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Löws letzte Mission: Greift der Bundestrainer noch mal nach den Sternen?

  • Die Europameisterschaft soll das triumphale Ende einer ganz großen Fußballkarriere werden.
  • Nach 15 Jahren als Bundestrainer zieht sich Joachim Löw zurück.
  • Hat der Mann, dessen Stil einst ganz Europa verzückte, noch das Zeug zum Meistermacher?
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Oliver Bierhoff kam mit dem ­E-Bike zum bestens präparierten Trainingsplatz unterhalb der Toni-Seelos-Olympiaschanze in Tirol geradelt, die Spiegelbrille lässig auf der Nase. Als er den Bundestrainer bei herrlichem Wetter da so stehen und sich mit Sonnenmilch eincremen sah, begrüßte der DFB-Direktor ihn mit einem spöttischen Spruch.

Grund dafür war der dicke, schwarze Schal, den Joachim Löw trotz deutlich über 20 Grad um den Hals trug. Der Trainer nahm den Witz mit Humor, klopfte sich auf die Schenkel – und hängte sich den Schal auch in den nächsten Tagen im Trainingslager der Fußball-Nationalmannschaft in Seefeld um, bei jedem Wetter.

Die Szene war irgendwie bezeichnend für die betont gute Laune, die das Team um das Team in der Vorbereitung auf die am Freitag beginnende Europameisterschaft verbreiten wollte. Alle haben sich lieb, alle haben riesigen Spaß – alles ist anders als vor der letzten WM in Russland, als sich die Mannschaft in Grüppchen teilte und gleich nach der Vorrunde kläglich scheiterte.

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Die aufgrund der Pandemie verschobene EM, die erstmals in elf Ländern stattfindet, ist Löws letzte Mission als Bundestrainer, bevor Bayerns Titelsammler Hansi Flick übernimmt. Die Voraussetzungen könnten schlechter kaum sein: Bereits in der Gruppenphase trifft das DFB-Team auf zwei Topfavoriten, Weltmeister Frankreich und Titelverteidiger Portugal.

Nach der EM tritt Löw tatsächlich und freiwillig ab. Gut 15 Jahre und rund 200 Länderspiele – so viele wie noch nie ein DFB-Trainer vor ihm – wird er als wichtigster Coach im deutschen Fußball auf dem Buckel haben. Er wird als Weltmeistermacher in die Geschichte eingehen. Doch kriegt er zum Schluss noch mal die Kurve?

Trainer, Führung, Fans: Der DFB im Krisenmodus

In den letzten Jahren nach dem WM-Debakel 2018 schien es, als habe Löw seinen Heldenstatus verloren. Erst wehrte er sich gegen einen überfälligen Umbruch, dann sortierte er Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller aus – um Hummels und Müller als Führungsspieler nun doch wieder zurückzuholen, weil sein Plan nicht funktionierte. Zwar qualifizierte sich Deutschland souverän als Gruppensieger für die EM, kassierte im vergangenen Winter aber eine historische 0:6-Klatsche in Spanien. Im März folgte ein peinliches 1:2 gegen den Fußballzwerg Nordmazedonien. Über 80 Prozent der Bevölkerung forderten zwischendurch den Rauswurf des Bundestrainers, die TV-Einschaltquoten bei den Länderspielen gingen in den Keller.

Dazu gab der größte Sportverband der Welt mit seinem öffentlich ausgetragenen Streit in der Führungsspitze ein verheerendes Bild ab und geht ohne Präsidenten in die EM – eine Lösung ist nicht in Sicht. Die Nationalelf hat den Ruf der Unbesiegbarkeit verloren, den sie sich unter Löw wieder erarbeitet hatte.

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Vor dem EM-Start: Austragungsorte, Stadien und Co. - alles Wichtige zum Turnier
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Wer sind die Favoriten, auf wen trifft Deutschland in der Gruppenphase und wo wird gespielt? Alles, was Sie zur EM wissen müssen, gibt es hier im Video.  © RND

Mit Löw verbindet man die Ära nach dem Sommermärchen mit Sonnyboy Jürgen Klinsmann, als sich Deutschland schwarz-rot-gold in den Armen lag. Auch damals traute man dem ehemaligen Assistenten mit dem ulkigen badischen Dialekt kaum etwas zu. Doch Joachim wurde zum „Jogi“, zum „Bundes-Jogi“.

Er schaffte es, mit seiner volksnahen Art die Fans mitzunehmen, und baute eine Mannschaft auf, die über Jahre ganz Europa verzückte. Alle verliebten sich in „Schweini“ (Bastian Schweinsteiger) und „Poldi“ (Lukas Podolski) und verziehen es dem Trainer, wenn er mal mit einer Entscheidung danebenlag oder sich während des Spiels in die Hose ­fasste.

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Zwischen dem Rausch von Rio und der Leere danach

Von Jahr zu Jahr, von Turnier zu Turnier wuchs die „goldene Generation“ immer mehr zusammen – angeführt von Löw, den inzwischen sogar selbst seine größten Kritiker und Kritikerinnen ernst nahmen. Am 13. Juli 2014 bestieg Jogi dann den Trainerthron, ausgerechnet im legendären Maracanã-Stadion von Rio. Durch ein 1:0 im WM-Endspiel gegen Argentinien holte sich Deutschland den vierten Stern.

Sogar die Brasilianer drückten dem DFB-Team die Daumen, obwohl sie im Halbfinale mit 1:7 gedemütigt worden waren. Doch das faire, respektvolle Verhalten des Bundestrainers und seiner Stars bescherte ihnen die Sympathien der Gastgeber.

„Es war das größte Spiel meiner Karriere. Doch für mich als Trainer war es zu viel“, gab Löw kürzlich zu. Nach dem Triumph fühlte er große Leere. „Ich saß da und dachte: Jetzt sitze ich hier so allein. Wo ist mein Team? Wo sind meine Spieler? Wo sind die Ziele?“

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Die Helden gingen. Miroslav Klose, der Rekordtorschütze. Per Mertesacker, der Abwehrturm. Philipp Lahm, der Kapitän. Auch Schweini und Poldi sagten irgendwann „Auf Wiedersehen“. Nur Löw, der blieb – und raffte sich wieder auf.

Sein größter Erfolg: Joachim Löw mit seinem damaligen Co-Trainer Hansi Flick im Maracana Stadion in Rio de Janeiro. © Quelle: imago/Ulmer/Teamfoto

Sieben Jahre und einige Rückschläge nach dem Rausch von Rio steht er vor seiner wohl schwersten Aufgabe. Es gibt kaum jemanden, der so für Hoffnung und Zweifel zugleich steht wie er. 2014 sei man nicht wegen, sondern trotz Löw Weltmeister geworden, lästern viele Experten. Der Jogi wird es allen noch einmal zeigen, glauben seine Fans. Die nächsten Wochen werden erweisen, ob auch die Spieler Wort halten, die unisono sagen, dass sie ihrem Coach einen „würdigen Abgang“ bereiten wollen. „Wir werden für ihn noch mal alles raushauen“, verspricht Abwehrboss Antonio Rüdiger. Nicht weniger als der Titel soll es sein. Der Nachwuchs hat es bei der U21-EM vorgemacht.

Der Druck ist riesig. „Wir haben zuletzt enttäuscht. Die Reputation steht auf dem Spiel“, sagt der ehemalige DFB-Kapitän Michael Ballack, EM-Experte dieses Portals. „Man ist immer zu einem Turnier gefahren, um mindestens das Halbfinale zu erreichen – da müssen wir wieder hinkommen.“

Für viele ist Löw vor allem eines: Vergangenheit. Eine „lame duck“, mit der man niemals hätte ins Turnier gehen dürfen. Aber Löw hat sich ein Stück weit neu erfunden. Während des Lockdowns machte er sich viele Gedanken, nahm sich Zeit für sich selbst. Normalerweise ist der Bundestrainer ein geselliger Mensch, der sich nicht versteckt und keine Bodyguards braucht. Er trifft sich gern auf einen guten Rotwein mit Freunden, genießt die Natur, treibt Sport.

Dass die Pandemie auch an ihm zehrte, ist schnell zu erkennen. Der einst so muskelbepackte Löw sieht aus wie ein ganz normaler 61-Jähriger. Im engsten Freundeskreis hatte er einige Corona-Fälle, „deren Verlauf relativ heftig war“, verriet er im Gespräch mit dieser Zeitung. Umso vorsichtiger agierte er, zog sich zurück – und plante seinen letzten großen Coup.

Langsam, aber sicher: Die Fußballeuphorie kehrt zurück

Bei der Nominierung seines EM-Kaders überraschte Löw mal wieder alle, zauberte mit Christian Günter (SC Freiburg) und Kevin Volland (AS Monaco) zwei Kandidaten aus dem Hut, mit denen kaum jemand gerechnet hatte. Dafür ließ er beispielsweise die Dortmunder Pokalsieger Marco Reus und Julian Brandt zu Hause. Bei der Zusammenstellung der 26 Spieler achtete er mehr denn je auf ihren Charakter und ihre Fähigkeit, sich in ein Mannschaftsgefüge einzupassen.

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Mit 7:1 gewann Deutschland gegen Lettland – ein Sieg für die Seele. Welche Schlüsse daraus für die EM zu ziehen sind, analysiert RND-Sportchef Heiko Ostendorp.  © RND

„Wichtig wird sein, dass wir eine Gewinnermentalität aufbauen. Jeder muss bereit sein, auch wenn er anfangs mal draußen sitzt. Das müssen wir leben, jeden Tag erfüllen, auch im Training“, mahnte er in Seefeld und lebte diese Einstellung vor. Selten hat man ihn in den Jahren zuvor so engagiert und laut auf dem Trainingsplatz erlebt. Immer wieder unterbrach er die Einheiten. Korrigierte, schimpfte, forderte. „Ich weiß, was es braucht, um bei einem Turnier erfolgreich zu sein“, sagte er. Das Selbstvertrauen ist wieder da. „Man merkt: Er ist total fokussiert auf die Aufgabe“, bestätigt Bierhoff.

Damit in der Corona-Blase, in der sich der DFB-Tross bewegt, bloß kein Lagerkoller aufkommt wie im russischen Niemandsland Watutinki, wo die Verantwortlichen 2018 sogar das Internet abstellten, weil die Profis die ganze Nacht zockten, versuchte er, Abwechslung zu schaffen. Es gab einen Hüttenabend, Wanderung und Bierchen inklusive. In der Lobby des Mannschaftshotels waren Billardtische, Dartscheiben und ein Fahrsimulator aufgebaut, ­E-Bikes standen rund um die Uhr zur Verfügung, die Saunalandschaft suchte ihresgleichen.

Die Stimmung in der bunt gemischten Truppe rund um den Bayern-Block mit acht Spielern war tatsächlich ausgezeichnet. Das zeigte sich auch beim 7:1-Sieg gegen Lettland im letzten Test vor dem Auftaktspiel am 15. Juni gegen die „Équipe Tricolore“. Die Mannschaft sprühte vor Spielfreude und macht plötzlich Hoffnung, dass die Fußballeuphorie zurückkehren könnte – genau wie die Zuschauer bei den drei Vorrundenspielen in München. Gut 14.000 dürfen rein.

Nach der erfolgreichen Generalprobe hat die Mannschaft am Dienstag ihr EM-Quartier in Viererbungalows auf dem Gelände von Ausrüster Adidas in Herzogenaurach bezogen. Hier soll sportlich der Feinschliff gemacht werden. Hier sollen die Spieler noch enger zusammenrücken. Von der Idee her erinnert der „Homeground“ an das legendäre Campo Bahia in Brasilien. Damals gab es im letzten Test übrigens ein ähnliches Schützenfest wie am Montag in Düsseldorf, ein 6:1 gegen Armenien. Der Rest ist ­bekannt.

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