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Michael Jordan: Der Mann, für den die Schwerkraft nicht existierte

  • Er wird “Air” genannt, da er die Erdanziehungskraft zu überwinden schien.
  • Michael Jordan ist mehr als nur ein Superstar im Basketball, er ist eine Ikone über seinen Sport hinaus.
  • Ist er der größte Sportler aller Zeiten? Teil 1 unserer Serie.
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Es waren gerade mal zwei Punkte, nicht viel für einen Basketballer, ein erfolgreicher Korbwurf nur. Doch Henrik Rödl wird auf diese zwei Punkte bis heute angesprochen, trotz weiterer 1747 Zähler, die er in 178 Länderspielen für die deutsche Nationalmannschaft in anderthalb Dekaden sonst noch erzielte.

Denn Rödl schaffte diese zwei Punkte nicht gegen irgendeinen Gegenspieler, diese zwei Punkte erzielte der heutige Basketball-Bundestrainer gegen den wohl besten Basketballer aller Zeiten, gegen einen der wohl größten Sportler überhaupt, gegen Michael Jordan. “Das vergisst man nicht, ein besonderer Moment”, sagt der 51 Jahre alte Rödl 28 Jahre später im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

Aufeinandertreffen bei Olympia

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Es ist der 29. Juli 1992. Im Pavelló Olímpic de Badalona, einer eigens für die Olympischen Spiele errichteten Halle unweit von Barcelona, trifft die deutsche Basketball-Nationalmannschaft auf die Auswahl der USA. Es sind die zweiten Sommerspiele, bei denen Profis zugelassen sind, erstmals hat die nordamerikanische Basketball-Liga NBA ein Team entsandt. Vorher traten unbekannte College-Spieler für das Land an, in dem Basketball erfunden worden war.

Dieses Mal dabei, um das Produkt NBA vom US-Markt hinaus in die Welt zu tragen: die größten Stars ihres Sports, nicht nur körperliche Übergrößen wie Earvin “Magic” Johnson, Larry Bird, “Sir” Charles Barkley und eben jener Michael Jordan, der gefühlt so viele Spitznamen wie Rekorde hat.

Michael Jordan: Star des Dream Teams

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Er wird “Air” genannt oder auch “His Airness”, weil er mit dem Ball in der Hand und lässig heraushängender Zunge durch die Luft segelt, als wäre er Teil von ihr und die Schwerkraft für ihn nicht existent. Er trägt das Synonym “G.O.A.T.” (Greatest of all time) für den Größten aller Zeiten. Manchmal wird er auch nur mit seinen Initialen M. J. gerufen – und jeder weiß sofort, wer gemeint ist.

Jordan ist der Star der Stars in diesem als Dream Team in die Geschichte eingegangenen Ensemble. Sein Kollege “Magic” Johnson sagt: “Es gibt Michael Jordan und dann gibt es noch den Rest von uns.” Wohl auch, um M. J. einmal zu sehen, sitzt ein staunender Boris Becker, der wenige Tage später mit Michael Stich Olympiagold im Tennisdoppel gewinnen wird, auf der Tribüne. Und gegen diesen lebenden Basketballmythos muss Henrik Rödl aus Offenbach angreifen und verteidigen. Beide sind an diesem Tag auf der Position des Point Guards, des Spielmachers, eingesetzt, treffen entsprechend ständig aufeinander. “Wir waren damals überwältigt vom Dream Team. Es war einfach eine ganz besondere Sache, mit diesen Leuten auf demselben Platz zu sein”, sagt der Bundestrainer heute.

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„Es war einfach eine ganz besondere Sache, mit diesen Leuten auf demselben Platz zu sein“: Deutschlands Spielmacher Henrik Rödl bei den Olympischen Spielen 1992 im Spiel gegen das Dream Team, sein Gegner Michael Jordan lauert. © Quelle: WEREK/imago images

Sein persönlicher besonderer Moment kommt kurz vor Ende der ersten Halbzeit. Das Spiel, das die späteren Olympiasieger aus den USA am Ende locker mit 111:68 gewinnen werden, ist da längst entschieden, die US-Führung trotz der verletzungsbedingten Ausfälle der etatmäßigen Point Guards “Magic” Johnson und John Stockton nicht mehr aufzuholen für die deutschen Spieler, unter denen zumindest der dreimal für das NBA-All-Star-Game nominierte Detlef Schrempf größere Fußspuren in der besten Liga der Welt hinterlassen hat. Doch plötzlich täuscht Rödl rechts an – und zieht dann energisch links an Jordan vorbei, ein kurzes Dribbling noch, dann legt der damals 23 Jahre alte Deutsche, der zu diesem Zeitpunkt ausgerechnet für das Team der University of North Carolina aktiv ist, für das ein Jahrzehnt zuvor auch Jordan spielte, den Ball elegant im Korb ab. “Er hat’s wahrscheinlich nicht erwartet”, sagt Rödl bescheiden über seinen kleinen Erfolg.

Wie Jordan tickt, wie er wahrscheinlich auch zu dieser übermenschlichen Qualität als Basketballer kam, zeigt er Rödl nach dem Spiel. Da sieht man den Amerikaner auf den 2,01 Meter großen – und damit drei Zentimeter größeren – Deutschen einreden. Beide lachen, Rödl wirkt wie jemand, der es kaum glauben kann, von dieser Ikone des eigenen Berufs angesprochen worden zu sein. In diesem Augenblick erfährt der deutsche Basketballer des Jahres 1996, dass Jordan weiß, dass auch er für North Carolina aktiv ist, dass sie beide Tar Heels sind, wie die Mannschaft dieser Uni genannt wird. “Wir waren auf der gleichen Universität, hatten den gleichen Trainer, mit dem er auch immer noch Kontakt hatte. Da war der Witz, dass er mich absichtlich hat punkten lassen”, erinnert sich Rödl an das kurze Gespräch.

Absichtlich? Für Jordan sind wahrscheinlich selbst diese beiden abgegebenen Punkte schwer zu ertragen, sodass er nach einer Ausrede sucht und diese scherzhaft verpackt. Denn sein Ehrgeiz ist so gigantisch wie sein Talent im Umgang mit dem Spielgerät. Ein Dreivierteljahr nach dem Spiel des Dream Teams gegen die Auswahl des Deutschen Basketball Bunds gewinnt er mit seinem Team, den Chicago Bulls, in der NBA zwar gegen die Washington Bullets, muss dabei aber erleben, wie sein Gegenspieler LaBradford Smith 37 Punkte und damit seine Karrierebestleistung erzielt, während der Superstar selbst Fehlschuss auf Fehlschuss anhäuft. Anschließend soll Smith Jordan ein knappes “good game, Mike” (“gutes Spiel, Mike”) zugeworfen haben, etwas, was Jordan aufgrund seiner schlechten Leistung als Neckerei hätte auffassen können. Später gibt der Mann mit der Rückennummer 23 zu, das alles nur erfunden zu haben, um sich selbst für das nächste Duell mit den Bullets – und mit Smith – einen Tag später zu motivieren. Was auch gelingt: Jordan erzielt allein in der ersten Hälfte 36 Punkte, kommt am Ende auf 47 Zähler. Smith schafft dieses Mal nur 15 Punkte, ein Jahr später ist seine NBA-Karriere nach nur drei Saisons schon wieder vorbei.

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Als wäre die Schwerkraft für ihn nicht existent: Michael Jordan während der NBA-Finals 1993 gegen die Phoenix Suns. © Quelle: PCN Photography/imago images

Von der Geschichte bleibt hängen, dass Jordan alles tut, um zu gewinnen, selbst wenn das bedeutet, eine Lüge zur Eigenmotivation zu gebrauchen. Seinem Teamkollegen Steve Kerr verpasst er im Training vor der Saison 1995/1996 sogar ein blaues Auge. Vorher war es zwischen beiden hoch hergegangen auf dem Platz, mit gegenseitigen Fouls und Beleidigungen. Kerr, ein für Basketballverhältnisse kleiner Spieler ohne die physische Präsenz seines Gegenübers, knickt im Gegensatz zu seinen Teamkameraden nicht vor dem übermächtigen Jordan ein. Heute bedankt sich Kerr, mittlerweile einer der erfolgreichsten Trainer der NBA, regelrecht für den Schlag, den Jordan ihm verpasste. “Michael hat mich getestet, ich habe geantwortet und den Test bestanden”, sagte er dem US-Sender TNT über die Auseinandersetzung. Am Ende der folgenden Saison werden Jordan und Kerr gemeinsam NBA-Champions.

Bis 1998 führt Jordan seine Bulls mit derart harter Hand und dem von ihm verehrten Trainer Phil Jackson zu sechs NBA-Meisterschaften. Dafür muss er eine persönliche Metamorphose durchmachen. In seinen ersten Jahren in Chicago spielt er selbst zwar wie von einem anderen Stern, doch dem Rest seines Teams fehlt das Raumschiff, um es auch zu diesem Stern zu schaffen. So erzielt Jordan 1986 zwar 63 Punkte in einem Play-off-Spiel gegen Larry Birds Boston Celtics, was bis heute Rekord ist. Kurioserweise verlieren die Bulls trotzdem und scheiden nach drei Niederlagen sang- und klanglos aus. Jordan fehlt die Unterstützung der Kollegen. “In den Teams, die er anfangs in der NBA hatte, konnte ihm keiner helfen, die waren zu schlecht”, analysiert Bundestrainer Rödl.

Gleich kracht‘s: Michael Jordan 1996 beim Dunking. © Quelle: UPI Photo/imago images

Die ersten drei Titel gewinnt Jordan 1991 bis 1993 – weil er zum Teamplayer geworden war, auch auf Kosten geringfügig schwächerer persönlicher Statistiken. Rödl sagt: “Für jemanden, der so talentiert ist, ist es immer schwierig einzuschätzen, ob er alleine übernehmen oder die Mitspieler einbeziehen soll. Das war ein Prozess für ihn, in dem er gemerkt hat, dass er die anderen auch braucht. Die anderen waren zu dem Zeitpunkt aber auch gut genug.”

Auszeit im Baseball – dem verstorbenen Vater zuliebe

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Es folgt eine Auszeit, in der Jordan versucht, eine ähnliche Karriere wie im Basketball auch im Baseball hinzulegen. Sein Vater James R. hatte davon, wie Jordan in der Netflix-Dokumentation “The Last Dance” erzählt, immer geträumt. Und dieser geliebte Vater war kurz nach dem dritten NBA-Titel seines Sohnes bei einem Raubüberfall erschossen worden. Jordan trauert, sieht sich zudem einer quälenden öffentlichen Debatte über seinen Hang zum Glücksspiel ausgesetzt und wagt den Cut. Baseball, das Spiel, das sein Vater ihn zuerst gelehrt hatte, sollte es sein.

Es bleibt ein Intermezzo ohne den erhofften Durchbruch bis in die Profiliga MLB. Die Unterschiede zwischen beiden Sportarten sind zu groß: Baseball ist vor allem mit Geduld assoziiert, mit der Fähigkeit, trotz quälend langer Warterei genau dann für wenige Augenblicke voll da zu sein, wenn doch mal etwas passiert. Basketball dagegen ist ständige Bewegung, der Kampf um die beste Position in Angriff und Abwehr, ein sportlicher Actionfilm. “His Airness” kommt mit Action bedeutend besser klar und kehrt nach anderthalb Jahren zurück zu seinen Bulls, die ohne ihn nicht mehr in die Entscheidung um die Meisterschaft hatten eingreifen können. Jordan selbst sagt einmal: “Ich kann es akzeptieren zu scheitern, jeder scheitert mal. Was ich nicht ertragen kann, ist, es nicht versucht zu haben.”

Es folgen drei weitere Titel mit den Bulls von 1996 bis 1998. Und bis heute wurmt den mittlerweile 57-Jährigen, dass er das Unterfangen, noch einen siebten Meisterschaftsring zu gewinnen, nicht einmal angehen konnte. Denn die Besitzer gestalten das Team um, auch Jordans langjähriger Weggefährte und Trainer Jackson muss gehen. Jordan beendet im Alter von 35 Jahren zum zweiten Mal seine Karriere.

Erfolgreiches Duo: Jordan und Chicago-Bulls-Coach Phil Jackson herzen sich nach ihrer sechsten und letzten gemeinsam errungenen NBA-Meisterschaft 1998. © Quelle: ZUMA Press/imago images

Einmal noch kehrt er zurück. 2001 zieht er sich für zwei Jahre das Trikot der Washington Wizards über, deren Teammanager er zuvor bereits gewesen war. Erfolge fährt er dort nicht mehr ein, addiert zu seinen unzähligen Bestmarken wie dem mit 30,1 Zählern pro Spiel höchsten Karrierepunkteschnitt aber noch die Auszeichnung als erster 40-Jähriger, der mehr als 40 Punkte in einem NBA-Spiel erzielt. Heute ist er Mehrheitseigentümer des NBA-Klubs Charlotte Hornets, sein durch gigantische Werbeverträge angehäuftes Vermögen wird vom Wirtschaftsmagazin “Forbes” auf 1,84 Milliarden Euro geschätzt. Bis heute bringt Nike jedes Jahr ein neues Paar Schuhe unter seinem Namen heraus.

Für Henrik Rödl ist klar, dass Jordans Vermächtnis nicht zu übertreffen ist – allen Diskussionen zum Trotz, ob LeBron James, der Superstar der Los Angeles Lakers, nicht vielleicht doch noch ein bisschen besser ist: “Er war ein Vorbild. Athletisch und ästhetisch, war immer ein Gewinner, hat in jeder Phase des Spiels immer alles gegeben. Global gesehen ist das nicht wiederholbar, weil der Basketball durch Jordan damals die Welt verbunden hat. Heute ist der Basketball auf der ganzen Welt präsent, es sind so viele Europäer in der NBA, die ganze Welt spielt NBA”, sagt Rödl. Heißt: Jordan war der Erste – und bleibt damit der Beste.

Ob die Erfahrung dieses einen Spiels gegen die Ikone mitgeholfen hat? Ein Jahr nach den Olympischen Spielen und dem Duell mit Jordans Dream Team erlebt Rödl selbst seinen wohl erfolgreichsten Sommer: Mit der Nationalmannschaft wird er überraschend Europameister, mit den Tar Heels der University of North Carolina gewinnt er die in den USA hoch angesehene College-Meisterschaft. Es ist der erste Titel, den die Uni seit 1982 gewinnen kann. Der erste Titel, seit die Tar Heels mit Michael Jordan Meister wurden.

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