aura.”

Biedermann, der eine der erfolgreichsten Zeiten des deutschen Schwimmens prägte, war einer der wenigen, die diese Aura durchbrechen konnte. Denn er war es, der dem Überathleten Phelps eine seiner seltenen Niederlagen zufügen konnte. 2009 bei der WM in Rom, es war das besagte Zeitalter der Wunderanzüge, holte der gebürtige Hallenser Gold über 200 und 400 Meter Freistil und stellte dabei zwei Weltrekorde auf.

Doch was für Biedermann wirklich bleibt, ist der Sieg über Phelps, den Wunderschwimmer aus Baltimore, über 200 Meter. “Ich hatte es nie für möglich gehalten, Michael Phelps schlagen zu können. Ich war sehr gut drauf in Rom, war auf meinem Trainingstopstand und habe auch von den Anzügen profitiert. Dass es so gekommen ist, habe ich nie erwartet”, sagt er.

Einziger kleiner Makel: Biedermann trug einen dieser Anzüge, die im Wasser Auftrieb gaben, Phelps nicht. Dennoch respektierte der US-Amerikaner seine Niederlage ohne großes Murren. “Für mich war sehr, sehr wichtig, dass Ian Thorpe – dessen Weltrekord ich gebrochen habe – und Michael Phelps gesagt haben, dass es meine Leistung war und nicht die des Anzugs”, so Biedermann heute.

Auch das ist Phelps: stets freundlich, stets den Gegner respektierend. Wenn jemand besser war, dann hatte das seine Gründe. Manchmal lag es am Material, manchmal eben auch an ihm selbst. Nie aber suchte er nach Ausreden. “Er verkörpert ganz stark das sportliche Understatement. Er hat absolut außergewöhnliche Dinge erreicht, stellt es aber nicht zur Schau”, sagt Biedermann.

Zug um Zug zur Perfektion

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Dabei hätte er allen Grund dazu gehabt, denn kaum ein Schwimmer lag so gut im Wasser wie die “Baltimore Bullet” – die Kanonenkugel aus Baltimore. Ganz ohne Anzug verschaffte ihm allein seine herausragende Technik Auftrieb, was ihn immer etwas schneller machte als die Konkurrenz. “Wenn man ihn beim Einschwimmen gesehen hat, konnte man sehen, dass er einen besonderen Bezug zum Wasser hat. Ich habe da auch schon mal neidisch herüber geguckt. Von der Bewegung und vom Wassergefühl ist das was ganz anderes gewesen als bei den meisten Schwimmern. Es war besonders, wenn er geschwommen ist”, sagt Biedermann.

Wenn Phelps schwamm, sah es geschmeidig aus, wie ein heißes Messer, das durch Butter geht. Der natürliche Widerstand, den das Wasser bietet? Er war kaum vorhanden – so schien es jedenfalls. “Er hatte ein besonderes Gefühl für das Wasser und die Bewegung”, so Biedermann. Vor allem die Unterwasserphase unterschied Phelps von vielen seiner Konkurrenten. Wende, Delphinkick – und weg war er.

“Als ich mit dem Schwimmen anfing, hat mir mein Trainer beigebracht, wie ich im Becken die höchste Leistung erzielen kann”, sagte Phelps selbst. Ging er als Junge nicht zum Training, war er unausgeglichen, rastete regelmäßig aus, sei seinen Mitmenschen auf die Nerven gegangen. Das Schwimmen war sein Ventil. “Jeden Zug, jeden Schwimmstil musste ich wiederholen, neu lernen, immer wieder probieren, bis ich darin perfekt und auch maximal effizient geworden war.”

Die Schufterei hat sich gelohnt. Trotz einer Wettkampfpause von 2012 bis 2014 ist Phelps der erfolgreichste Schwimmer der Geschichte. Nach den Olympischen Spielen in London beendete er erstmals seine Karriere, kam dann aber im April 2014 wieder zurück. Er sei noch nicht fertig gewesen, begründete er diesen Schritt. “Ich wollte noch einmal, diesmal unter meinen eigenen Bedingungen, erfolgreich werden”, so Phelps.

Die Müdigkeit von 2012 war plötzlich wie weggeblasen – und der heute dreifache Familienvater knüpfte an alte Erfolge an – trotz einer sechsmonatigen Wettkampfsperre wegen Trunkenheit am Steuer. Dieser Ausschluss kostete ihn übrigens auch die Teilnahme an der WM 2015 in Kasan. Phelps holte sich Hilfe, seine Freunde und Familie gaben ihm Kraft, er begab sich in stationäre Therapie. Ein Jahr später bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro holte er noch mal fünf olympische Goldmedaillen.

Spätestens mit den Goldmedaillen 19 bis 23 stellte er alle anderen großen Schwimmer in den Schatten. Der US-Amerikaner Mark Spitz, der lange Zeit als der beste seiner Sportart galt? Er ging im Vergleich zu Phelps unter. “Der Grund, warum Michael Phelps mehr Medaillen geholt hat, heißt Mark Spitz. Er hatte sein Leben lang mich als Ziel”, erklärt die Legende der Siebzigerjahre selbst. “Meine Rekorde haben ihn gepusht, sie haben ihn zu dem gemacht, der er heute ist. Wenn ich der erste Mensch auf dem Mond war, ist Michael der erste Mensch auf dem Mars.”

Angetrieben von seinem Ehrgeiz hat Phelps sich immer alles abverlangt und seine Konkurrenz so über gut eineinhalb Jahrzehnte dominiert. Das hat natürlich auch immer die Frage nach Doping aufgeworfen – wie bei vielen Athleten, die außergewöhnliche Dinge geleistet haben. “Michael Phelps wurde damit konfrontiert, aber es gab zu seiner aktiven Zeit wohl keinen Sportler, der häufiger kontrolliert wurde. Die Proben nach Olympischen Spielen werden bis zu acht Jahre aufgehoben und noch einmal kontrolliert”, erklärt Biedermann.

Auch er selbst musste mit solchen Vorwürfen klarkommen. Eine der ersten Fragen, die er nach seinem Weltrekordrennen in Rom 2009 beantworten musste, war die nach dem Thema Doping. Phelps hat sich davon nie verrückt machen lassen, engagierte sich stets mit deutlichen Worten gegen Betrüger. “Ich glaube nicht, dass ich bei einem internationalen Wettbewerb gestartet bin – und der Rest des Feldes war sauber”, sagte er einmal.

Aus dem Becken aufs Grün: Michael Phelps spielt heute am liebsten Golf. © Quelle: imago/PanoramiC

Phelps spielt inzwischen Golf, hat eine eigene Schwimmkollektion. Seine Bekanntheit und seine Meinungsstärke nutzt er aber noch heute. Er engagiert sich gegen die Stigmatisierung von Menschen mit Depressionen und will ihnen die Angst davor nehmen, über ihre Probleme zu sprechen. Seine eigene Erfahrung macht ihn dabei glaubwürdig und verleiht dem heute 35-jährigen Familienvater Gehör. Mit seiner Stiftung will er zudem Kindern helfen und ein gesundes Leben ermöglichen.

Und das Schwimmen? Das nutzt er, um fit zu bleiben – und als Therapie: “Das Schwimmbecken ist für mich der Ort, wo ich Ruhe finde. Im Wasser finde ich die Möglichkeit, über manche Sachen nachzudenken und meine Gedanken zu ordnen.”

Wer ist für Sie der größte Sportler aller Zeiten? Sagen Sie es uns in unserer Umfrage.

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