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Zahlen sorgen für Verwirrung

6500 oder drei Tote? Wieso die Angaben von Fifa und Katar irreführend sind

Auf WM-Baustellen sollen laut offiziellen Angaben drei Gastarbeiter im direkten Zusammenhang mit dem Stadionbau gestorben sein, bei 37 weiteren Todesfällen handele es sich um sogenannte Non-Work-Related Deaths.

Auf WM-Baustellen sollen laut offiziellen Angaben drei Gastarbeiter im direkten Zusammenhang mit dem Stadionbau gestorben sein, bei 37 weiteren Todesfällen handele es sich um sogenannte Non-Work-Related Deaths.

Auf den Stadionbaustellen im Gastgeberland Katar sind Angaben des Organisationskomitees zufolge während der Arbeitszeit der vergangenen Jahre bei Unfällen drei Menschen gestorben. Das bestätigte der Fußball-Weltverband Fifa vor dem Start des Turniers der Deutschen Presse-Agentur.

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37 weitere Todesfälle soll es ohne direkten Zusammenhang mit den Bauarbeiten („Non-Work-Related Deaths“) gegeben haben. In der öffentlichen Debatte war lange Zeit von 6500 Toten seit der WM-Vergabe die Rede. Diese Zahl stammt aus einem Bericht der englischen Tageszeitung „The Guardian“. Die Wahrheit liegt in keinem der beiden Extreme: Die Angaben sind im einen Fall zu niedrig, im anderen zu hoch.

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Unter welchen Umständen ist die Zahl des „Guardian“ entstanden?

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Die Zahl der Todesfälle im direkten Zusammenhang mit der WM ist zu hoch gegriffen. In einem Artikel vom Februar vergangenen Jahres schrieb die Zeitung, dass „mehr als 6500 Gastarbeiter in Katar gestorben sind, seitdem die WM vergeben wurde“. Die Zahl fasst offizielle Daten aus Indien, Bangladesch, Nepal, Sri Lanka (insgesamt 5927 Tote) und Pakistan (824 Tote) aus den Jahren 2011 bis 2020 ein. (Arbeits-)Ort und Ursache der Todesfälle sind nicht näher benannt.

Im Bericht der englischen Zeitung wird dann darauf hingewiesen, dass es 37 Todesfälle bei der Errichtung der Arenen gegeben haben soll, davon seien 34 sogenannte Non-Work-Related Deaths ohne direkten Zusammenhang mit der Arbeit. Dabei bildet der „Guardian“ die Angaben des Supreme Committee for Delivery & Legacy (kurz: SC) ab, das im Wüstenemirat die WM analog zu einem Organisationskomitee plant und verantwortet.

Wie viele Todesfälle gibt es, Stand jetzt, nach offiziellen Angaben des Organisationskomitees?

Zu den im „Guardian“ erwähnten 37 Todesfällen beim Bau der Stadien sind 2021 drei weitere hinzugekommen. Bei diesen Fällen soll es sich jeweils um „Non-Work-Related Deaths“ handeln. Die offizielle Gesamtzahl stieg damit im Vorjahr auf 40, davon folglich 37 „Non-Work-Related Deaths“ und drei Todesfälle in direktem Zusammenhang mit dem Stadionbau. Das heißt: Es gibt keine Zweifel daran, dass die über 6500 Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter aus dem „Guardian“-Bericht von 2011 bis 2020 in Katar gestorben sind. Diese Zahl schließt aber Bereiche ein, die von der WM-Ausrichtung nicht berührt werden (etwa Angestellte im Haushalt oder in Hotels).

Die Zahl der 40 Toten, die das Organisationskomitee offiziell angibt, ist dennoch zu klein gefasst: Verstorbene Gastarbeiter bei der Errichtung von Straßen und Gebäuden oder bei anderen Infrastrukturprojekten, die fraglos wegen der WM umgesetzt wurden, sind dort nicht berücksichtigt. So hatte es auch Nicholas McGeehan seinerzeit im „Guardian“ formuliert. Er setzt sich mit seiner Organisation Fair Square für Arbeitsrechte in der Golfregion ein. McGeehan sagte: „Ein sehr großer Teil der seit 2011 verstorbenen Gastarbeiter war nur im Land, weil Katar den Zuschlag für die Austragung der Weltmeisterschaft bekommen hat.“ Sprich: Ohne WM hätte es viele Projekte nicht gegeben, auch wenn sie keinen direkten Zusammenhang mit der Ausrichtung des Turniers haben, wie etwa der Bau eines Stadions.

50 Tage vor WM-Start: Wie bereit ist Gastgeber Katar für das Turnier?

Eine Woche lang war RND-Reporter Roman Gerth in Katars Hauptstadt Doha unterwegs – Einblicke in die Vorbereitungen des WM-Gastgebers.

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40 und drei: Wie kommt das WM-Organisationskomitee auf seine Statistik?

Zwischen 6500 („Guardian“) und 40 (offizielle Angaben) liegt eine extrem große Diskrepanz – und dann noch einmal mehr, geht man nur von den genannten drei Todesfällen aus, die dem SC zufolge mit dem Bau der WM-Stadien in unmittelbarer Verbindung stehen. Zu diesen drei toten Arbeitern sind keine genaueren Angaben zu finden.

Aber: Ein Blick in die Veröffentlichungen des Organisationskomitees verdeutlicht, wie der Ausrichter auslegt, ob der Tod im direkten Zusammenhang mit der Arbeit steht oder nicht. So heißt es etwa: „Am 29. Juni ist ein 38 Jahre alter Inder, der als Tischler im Lusail Stadium gearbeitet hat, während der Pause mit Schwindel (…) und Brustschmerzen (…) ins Krankenhaus transportiert worden, wo er später einen Herzstillstand erlitt und verstarb.“ Dies ist einer der drei Todesfälle im Jahr 2021, die laut SC zu den „Non-Work-Related Deaths“ zählen.

Ein zweiter Mann, ein 21 Jahre alter Inder, starb Mitte August im Krankenhaus, nachdem er nicht ansprechbar in seinem Zimmer aufgefunden wurde. Offizielle Todesursache: Multiples Organversagen und Herzstillstand. Anfang Oktober stieg ein 47 Jahre alter Pakistani aus einem Bagger, weil er sich „unwohl fühlte“, wie es im Dokument des SC heißt. Neben seinem Arbeitsgerät kollabierte er und konnte nicht reanimiert werden. Offizielle Todesursache: akutes Herzversagen aufgrund natürlicher Ursachen. Eine Nähe zur Tätigkeit auf den Baustellen ist kaum von der Hand zu weisen, das SC deklariert sie aber als „Non-Work-Related Deaths“.

Bei der Hälfte der 34 weiteren Todesfälle, die nicht unmittelbar mit der Arbeit zu tun haben sollen, ist die Todesursache erst gar nicht untersucht worden, bei der anderen Hälfte ist häufig Herzstillstand dokumentiert – wobei es sich nicht um die Ursache handeln dürfte, sondern schlicht um die Feststellung des Lebensendes.

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Was sagen die Verantwortlichen des WM-Organisationskomitees?

Mahmoud Qutub heißt der Mann, der die Wahrung der Rechte derjenigen verantwortet, die auf den WM-Baustellen tätig sind oder waren. Er ist beim SC als Exekutivdirektor für Arbeitsrechte tätig. Qutub studierte in Washington D.C. und legte später in Durham (North Carolina) den Master of Business Administration ab. In perfektem Englisch erklärt er im Gespräch mit Medienvertreterinnen und Medienvertretern, an dem das RND teilgenommen hat, dass die Todesursachen verstorbener Arbeiter nach festgelegtem Vorgehen überprüft werden („Incident Investigation Procedure“).

Er sagt: „Zum Teil wollten die Familienangehörigen nicht, dass eine Obduktion durchgeführt wird.“ Demnach komme es dazu, dass die Todesursachen in etwa der Hälfte der „Non-Work-Related Deaths“ nicht festgestellt worden seien. Qutub betont zudem, dass es eine nachvollziehbare Unterscheidung der Todesfälle nach unmittelbarem oder indirektem Zusammenhang mit den Bauarbeiten gebe.

Katar-Emir Tamim Al Thani spricht von „beispielloser Kampagne“

Rund vier Wochen vor WM-Start hat sich Katars Herrscher noch einmal über das Ausmaß der Kritik an seinem Land im Vorfeld des Turniers beschwert. „Seitdem wir die Ehre haben, die Weltmeisterschaft auszurichten, ist Katar einer beispiellosen Kampagne ausgesetzt, die noch kein Gastgeberland jemals erlebt hat“, sagte Emir Tamim Bin Hamad Al Thani am Dienstag in der Hauptstadt Doha.

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Der Golfstaat sei zunächst der Ansicht gewesen, „dass manche Kritik positiv und nützlich“ für die Weiterentwicklung des Landes sein könne. Inzwischen sei aber klar, dass die Kampagne ein solches Ausmaß angenommen habe, dass viele Menschen die wahren Gründe für die Kritik hinterfragen würden. Welche Gründe dies konkret seien, sagte der Emir nicht. Er prangerte auch die Verbreitung von Falschnachrichten und die Doppelmoral der Kritiker an, ohne dabei ins Detail zu gehen.

Faeser und Neuendorf reisen nach Katar

DFB-Präsident Bernd Neuendorf reist Ende Oktober mit Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) nach Katar. „Im Mittelpunkt der Reise stehen die Menschenrechtsfragen, die rund um das Turnier diskutiert werden, etwa der Schutz von queeren Menschen vor Diskriminierung und Verfolgung sowie die Verantwortung für Wanderarbeiter, die die WM-Stadien gebaut haben“, hatte eine Sprecherin der Bundesinnenministerin mitgeteilt.

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