Fußball nach der Corona-Krise: Die Blase ist geplatzt

  • Im Wettkampf waren sie Kontrahenten, in der Krise sind sie vereint.
  • Deutschlands Fußballvereine rücken in der Corona-Epidemie enger zusammen.
  • Sie fürchten einen wirtschaftlichen Totalschaden.
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Es gibt wohl kaum eine Branche, in der sich die Protagonisten so uneinig bei bestimmten Themen sind wie im Fußball. Das hat zum einen natürlich damit zu tun, dass die handelnden Personen ganz unterschiedliche Arbeitgeber vertreten – Verbände, Vereine, Agenturen –, außerdem aber vor allem völlig andere Ziele und Absichten verfolgen.

Doch egal, mit welchem Sportdirektor, mit welchem Spielerberater oder sonstigem Fußballexperten man aktuell spricht, sind in diesen Tagen plötzlich unisono alle einer Meinung: Nach der Corona-Krise wird im Milliardenbusiness Fußball nichts, aber auch gar nichts mehr so sein wie zuvor.

So sieht der Fußball zurzeit aus: Leere Ränge im Bremer Weserstadion. © Quelle: imago images/foto2press
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Mindestens bis Ende April wird in Deutschlands Fußballtempeln kein Ball rollen, danach ist – wenn überhaupt – für lange Zeit mit Geisterspielen, also mit Partien ohne Zuschauer, zu rechnen.

Ein Blick auf die nackten Zahlen reicht, um allein dieses Dilemma aus Sicht der Klubs einordnen zu können: Dem Branchenprimus FC Bayern München gehen dadurch 2,7 Millionen Euro flöten – pro Heimspiel! Mindestens sechs Partien würde der Rekordmeister durch Champions-League-Achtelfinale und DFB-Pokal-Halbfinale noch vor leeren Rängen in der Allianz-Arena austragen.

Sollte die Saison aufgrund der Pandemie sogar vorzeitig beendet werden, kämen noch mal Minimum 35 Millionen Euro an verlorenen TV-Geldern hinzu. Bei Borussia Dortmund wären es 26 Millionen, selbst bei einem Abstiegskandidaten wie Werder Bremen noch 16 Millionen aus dem Fernsehtopf. Alle anderen Einnahmen wie Merchandising, Catering und so weiter sind noch nicht mal eingerechnet.

“Wenn wir bis Weihnachten nicht mehr spielen könnten – wie ganz schlimme Prognosen besagen –, ist die Existenzgrundlage der gesamten Liga bedroht.” Dieser Satz stammt von keinem geringeren als Bayerns ehemaligem Präsidenten und heutigem Aufsichtsrat Uli Hoeneß. Er spricht damit gewohnt offen aus, was viele sich nur hinter vorgehaltener Hand zu sagen trauen: Es geht ums Überleben!

Schon jetzt ist klar, dass einige Erst- und Zweitligisten aufgrund der Corona-Pause um ihre Existenz kämpfen müssen, weshalb es in den letzten Tagen zu diversen Solidaritätsaktionen kam. So stellen die vier deutschen Champions-League-Teilnehmer Bayern München, Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen insgesamt 20 Millionen Euro für klammere Klubs zur Verfügung.

Bei vielen Vereinen verzichteten Bosse und Profis auf Teile ihres Gehalts, um den Mitarbeitern auf der Geschäftsstelle den Job zu sichern. Den Anfang machte Borussia Mönchengladbach. Dessen Sportdirektor Max Eberl prophezeit: “Nach der Corona-Krise wird es auf jeden Fall eine andere Situation geben. Ich bin mir sehr sicher, dass es Einschnitte geben wird.”

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Was er meint, ist klar: Der zuletzt so überhitzte Transfermarkt wird einbrechen, die Spielergehälter werden sinken, die Sponsorengelder zurückgefahren – national wie international. Auch der ein oder andere (kleinere) Investor wird über die Wupper gehen. Und selbst die Scheichs und Oligarchen werden sich künftig noch genauer überlegen, ob ihr Geld auf dem Fußballspielfeld der Milliardäre noch richtig angelegt ist.

Hoffnung auf die Fernsehgelder

Die oft zitierte Blase wird platzen, wenn sie es nicht schon ist. Hoeneß formuliert das so: “Es sind alle Länder betroffen. Deshalb wird es sehr wahrscheinlich eine neue Fußballwelt geben.” Klar, denn auch den Vereinen im Ausland brechen die Einnahmen weg. Sollte es zu einem vorzeitigen Saisonabbruch kommen, würden die Klubs der Premier League 828 Millionen Euro an TV-Einnahmen verlieren – in Spanien stehen 435 Millionen auf dem Spiel, in Italien 400 Millionen. Klar ist: Solange nicht gekickt wird, fließt kein Geld. Gibt es kein Geld, sterben die Klubs. Die kleinen zuerst, wie immer. So bitter es klingt, so einfach ist die Rechnung.

Was den Vereinen bleibt, ist die Hoffnung. Zum einen, dass im Falle der Entspannung der Corona-Krise zumindest vor leeren Rängen wieder gespielt werden kann, was wenigstens die wichtigen Fernsehgelder sichern würde. Zum anderen, dass es recht schnell wieder aufwärtsgeht, sobald der Spielbetrieb unter gewohnten Bedingungen fortgesetzt wird.

Fußballromantiker und Ultras träumen dagegen davon, dass sich die vollkommen überdrehte Schraube nach Corona vielleicht ein Stück zurückdreht, dass sich die Branche endlich wieder etwas normalisiert, die Spieler wieder andere Prioritäten haben als Goldsteaks, Frisuren und Luxuskarossen. Oder wie es Bremens Trainerlegende Thomas Schaaf gerade in einem Interview mit dem Sportbuzzer formulierte: “Eigentlich müsste uns allen doch klar sein, dass wir immer noch genug haben, auch wenn wir nur die Hälfte nehmen.”

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