Marit Björgen: Mit klarem Kopf alle Grenzen verschoben

  • Um die Weltspitze zu erreichen, brauchte Marit Björgen einen langen Atem.
  • Mit ihren Erfolgen hat sie die Maßstäbe des Skilanglaufs neu definiert.
  • Macht sie das zur größten Sportlerin aller Zeiten? Teil vier unserer Serie.
Lars Becker
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Vor ein paar Tagen ist Marit Björgen mal eben 120 Kilometer Rollerski gelaufen. Die längste Strecke, die sie je am Stück trainiert hat. Selbst im Alter von 40 Jahren verschiebt die bislang erfolgreichste Wintersportlerin der Welt noch alle Grenzen. Dabei war die Skilanglauf-Legende vor zwei Jahren eigentlich wegen fehlender Motivation vom Leistungssport zurückgetreten.

Gute zwei Jahre zog sich die Norwegerin danach ins Privatleben zurück. Im März 2019 wurde die Lebenspartnerin von Fred Börre Lundberg, zweimaliger Olympiasieger und dreimaliger Weltmeister in der nordischen Kombination, zum zweiten Mal Mutter. Doch Sohn Ola geht inzwischen in die Tagesbetreuung, wo sein vier Jahre alter Bruder Marius schon längere Zeit ist. Das bringt Marit Björgen ein paar Stunden mehr Freizeit.

Grund genug, um ein Comeback zu starten – ihr war daheim wohl auch ein bisschen langweilig geworden. Seit ein paar Wochen bereitet sie sich im Team der norwegischen Langstreckenspezialisten Jörgen und Anders Aukland auf einen Start beim legendären Wasalauf 2021 vor. Teil der Präparation sind auch Trainingseinheiten, die mal eben über 120 Kilometer gehen.

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Die Rekorde sprechen für sich

Die spektakuläre Rückkehr von Marit Björgen in den Skilanglauf war Big News in Norwegen. Natürlich berichtete der staatliche Fernsehsender NRK über das Comeback des Idols. “Ich bin jetzt seit zwei Jahren raus und habe es vermisst, auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten”, erzählte sie im Interview und fügte gleich hinzu, dass sie das Ganze nicht nur als Spaß versteht: “Sobald ich eine Startnummer anhabe, habe ich auch Ambitionen. Wir werden sehen, was ich in den kommenden Monaten erreichen kann.”

Blickt man auf ihre einmalige Karriere zurück, hat Marit Björgen mehr als jeder andere Wintersportler erreicht. Mit Gold in ihrem letzten olympischen Rennen krönte sie sich 2018 im südkoreanischen Pyeongchang zur erfolgreichsten Winterolympionikin aller Zeiten. Mit achtmal Gold, viermal Silber und dreimal Bronze überholte sie den Biathleten Ole Einar Björndalen (8/4/1). 18 Goldmedaillen bei nordischen Ski-Weltmeisterschaften sind natürlich auch ein einsamer Rekord. Genauso wie die 114 Weltcup-Siege (inklusive Weltcup-Etappen).

Marit Björgen bei den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi nach ihrem Sieg im Skiathlon. Insgesamt gewann sie achtmal olympisches Gold. © Quelle: imago/UPI Photo
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“Es ist wirklich schwer zu verstehen, dass ich Geschichte geschrieben habe. Ich sitze hier und habe 15 olympische Medaillen und so viele andere Erfolge. Dabei bin ich doch nur die Marit”, erklärte Björgen nach ihrem letzten Sieg auf der großen olympischen Bühne mit Tränen in den Augen. Tatsächlich hat die 1,68 Meter große Norwegerin gar nicht die ideale Statur für eine Langläuferin, weil sie dafür zu kräftig und muskulös gebaut ist. Das machte sie aber durch ihren einmaligen Trainingsfleiß mehr als wett.

“Marit hat superhartnäckig trainiert und ist immer akribisch ihren eigenen Weg gegangen. Sie hat als erste Frau die Schallmauern von 10.000 Jahrestrainingskilometern und 1000 Stunden gebrochen. Sie hat einfach alle bekannten Grenzen verschoben”, sagte Skilanglauf-Bundestrainer Peter Schlickenrieder dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Wissenschaftler haben deshalb inzwischen jede Trainingseinheit von Björgen in den letzten zwei Jahrzehnten ausgewertet, um Schlüsse für die künftige Trainingssteuerung im Skilanglauf zu ziehen.

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Natürlich schwingen bei Trainingsumfängen und außergewöhnlichen Erfolgen wie denen von Marit Björgen auch immer Zweifel mit, ob derlei Leistungen in dieser Ausdauersportart überhaupt dopingfrei zu erreichen sind. Und tatsächlich gab es vor allem von ihrer einstigen polnischen Erzrivalin Justyna Kowalczyk immer wieder Vorwürfe gegen Björgen.

Begründet wurden sie vor allem damit, dass die Norwegerin als Asthmatikerin mit einer Ausnahmegenehmigung des Internationalen Skiverbandes (FIS) jahrelang potenziell leistungsfördernde Medikamente nehmen durfte. Und auch bei den Dopingkontrolleuren genoss sie offenbar zeitweise eine Sonderstellung: Nach der Geburt ihres Sohnes Marius im Dezember 2015 wurde sie über ein halbes Jahr von ihnen in Ruhe gelassen.

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Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist jedoch, dass die Skilanglauf-Legende in ihrer Karriere nie positiv getestet wurde. Im Gegensatz beispielsweise zu ihrer härtesten Kritikerin Kowalczyk oder ihrer Landsfrau Therese Johaug, die nach ihrer Sperre mit dreimal Gold bei der WM 2019 und den Gesamtweltcup-Siegen in den beiden vergangenen Wintern das Erbe von Björgen auf dem Langlaufthron angetreten hat.

“Ich bin sehr nah dran und kaufe ihr ab, dass sie ihre Leistungen fair erreicht hat. Sie ist ein Vorbild für alle Skilangläufer: Marit ist im Herzen eine echte Sportlerin, die jeden Tag und jede Sekunde für ihren Sport lebt. Das hat fast autistische Züge, da musst du schon einen positiven Vogel haben”, sagt Schlickenrieder. Eine ähnliche Einstellung zum Sport hätten zum Beispiel Biathlet Ole Einar Björndalen oder der deutsche Skilanglauf-Weltmeister Axel Teichmann gezeigt.

Tatsächlich war der heutige Athletik-Technik-Bundestrainer des deutschen Teams einst eines der Idole von Marit Björgen. Auch das spricht für die Frau in einem Land, das sich als Nabel der Skilanglauf-Welt begreift. Schlickenrieder: “Einige erfolgreiche Athleten aus dem norwegischen Skilanglauf-Team sind ja eher als arrogant bekannt. Mit Marit kann man immer reden. Sie ist offen, bodenständig, nie überheblich. Ein einfaches Bauernmädel, das einfach schnell skilanglaufen wollte.”

Über den Kopf zum Erfolg

Das hängt mit ihren Wurzeln zusammen: Gemeinsam mit ihren Eltern und zwei Geschwistern wuchs Marit Björgen auf einem Bauernhof im kleinen Dorf Rognes in der Nähe von Trondheim auf. Sie spielte Fußball und Handball, aber ihre große Liebe galt immer dem Skilanglauf. Als Siebenjährige bestritt sie ihre ersten Wettkämpfe, erstmals geschlagen wurde die schnelle Marit erst mit 13 bei einem Rennen im Nachbarland Schweden. 1999 tauchte Björgen bei der Junioren-Weltmeisterschaft im österreichischen Seefeld erstmals in der großen Skilanglauf-Welt auf. Sie wurde nur Fünfte. Ein Spaziergang war ihr Aufstieg also nicht.

Bis zum großen Durchbruch dauerte es nämlich drei Jahre. 2002 gewann sie in Park City mit Silber in der Staffel ihre erste Olympiamedaille – beim gleichen Event, bei dem Peter Schlickenrieder sensationell Sprintsilber gewann. Beim Weltcup-Auftakt 2002/2003 feierte Björgen dann in Düsseldorf ihren ersten Weltcup-Sieg im Sprint. Sie galt zunächst als Kurzstreckenspezialistin, was sie mit ihrem ersten WM-Gold im Jahr 2003 unterstrich. Danach entwickelte sich Björgen zur Allrounderin, die auch auf den langen Distanzen Erfolge feierte.

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Auf dem Weg zu ihrem ersten großen Sieg: Marit Björgen kämpft sich im Sprintrennen bei der WM 2003 eine Steigung hinauf. © Quelle: imago/Laci Perenyi

Immer wieder folgten spektakulären Erfolgen bei Großereignissen wie den drei Goldmedaillen bei der WM 2005 totale Pleiten wie bei den Titelkämpfen vier Jahre später. Björgen zog aus der Achterbahnfahrt die richtigen Schlüsse, konzentrierte sich mehr auf den mentalen Aspekt ihres Sports und die Großereignisse. “Marit hatte nach den zahlreichen Rückschlägen in ihrer Karriere immer die Qualität, sich weiterzuentwickeln. Sie hat immer sehr viel Gedankenschmalz in ihren Sport investiert – das hebt sie von den meisten anderen ab”, so Schlickenrieder. Die Tour de Ski 2012 brach sie zum Beispiel wegen Herzrhythmusstörungen ab, nur um wenig später bei der WM vier Goldmedaillen zu gewinnen. Auch nach der Babypause 2015 kehrte Björgen als Siegerin zurück und holte sich als Krönung ihrer einmaligen Karriere noch den olympischen Rekord.

Björgen bringt dem Langlaufsport Glanz zurück

Gedanken um die finanzielle Zukunft muss sich Björgen nicht mehr machen: Allein in Sachen Preisgeld hat sie in ihrer Karriere 2,6 Millionen Schweizer Franken verdient. Dazu kommen noch weitere Millionen von ihren Sponsoren. Bei ihrem langjährigen Geldgeber Asko bekam die Norwegerin nach dem Ende ihrer Karriere zudem einen sicheren Job, der auch jetzt neben der Familie zu den Hauptinhalten ihres Lebens gehört.

Finanzielle Erwägungen sind es also nicht, die Björgen zurück in ihren Sport gebracht haben. “Ich bin einfach neugierig darauf, Neues kennenzulernen”, sagte sie. Deshalb will sich die Frau, die einst als Sprintspezialistin den Weg in die Weltspitze schaffte, nun ausschließlich besonders langen Strecken widmen. Der Wasalauf in Schweden geht über 90 Kilometer von Sälen nach Mora und gehört nicht zum Weltcup.

Idol der Norweger: Marit Björgen signiert die Mütze eines jungen Fans. © Quelle: imago/Bildbyran

Trotzdem tut die Rückkehr von Marit Björgen dem Langlaufsport gut, der seit ihrem Abschied deutlich an Strahlkraft verloren hat. Das hat auch damit zu tun, dass der Klimawandel mehr und mehr Probleme für ihre große sportliche Liebe mit sich bringt. “Ich bin um die Zukunft des Skilanglaufs besorgt, weil ich immer größere Veränderungen in der Natur beobachte. Ich frage mich, ob der Langlauf überleben wird”, hat Björgen dazu gesagt. Diese Frage kann mit Blick auf die Zukunft sicher keiner zuverlässig beantworten. Fest steht aber, dass die außergewöhnlichen Leistungen dieser Frau für immer in den Geschichtsbüchern des Sports stehen werden.

Wer ist für Sie der größte Sportler aller Zeiten? Sagen Sie es uns in unserer Umfrage.

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