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So will Saudi-Arabien zum Traumziel für Millionen Reisende werden

  • Saudi-Arabien hat große Ideen: Das arabische Land will eine Topdestination für Urlaubende aus aller Welt werden.
  • Insbesondere zahlungskräftige Reisende sollen kommen. Dafür investiert die Regierung Milliarden an Petrodollar.
  • Doch wie verlockend ist Urlaub in einem Staat, der Menschenrechte missachtet?
Patrick Hoffmann
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Wie oft er die alten Häuser schon fotografiert hat? Emad Bawakid zuckt bloß mit den Schultern. Tausend Mal vielleicht? Oder zehntausend Mal? „Auf jeden Fall noch nicht oft genug“, sagt der 22-jährige Student und lacht, während er schon das nächste Motiv in den Fokus nimmt. Dass ihm die Gelegenheiten zum Fotografieren hier einmal ausgehen werden, glaubt er nicht. „Ein Spaziergang durch dieses Viertel“, sagt Bawakid, „ist wie ein Spaziergang durch die Geschichte.“

Gemeint ist das Viertel Al Balad, der historische Stadtkern von Dschidda. Jeden Samstag treffen sich Bawakid und die anderen von den „Raw Shooters“, einer Gruppe junger Hobbyfotografen, hier zu einer gemeinsamen Fototour. Immer unter einem anderen Motto, und immer starten sie vor dem Nassif-Haus, in dem 1933 Abdulaziz Ibn Saud, der Staatsgründer Saudi-Arabiens, den ersten Vertrag mit der US-amerikanischen Firma Standard Oil unterzeichnete. Es war der Beginn eines neuen Zeitalters, der Übergang in die Moderne.

Millionen Reisende in Zukunft erwartet – seit 2014 ist Al Balad offiziell die Unesco-Weltkulturerbe

In Al Balad aber scheint die Zeit seither stehen geblieben zu sein. Einst lebten hier die Familien reicher Händler aus aller Welt, die mit dem Schiff nach Dschidda gekommen waren. Sie schufen eine architektonische Schönheit, mit den meist drei- bis sechsstöckigen Wohnhäusern aus Korallenstein und den aufwendig verzierten Fenstererkern aus Holz, den sogenannten Roshan. Später, als die Wohlhabenden längst in die Neubausiedlungen gezogen waren, prägten vor allem ärmere Immigranten aus Ägypten, Somalia und anderen muslimischen Staaten das Viertel. Die historische Altstadt zerfiel, Hunderte Häuser brannten ab oder stürzten ein. „Ein Jammer“, sagt Bawakid, „aber zum Glück achten wir mittlerweile wieder besser auf das alte Viertel.“

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Seit die Unesco Al Balad 2014 offiziell zum Weltkulturerbe ernannt hat, hat sich auch das öffentliche Bewusstsein verändert. Heute stehen zwar nur noch rund 280 Altbauten hier, die aber werden mit staatlicher Unterstützung umfassend restauriert. Damit nach den Händlern und den Immigranten nun die Nächsten das Viertel erobern können: Touristinnen und Touristen aus aller Welt.

Zu Millionen sollen sie in Zukunft kommen, vor allem aus Asien und Europa, aber auch aus dem eigenen Land. So sieht es der ambitionierte Plan von Mohamed Bin Salman vor. Der 35 Jahre alte Kronprinz und De-facto-Herrscher von Saudi-Arabien hat den Tourismus in den Mittelpunkt seiner „Vision 2030“ gestellt, einer Agenda, mit der er das Land politisch öffnen und wirtschaftlich unabhängiger von Ölexporten machen will.

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Geschäfte, die Datteln zuhauf anbieten, findet man in Al Balad auch. © Quelle: Patrick Hoffmann

Einreise in Saudi-Arabien für Nichtmuslime seit 2019 mit Visa möglich

Vor allem die junge, häufig im Ausland ausgebildete Generation unterstützt diesen Kurs. Sie sehnt sich nach mehr Freiheiten und danach, mit Europäern in Kontakt zu treten. „Wir haben uns viel zu lange vom Rest der Welt isoliert“, sagt Bawakid. Jahrzehntelang war es Nichtmuslimen verboten gewesen, ins wahhabitische Königreich mit seinen rund 34 Millionen Bewohnern einzureisen. Entsprechend groß war das weltweite Erstaunen, als Saudi-Arabien im Herbst 2019 verkündete, fortan Visa an Touristen auszustellen. Rund 400. 000 nicht muslimische Reisende hätten die Gelegenheit bis zum Frühjahr 2020 genutzt, berichtet die saudische Tourismusbehörde. Dann kam Corona.

Die großen Ziele aber bleiben von der Pandemie unberührt. Bis zum Jahr 2030 soll die Zahl der jährlichen Touristen, bei denen es sich bislang fast ausschließlich um muslimische Pilger auf dem Weg nach Mekka oder Medina gehandelt hat, von rund 40 Millionen (2019) auf sagenhafte 100 Millionen anwachsen. 1,6 Millionen neue Jobs will der Kronprinz auf diese Weise schaffen und der jungen Bevölkerung, die derzeit besonders unter der steigenden Arbeitslosigkeit leidet, somit eine Perspektive bieten.

Saudi-Arabien investiert in neue Badeorte, Hotels und Reiseführer

Dafür nimmt die Herrscherfamilie der Saud zig Milliarden Petrodollar in die Hand, hübscht die jahrzehntelang vernachlässigten historischen Stätten auf, baut Flughäfen und gigantische neue Badeorte am Roten Meer wie das sogenannte Red Sea Project mit 50 Hotels auf 90 Inseln oder Amalaa, das nach den Plänen des Königshauses einmal eine der luxuriösesten Urlaubsdestinationen der Welt werden soll. Allein in den kommenden drei Jahren werden in Saudi-Arabien mehr als 150.000 neue Hotelzimmer entstehen, fast ausschließlich in Vier- und Fünf-Sterne-Häusern.

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Doch das Land investiert nicht nur in Beton, sondern auch in Köpfe, bildet zum Beispiel Reiseführer aus. Davon gibt es bislang nämlich nur sehr wenige. „Ist doch klar“, sagt Abrar Bashowair und lacht. „Denn bislang ist ja auch kaum ein Tourist durch Saudi-Arabien gereist.“ Nicht mal die Einheimischen. Die seien lieber ins Ausland geflogen, vor allem in die Vereinigten Arabischen Emirate oder nach Europa. Daran wollte ursprünglich auch Bashowair mitverdienen. Die 37-jährige Geschäftsfrau aus Dschidda plante, sich mit einer Agentur für Luxusreisen nach Europa selbstständig zu machen. Dann aber hörte sie von der „Vision 2030“ und von der Gelegenheit, etwas im eigenen Land mit aufzubauen. „Das fand ich inspirierend“, sagt sie.

Bashowair begann, sich intensiver mit ihrem eigenen Land auseinanderzusetzen. Sie unternahm eine zweiwöchige Rundreise zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des 2 .150. 000 Quadratkilometer großen Landes. Zum Vergleich: Deutschlands Fläche beträgt knapp 360.000 Quadratkilometer. Sie reiste zu der Ausgrabungsstätte At Turaif, dem Geburtsort des ersten saudischen Staates, zu den Felsengräbern der antiken Stadt Hegra, die aus dem ersten Jahrhundert vor Christus stammen und an die berühmte Schwesterstadt Petra erinnern. Und zur spektakulären Felswand Tuwaiq, die sich über 600 Kilometer durch Saudi-Arabien zieht und die von den Einheimischen ehrfurchtsvoll als „Rand der Welt“ bezeichnet wird. „Ich bin überwältigt gewesen von der Schönheit meines eigenen Heimatlandes“, sagt Bashowair.

At Turaif, nahe Riad gelegen, ist der Heimatort der Königsfamilie Al Saud und Geburtsort des ersten Saudi-Staats. Nach der zwischenzeitlichen Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1818 überließ man den historischen Stadtkern mit den vielen Lehmziegelgebäuden und den schmalen Gassen seinem Schicksal. 2010 erklärte die Unesco die Ruinen zum Weltkulturerbe, seitdem werden sie zu einem riesigen Freiluftmuseum umgebaut. © Quelle: DDB

Trotz Corona-Krise: Hotels im Jahr 2020 zu 50 Prozent ausgelastet

Seit zwei Jahren bietet sie nun Touren durch Saudi-Arabien an. Bashowair hat dafür extra ein kleines Büro bezogen, in Al Balad, wo sie auch ein Restaurant mit traditioneller saudischer Küche betreibt. Einige Abenteuertouristen seien bereits da gewesen, aus Spanien, Italien, Kanada, Deutschland und der Schweiz. Doch Corona hat auch Bashowair vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ohne ihren eigentlichen Job bei einem der größten Pharmakonzerne der Welt, sagt sie, hätte sie es wohl nicht über die Runden geschafft.

Immerhin: Die steigende Binnennachfrage hat ihr und der gesamten jungen Reisebranche des Landes etwas Hoffnung gegeben. „Unsere Regierung hat im vergangenen Sommer eine Kampagne gestartet und die Menschen ermutigt, Urlaub im eigenen Land zu machen“, erzählt Bashowair. Rund acht Millionen Saudis folgten dem Aufruf. Die Hotels meldeten trotz Corona-Krise im vergangenen Jahr eine Auslastung von 50 Prozent. „Die Pandemie hatte bei all den Nachteilen also auch etwas Gutes: Wir haben die Zeit genutzt, stärker auf die Bedürfnisse von Reisenden einzugehen.“ Nun, sagt die selbstbewusste Geschäftsfrau, seien sie bereit für die Gäste aus dem Ausland.

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Urlaub in Saudi-Arabien für Touristinnen und Touristen gleichermaßen möglich?

Aber gilt das wirklich für alle im Land? Saudi-Arabien hat einen rasanten, von oben verordneten Wandel durchlebt. Frauen müssen nun weder Abaya, ein langes Überkleid, noch Kopftuch tragen, sie dürfen Auto fahren oder sich allein ein Hotelzimmer buchen. Die Geschlechtertrennung in Cafés und Restaurants ist aufgehoben. Auch Kinos haben eröffnet. Und die gefürchtete Sittenpolizei, die die Einhaltung der Kleider- und Verhaltensregeln in der Öffentlichkeit streng kontrolliert und Frauen schon bei kleinsten Vergehen bestraft hat, ist auch von den Straßen verschwunden. Einigen, vor allem den Konservativen, gehen die Veränderungen jedoch jetzt schon etwas zu schnell und zu weit. Wird der Umgang mit den Touristen am Ende gar zu einer Zerreißprobe für die saudische Gesellschaft? Abrar Bashowair wischt derartige Bedenken umgehend beiseite. „Wir sind herzliche und gastfreundliche Menschen“, sagt sie. „Wir werden jeden mit offenen Armen empfangen und ihm oder ihr eine schöne Zeit garantieren.“

Touristinnen und Touristen wiederum werden vor der Frage stehen, wie sie es denn nun halten mit den Menschenrechten. Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen bewerten die Lage im Land trotz aller Fortschritte weiterhin sehr kritisch. Sie machen immer wieder auf gravierende Missstände aufmerksam, auf die fehlende Meinungsfreiheit zum Beispiel. Etliche Oppositionelle sind in den vergangenen Jahren verfolgt und eingesperrt oder – wie im weltweit beachteten Fall des Journalisten Jamal Khashoggi – sogar ermordet worden. Auch Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen, landen regelmäßig hinter Gittern.

Darüber hinaus schränken zahlreiche Verhaltensregeln noch immer das öffentliche Leben ein – und müssen selbstverständlich auch von Touristen eingehalten werden. Profane Sprache und lautes Verhalten etwa gelten als „respektlos“, wie es in den Reisehinweisen heißt, die die staatliche Tourismusbehörde in mehreren Sprachen auf ihrer Internetseite zum Download bereitstellt. Auch das öffentliche Zurschaustellen von Zuneigung, das Musikhören während der Gebetszeiten oder das Tragen von kurzen Hosen beziehungsweise hautengen oder schulterfreien Kleidungsstücken sind unerwünscht. Selbst Fluchen und Vordrängeln können bestraft werden. Bei Missachtung droht ein Bußgeld von bis zu 1500 Euro.

Leben spielt sich im Privaten ab – Fotos im Beachclub nicht erlaubt

Kein Wunder also, dass sich das Leben vieler Saudis vor allem im Privaten abspielt. Hier nehmen sie es dann auch nicht ganz so genau mit den vielen Regeln, wie der Besuch des Indigo zeigt, eines Beachclubs am Stadtrand von Dschidda. Wer sich hier vergnügen möchte, muss jedoch nicht nur über das nötige Kleingeld verfügen. Er oder sie muss sich auch am Eingang vorübergehend vom Smartphone trennen. „No photo“, sagt der Wächter bloß zum verdutzen Touristen, ­während er die Kameralinsen mit einem leuchtend grünen Klebestreifen abdeckt. Und damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen, wiederholt die freundliche Dame am Empfang die Botschaft gleich noch einmal: „Herzlich willkommen im Indigo. Und bitte: keine Fotos.“

Der ausdrückliche Wunsch, die Privatsphäre zu respektieren, hat gute Gründe. Geschützt hinter drei Meter hohen Betonmauern genießen die überwiegend jungen Gäste im Indigo ein Leben in Freiheit. Vorn am Strand liegen drei Frauen im Bikini und flirten mit zwei jungen Männern, die im türkisfarbenen Meer posen. Kellnerinnen in Shorts und ohne Kopftuch servieren kühle Getränke – selbstverständlich ohne Alkohol – und Salate für umgerechnet 20 Euro. Ein Pärchen vergnügt sich derweil in einem der vielen Pools auf dem verwinkelten, im balinesischen Stil gebauten Resort. Und an den Wochenenden, verrät einer der Angestellten, gehe in den privaten Chalets regelmäßig bis in die frühen Morgenstunden die Post ab.

Saudi-Arabien: Luxusziel für reiche Europäer und Europäerinnen, so wie Dubai?

Das alles erinnert an das benachbarte Emirat Dubai. Auch dort gelten offiziell strenge islamische Regeln und Gesetze. Auch die Menschenrechtslage dort wird von Amnesty International und anderen Organisationen regelmäßig kritisiert. Dennoch hat es das kleine Emirat, das ebenfalls durch Erdöl zu großem Reichtum gekommen ist, geschafft, sich als Glitzer- und Glamourmetropole mit Ganzjahressonnengarantie auf der Weltbühne zu etablieren. Kann Saudi-Arabien diesem Vorbild folgen – oder den kleinen Nachbarn auf der arabischen Halbinsel gar überflügeln?

Darüber sind sich die Experten bislang noch uneinig. Ben Cordwell, Reiseanalyst des renommierten britischen Beratungsunternehmens Global Data, glaubt, dass sich Saudi-Arabien mit dem Red Sea Project und anderen Vorhaben am Roten Meer zumindest als Luxusreiseziel für eine zahlungskräftige Klientel aus Asien und Europa eta­blieren könnte. Auch die Hauptstadt Riad, so Cordwell, habe das Potenzial, „als Premiumreiseziel mit Dubai zu konkurrieren“. Das gesteckte Ziel, bis 2030 jährlich 100 Millionen Touristen ins Land zu holen und damit eine der Topdestinationen weltweit zu werden, hält der Reiseexperte hingegen für unrealistisch.

„Unsere Ziele sind in der Tat ambitioniert“, sagt Saudi-Arabiens Tourismusminister Ahmed Al-Khateeb, „allerdings haben wir auch alles, was wir benötigen, um diese Ziele zu erreichen: ein großes Land, eine abwechslungsreiche Natur, eine starke Kultur und tolle Menschen. Ich sehe keinen Grund, warum wir unsere Ziele nicht erreichen sollten.“

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