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  • Wie geht Corona-Urlaub 2021? Virologe Martin Stürmer im Interview

Virologe Stürmer: „Reisen sind noch vertretbar, Halligalli-Urlaub nicht“

  • Reisen im Sommer 2021 sind möglich, trotz Corona und trotz der ansteckenden Delta-Variante, sagt der Virologe Martin Stürmer.
  • Gleichzeitig warnt er davor, den Urlaub zu locker anzugehen.
  • Im Interview spricht er über die Gefahren des Party­tourismus und erklärt, weshalb er sich beim Blick nach Großbritannien „nur an die Stirn fassen“ kann.
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Die Ferien sind in vielen Bundesländern gestartet und mit ihnen zahlreiche Menschen in den Sommerurlaub. Gleichzeitig breitet sich in vielen Ländern in Europa auch die Delta-Variante des Coronavirus zunehmend aus: In Portugal, Spanien, Griechenland nehmen die Infektionszahlen wieder zu. Ist der Urlaub ein Risiko? Im Interview mit dem Redaktions­Netzwerk Deutschland (RND) erklärt Martin Stürmer, Facharzt für Mikrobiologie und Laborleiter am IMD-Labor für interdisziplinäre Medizin und Diagnostik in Frankfurt, wie sicher Reisen in der aktuellen Situation aus seiner Sicht sind.

Herr Stürmer, fahren Sie diesen Sommer in den Urlaub?

Ja, tatsächlich gönnen wir es uns, als Familie eine Woche nach Mecklenburg-Vorpommern beziehungsweise Hamburg zu reisen und uns dort mit meiner Cousine und ihrer Familie zu treffen.

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Also sind Reisen in diesem Sommer aus Ihrer Sicht vertretbar?

Ja, noch sind Reisen vertretbar. Das hängt aber ganz klar davon ab, wie man den Urlaub verbringt. Jetzt im Kontext der EM sieht man, was man nicht machen sollte: Besonders das intensive Feiern vor und nach dem Spiel ist für das Virus eine hervorragende Quelle, sich zu verbreiten. Wer im Urlaub ähnliche Partys feiert, trägt ein hohes Risiko, sich zu infizieren – egal, wohin er fährt.

Es ist sicher sinnvoller und besser, einen ruhigeren Urlaub zu machen, im kleineren Kreise und durchaus etwas individueller gestaltet. Ich will mich jetzt nicht als großes Vorbild hinstellen: Aber der Urlaub, den wir jetzt geplant haben – ein Ferienhaus mit maximal sechs Personen –, das ist die Dimension, in der man eben deutlich sicherer ist als beim Halligalli-Urlaub.

Im November haben Sie im Interview mit dem RND noch grundsätzlich vom Reisen abgeraten – warum bewerten Sie es jetzt anders?

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Die Situation hat sich geändert. Im November waren wir in einer dicken, fetten Welle. Nicht nur in Deutschland, sondern überall hatten wir viele Neuinfektionen. Im Kontext von Urlaub in den Winterferien und auch noch in den Osterferien waren einfach die Zahlen deutlich höher.

Jetzt bewegen sie sich in vielen Gebieten deutlich nach unten oder sind bereits weit unten. Aber es gibt – und das ist das Problem – auch schon wieder Regionen, in denen die Infektions­zahlen wieder sprunghaft angestiegen sind. Trotz entsprechender Temperaturen, trotz Sommer. Wenn ich mir England und Portugal ansehe oder jetzt aktuell ganz Spanien: Das sind schöne Urlaubs­gegenden, aber dort verbreitet sich das Virus und deshalb würde ich nicht empfehlen, dorthin zu fahren. Ich rate mittlerweile also nicht mehr generell vom Reisen ab. Aber man sollte genau hinschauen, wohin es geht. Und eben nicht unbedingt in ein Gebiet reisen, bei dem absehbar ist, dass es dort über kurz oder lang richtig krachen wird.

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Seit Mittwoch gelten Großbritannien und Portugal nicht mehr als Virus­varianten­gebiete, sondern wurden zu Hochinzidenz­gebieten zurückgestuft. Das lässt viele Urlaubende aufatmen – zu Recht?

Das war natürlich ein politischer Schachzug und hat aus infektiologischen Gesichtspunkten nichts zu sagen. Das Virusvarianten­gebiet wurde ausgeschrieben, als in Deutschland Delta noch marginal war. Zu der Zeit haben wir bei uns von einem Anteil von 2 bis 3 Prozent geredet, während in diesen Ländern Delta bereits die hauptdominante Variante war. Und jetzt hat Deutschland knackig aufgeholt. Zwar sind die absoluten Zahlen immer noch niedrig, aber die Delta-Variante ist auch hier anteilig vergleichbar hoch vertreten. Und deshalb ist es per Definition des Virusvarianten­gebiets auch korrekt, keinen Unterschied mehr zu machen.

Nichtsdesto­trotz sollten wir grundsätzlich aufpassen, dass wir uns aus Hochinzidenz­gebieten keine Infektionen nach Deutschland holen und keine neuen Infektionsherde aufmachen. Und dafür reicht es meiner Meinung nach auch aus, wenn ein Test bei der Einreise und eine fünftägige Quarantäne verlangt werden, die durch einen weiteren Test beendet werden kann. Die 14 Tage Vollquarantäne ohne eine Möglichkeit, vorzeitig zu entkommen, fand ich persönlich auch schon ziemlich hart.

Also müssten die Einreiseregeln in Deutschland mit Blick auf Delta auch nicht weiter verschärft werden?

Nein. Wir müssen aber die Einreiseregeln konsequent umsetzen. Wer in ein Hochrisiko­gebiet reist, darf mit einem negativen Test nach Hause kommen, dann für fünf Tage in die Quarantäne und mit einem weiteren negativen Test die Quarantäne wieder beenden. Auch im Kontext von Delta ist das meiner Meinung nach adäquat.

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Müssen sich Reisende Sorgen machen wegen der Delta-Variante?

Nun, man muss schon aufpassen. Wir reden ja oft über Verzeihlichkeiten: dass man mal die Maske weglässt oder mal Abstände nicht einhalten kann. Aber je aggressiver eine Variante ist und je besser sie sich verbreiten kann, desto gefährlicher werden diese kleinen Nachlässigkeiten. Und Delta verzeiht das noch weniger, als es Alpha getan hat. Vor diesem Hintergrund sollte man sich auch im Urlaub an die gängigen Regeln halten: auf Abstand achten, Maske tragen und wenn es geht, Massenaufläufe im Freien und besonders in Innenräumen vermeiden.

Nachlässigkeiten sind das eine. Viele Länder haben angesichts niedriger Infektions­zahlen und steigender Impfquoten ihre Corona-Regeln zur Urlaubs­saison gelockert. Ist das vielleicht zum Teil auch zu früh passiert?

Das Problem ist immer, dass wir dem Infektions­geschehen hinterherhinken. Bei fallenden Zahlen werden die Regeln gelockert. Aber der negative Effekt, den die Lockerungen nach sich ziehen können, zeigt sich immer erst verzögert.

Natürlich ist es legitim, bei niedrigen Inzidenzen über Lockerungen nachzudenken. Aber das muss eben immer mit Augenmaß geschehen. Und einige Länder haben das Augenmaß verloren. Großbritannien ist das Parade­beispiel: Dass dort jetzt schon über die Abschaffung der Maskenpflicht diskutiert wird, bei der hohen Inzidenz, bei den Anstiegen an Neuinfektionen, bei der rasanten Verbreitung von Delta … Da kann ich mir nur an die Stirn fassen und fragen: Was geht in den Köpfen der Politiker dort vor? Ich kann es nicht nachvollziehen und hoffe, dass viele andere Länder diesen Fehler nicht machen und an ihren Regeln länger festhalten.

Müssen sich vollständig Geimpfte vor der Delta-Variante Sorgen machen oder können diese Menschen entspannter verreisen?

Grundsätzlich gilt: Wer doppelt geimpft ist, hat schon einen sehr guten Schutz gegen alle Varianten. Natürlich haben wir gehört, dass die Schutzwirkung bei der Delta-Variante nicht ganz so ausgeprägt ist. Aber gerade in Bezug auf die schwersten Verläufe, den intensiv­pflichtigen Verläufen, den Todesfällen schützen die Impfstoffe wirklich sehr gut – und das ist erst einmal das wichtigste Kriterium. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass es bei Delta häufiger Impfdurch­brüche geben wird, mit einer milderen Symptomatik. Und die Hoffnung ist, dass Geimpfte das Virus nicht in der Form weitergeben wie Ungeimpfte, weil die Virusmenge und die Zeit, in der sie das Virus ausscheiden, reduziert sind.

Die allermeisten Kinder sind noch nicht geimpft. Gleichzeitig sind sie im Urlaub oft von bestimmten Regeln ausgenommen, etwa von der Test- und Quarantäne­pflicht. Ist das aus virologischer Sicht vertretbar?

Nein. Kinder sind zwar keine Pandemie­treiber und an Schulen und Kindergärten gibt es kein massives Ausbruchs­geschehen. Aber natürlich können sich Kinder trotzdem infizieren und können das Virus auch genauso weitergeben wie Erwachsene – da macht die Delta-Variante keinen Unterschied. Und da diese Variante sich sehr effektiv ausbreiten kann, ist es wahrscheinlich, dass sie es auch bei Kindern kann. Konsequent wäre es daher, die Regeln für alle gelten zu lassen.

Die Wahl des Reiseziels und die Art des Urlaubs hatten Sie schon angesprochen. Welche Vorkehrungen kann jeder Einzelne noch treffen, um auf Reisen möglichst sicher zu sein?

Das Verkehrs­mittel ist noch ein Faktor. Wenn ich etwa bei einer Busreise acht oder zehn Stunden lang eingepfercht bin mit einer suboptimalen Belüftung, wenn Masken nicht getragen werden, dann habe ich ein Problem – und ein höheres Risiko, mich anzustecken. Das eigene Auto ist im Vergleich unbedenklicher, weil ich da mit den Leuten zusammensitze, mit denen ich ohnehin schon Zeit verbringe. Das Flugzeug ist auch immer ein wenig diskutabel. Zwar gilt es als relativ sicher, weil durch die Luftströmung die Aerosole relativ gut und schnell abgezogen werden. Aber klar: Wenn ich eine Langstrecke fliege, gehe ich trotzdem ein gewisses Risiko ein.

Generell ist das beste, was man tun kann: So lange und so viel wie möglich die Maske zu tragen, weil die adäquat vor Aerosolen schützt. Und darüber hinaus Abstände einhalten und Kontakte vermeiden – gerade dann, wenn man solche schwierigeren Ziele ansteuern möchte.

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