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Zwischen Verzweiflung, Kreativität und Trotz: So geht es der Reisebranche

  • Die Corona-Pandemie hat die Reisebranche in eine tiefe Krise gestürzt.
  • Wie ist es Reisebüros, Reiseveranstaltern und Betreibern von Ferienunterkünften in Deutschland ergangen? Wir haben nachgefragt.
  • Heraus kamen nicht nur Geschichten über Verzweiflung, sondern auch über Kreativität, Mut – und auch ein wenig Trotz.
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Es ist der 17. März, der Tag des Reisestopps. „Wir haben uns entschlossen, ab jetzt vor allen nicht notwendigen, touristischen Reisen in das Ausland zu warnen. Daher die dringende Bitte: Bleiben Sie zu Hause. Sie helfen damit sich und anderen! Diese Reisewarnung für touristische Reisen gilt weltweit.“ Mit diesen Worten von Heiko Maas beginnt die schwerste Krise der Tourismusbranche seit dem Zweiten Weltkrieg.

Im ersten Jahr mit der Coronavirus-Pandemie ist die weltweite Reisewirtschaft um 74 Prozent eingebrochen. Die Hotels, Ferienhäuser und Pensionen in Deutschland durften gut sieben Monate lang keine Touristen aufnehmen.

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Etwa 3000 Reiseveranstalter, 11.000 Reisebüros, sowie 49.000 touristische Unterkünfte gibt es hierzulande. Sie alle erleben eine Situation, wie es sie noch nie gegeben hat. Hinter jedem der Betriebe stecken persönliche Geschichten – so wie die von Timo Kohlenberg und seiner Schwester Julia Kurz aus Hannover, den Geschäftsführern von America Unlimited.

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Urlaubsplanung: Reisen während der dritten Welle?
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Konkrete Reiseszenarien hängen von Entwicklungen wie dem Voranschreiten der Impfungen und Testungen ab.  © Reuters

Von 10 Millionen Euro Umsatz auf nahezu null

Im Jahr 2007 übernahmen sie das Unternehmen als blutige Anfänger von ihrem Vater, nachdem dieser plötzlich an einem Herzinfarkt gestorben war. „Damals haben wir einfach losgelegt. Natürlich anfangs mit ein paar Schwierigkeiten, doch dann sind wir sukzessive gewachsen“, erzählt Kohlenberg. Auch weil sie das Unternehmen für den Vater weiterführten, stecke „ganz viel Herzblut und Emotion“ darin. 14 Jahre später beschäftigen sie etwa 25 Angestellte – darunter auch die Mutter – und erwirtschaften mit USA- und Kanada-Reisen einen zweistelligen Millionenumsatz pro Jahr.

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Timo Kohlenberg und seine Schwester Julia Kurz aus Hannover sind die Geschäftsführer von America Unlimited. © Quelle: Helge Krückeberg

„Wir standen ganz stark da, vor der Krise“, sagt Kohlenberg. Doch 2020 brach der Reiseumsatz auf „nahezu null“ ein, die Fernreiseziele waren aufgrund von Reisewarnungen und Einreisesperren nicht erreichbar. Das Unternehmen erhielt Überbrückungshilfe I und II – „die haben wir mit 50.000 Euro pro Monat ausgereizt“, sagt Kohlenberg. Dieses Geld und Rücklagen sorgten dafür, dass sie bisher niemanden aus dem Team entlassen mussten.

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Corona-Reisebüro statt Stillstand

Still sitzen und abwarten wollten die Geschwister nicht. Sie versuchten, kreativ auf die Krise zu reagieren und starteten alternative Angebote wie „Corocierge“ – dabei vermitteln sie Kunden Reisen an Orte, für die es im Moment keine Reisewarnung gibt oder die keine komplizierten Auflagen für die Einreise haben. Davon konnten die Geschwister bisher immerhin etwa 50 bis 60 verkaufen, so Kohlenberg. Ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auch die Unternehmensaussichten für 2021 sind düster: „Wir würden uns freuen, wenn wir wenigstens 40 Prozent des Umsatzes von 2019 machen würden“, sagt Rainer Hageloch, Vorstand der Kooperation AER, in der gut 730 Reisebüros und 430 Reiseveranstalter organisiert sind. Einige von ihnen mussten bereits aufgeben – doch die befürchtete Pleitewelle blieb bislang aus. „Wir haben bisher weniger als 10 Prozent der Unternehmen verloren“, so Hageloch. Entwarnung? Nein, sagt der Vorstand. Das könne sich ändern, wenn die bis Ende April 2021 verlängerte Aussetzung der Insolvenzanzeigepflicht endet. „Denn das Problem der Überschuldung besteht weiterhin, wir können nicht von einer Entwarnung sprechen.“

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Rainer Hageloch ist Vorstand der AER Kooperation AG , in der gut 730 Reisebüros und 430 Reiseveranstalter organisiert sind. © Quelle: Tom König

Die Reisebranche treffe es in dieser Krise besonders hart. Denn Veranstalter kämpfen nicht nur mit fehlenden Neubuchungen und dem entgehenden Geschäft. Sie müssen bei einer Stornierung zudem die angezahlten Kundengelder zurückzahlen, zudem bleiben sie oftmals auf bereits gezahlten Leistungen in den Zielgebieten sitzen. Eingenommene Provisionen bleiben nicht bei Reisebüros, hinzu kommen natürlich die laufenden internen Organisationskosten.

Hilferuf von Veranstaltern: Reise verschieben statt stornieren

Die Reisebranche richtete sich daher nach dem Inkrafttreten der weltweiten Reisewarnung im März 2020 mit einem emotionalen Hilferuf an ihre Kunden und bat um Solidarität. Sie sollen gebuchten Urlaub nicht stornieren, sondern verschieben. Denn nur so verbleibe die dringend benötigte Liquidität in den Unternehmen.

Nicht überall fruchtete dieser Appell: „Die Aktion lief bei uns nicht, der absolute Großteil wollte das Geld zurück“, sagt Ralph Benecke, Geschäftsführer des Singlereisen-Veranstalters Sunwave. „Unsere Kunden wissen nicht, wie sich ihr Leben innerhalb der nächsten Monate entwickelt – vielleicht lernen sie jemanden kennen und wollen dann zu zweit reisen.“

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Ralph Benecke, Geschäftsführer des Singlereisen-Veranstalters Sunwave, hat im Jahr 2020 auf Angebote in Deutschland umgesattelt. © Quelle: Sunwave

Die Krise traf Benecke und sein 15-köpfiges Team sehr früh. Im Februar, als sich mehrere Hundert Touristen aus ganz Europa im Tiroler Skiort Ischgl mit Sars-CoV-2 infizierten, hatten sie etliche Gäste zum Skifahren in Österreich und der Schweiz. „Die holten wir alle zurück“, erinnert sich der Geschäftsführer. Gleichzeitig erlebte sein Team, was das Virus mit Menschen anrichten kann: „Wir hatten eine Gruppe in Zermatt – und der Reiseleiter steckte sich an, offenbar auf einer Skihütte. Er lag 15 Tage in einem Schweizer Krankenhaus im Koma – wir sind alle sehr froh, dass er den Kampf gewonnen hat.“

Benecke und sein Team haben auf die am 17. März ausgerufene weltweite Reisewarnung reagiert und setzten im restlichen Jahr auf Urlaub in Deutschland. „Das hat sich von Juli bis Oktober sehr positiv bemerkbar gemacht, viele Singles haben kurzfristig bei uns gebucht“, so Benecke. So konnte er 2020 immerhin einige Tausend Gäste bewegen und musste von seinen 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter niemanden entlassen.

Überbrückungshilfe III verbessert Ausgangslage in 2021

Die Lage der Reiseunternehmen habe sich durch die Überbrückungshilfe III ein wenig gebessert, sagt Rainer Hageloch. Erstattet werden betriebliche Fixkosten bis zu 1,5 Millionen Euro pro Monat – dazu zählen bei der Reisebranche auch der Ausfall oder die Rückzahlung von Provisionen von Reisebüros wegen coronabedingter Stornierungen und Absagen, außerdem wurde die Begrenzung auf Pauschalreisen aufgehoben. „Damit sind die Grundvoraussetzungen deutlich besser als bei der Überbrückungshilfe I und II“, so Hageloch.

Optimismus kommt in der Branche trotzdem nicht so richtig auf. Denn die große Unsicherheit bleibe, sagt Kohlenberg. „Da sind Coronavirus-Varianten, das Impfen geht nur schleppend voran, und es fehlt eine Perspektive für die Branche.“

Die fehlende Perspektive ist es auch, die Betreibern von Hotels, Ferienhäusern, Pensionen und Campingplätzen in Deutschland zu schaffen macht – seit dem 2. November befinden sie sich im zweiten Lockdown. Am 14. März 2020 mussten die Unterkünfte zum ersten Mal schließen. Auch Birgit Gosch musste alle Gäste nach Hause schicken. Sie vermietet und vermittelt in Schleswig-Holstein Ferienwohnungen und -häuser. Mit ihrem Business startete sie im Jahr 2004, wuchs stetig und machte sich 2009 selbstständig mit 30 Objekten. Heute haben sie und ihr Lebensgefährte einen Bestand von 200 Objekten sowie drei Mitarbeiter.

An Tag eins des ersten Lockdowns erinnert sie sich noch genau: „Wir waren gerade selbst erst aus einem Urlaub zurückgekommen und erlebten das absolute Chaos.“ Ihr Team sei „bombardiert“ worden mit Anrufen und Mails, Gosch arbeitete bis zu 16 Stunden am Tag an Rückabwicklungen und Umbuchungen. „Die Leute waren panisch – die dachten teilweise, sie könnten nie wieder Urlaub machen.“ Doch schneller als gedacht schien alles vergessen: Mitte Mai 2020 durften die touristischen Unterkünfte wieder Gäste aufnehmen – der Startschuss für den Run auf Urlaub in Deutschland. „Wir waren bis November praktisch ausgebucht“, sagt Gosch. Doch dann wieder: Lockdown. Inzwischen seit fast fünf Monaten. Ohne Aussicht auf ein rasches Ende.

„Das ist eine sehr große Belastung für Agenturen und Vermittlungsportale, aber insbesondere auch für Privatvermieter, die keinerlei Hilfen erhalten“, sagt Michelle Schwefel, Geschäftsstellenleiterin des Deutschen Ferienhausverbands (DFV), dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Denn sie haben kein Gewerbe angemeldet, sondern machen das als Vermögensverwaltung. Sie müssten an ihr Erspartes, an ihre Altersversorgung rangehen und haben gleichzeitig laufende Kosten – denn ein Kredit läuft ja beispielsweise weiter.

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Vorsitzende des Deutschen Ferienhausverbandes schlägt Alarm: „Die Leute verzweifeln.“
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Seit Monaten ruht der Tourismus vielerorts. Vermieter von Ferienhäusern fürchten um ihre Existenzen. Bringt der nächste Bund-Länder-Treff eine Perspektive?  © RND

Natürlich gebe es Vermieter, welche die Vermietung „als Liebhaberei“ betreiben. Doch ein großer Anteil lebe davon, habe sein Ferienhaus als Altersvorsorge angeschafft, weil vielleicht die Rente eher klein ist oder weil es einen bedeutenden Teil zum Familieneinkommen beitragen soll. Inzwischen fürchten 50 Prozent der Befragten, dass sie ihre Existenz aufgeben müssen. „Für diese Menschen wünschen wir uns, dass es endlich wieder losgeht“, so Schwefel.

Reiselust der Deutschen ist groß

Wenn Beherbergungsverbot und Reisewarnungen aufgehoben werden, erwarten die Veranstalter einen echten Run. Wie der aussehen kann, zeigte sich zuletzt am Beispiel Mallorca: Kaum war das Reiseziel von der Liste der Corona-Risikogebiete gefallen, zogen die Flugbuchungen für die Lieblingsinsel der Deutschen deutlich an. Der größte Anbieter Eurowings sprach am Sonntag von Buchungen „in einer bisher nicht gekannten Dynamik“ und legte kurzfristig 300 zusätzliche Flüge für die Osterzeit auf.

Die Sehnsucht der Deutschen nach Reisen ist groß, genau wie der Wunsch der Reiseveranstalter, wieder welche verkaufen zu dürfen. Und am Ende zähle – staatliche Hilfen hin oder her – das Gefühl, etwas bewegen zu können, sagt Ralph Benecke. „Wir wollen wieder das tun, wofür wir alle unseren Job gewählt haben: Menschen wieder mit Reisen glücklich machen können.“

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