• Startseite
  • Reise
  • Urlaub in Corona-Zeiten: Wie reisen Touristen rund um die Welt?

Urlaub in Corona-Zeiten: Wie reisen Touristen rund um die Welt?

  • Reisen im eigenen Land ist in der Corona-Krise zum Sommerhit in Deutschland geworden.
  • Wie sieht es in anderen Ländern aus?
  • Unsere Korrespondenten berichten aus China, Australien, Schweden und Südkorea.
Fabian Kretschmer
|
Anzeige
Anzeige

Viele Grenzen sind zu, und wo Urlaub erlaubt ist, gelten strenge Hygiene- und Abstandsregeln. Bei den Deutschen führt das in Teilen zu Urlaubsunlust. Einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung zufolge machen 29 Prozent der Befragten in diesem Jahr keinen Urlaub mehr. Nur noch 17 Prozent der Befragten würde im europäischen Ausland Urlaub machen.

Wie sieht es in anderen Ländern rund um die Welt aus? Unsere Korrespondenten berichten aus China, Australien, Schweden und Südkorea.

Die Chinesen reisen wieder

Wer die Wartehalle des Pekinger Südbahnhofs betritt, kommt nicht umhin zu staunen: Dem riesigen Glas- und Stahlbau, der eine Fläche von mehr als 40 Fußballfeldern einnimmt, sind knapp zwei Dutzend Zugplattformen angeschlossen. Und trotz Corona herrscht dort geschäftiges Treiben. Der Expresszug nach Shanghai, der für die 1200 Kilometer nur viereinhalb Stunden braucht, ist ausgebucht. Nur die Masken der Reisenden erinnern hier noch an die Pandemie.

Die 1,4 Milliarden Einwohner der Volksrepublik sind bis auf einige wenige lokale Cluster de facto virusfrei. Mittlerweile fühlen sich die Chinesen sicher genug, um wieder im Land herumzureisen.

Anzeige

Das war noch vor wenigen Wochen anders. Eine Mischung aus Disziplin und Misstrauen gegenüber den offiziellen Statistiken der Regierung hatte das Gros der Bevölkerung dazu bewogen, noch lange nach Ende des Lockdowns möglichst viel Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Jeder Gang ins Freie war wohlkalkuliert und auf Supermarktbesuche beschränkt. “Meinen Familienbesuch habe ich bis auf Weiteres abgesagt” war einer jener Standardsätze, die man in Peking fast täglich vernahm.

Zurück im Reisefieber: Die Chinesen entdecken die Volksrepublik neu. © Quelle: Getty Images
Anzeige

Nun jedoch holen die Chinesen in Massen nach: Bereits Ende Juli hat der heimische Flugsektor rund 80 Prozent des Vorkrisenniveaus erreicht, Tendenz weiter steigend. Damit ist dieser Markt auch ein Hoffnungsschimmer für die global brachliegende Branche. Mit aggressiven Rabatten versuchen Fluglinien, den Chinesen das Fliegen wieder schmackhaft zu machen. China Southern Airlines etwa hat einen “All you can fly”-Deal angeboten, der Kunden für 500 Euro beliebig viele Inlandsflüge bis zum Jahresende gewährt.

In Shanghais historischem Viertel tummeln sich wieder Tausende junge Pärchen aus dem ganzen Land, um ihre wenigen Ferientage mit Sightseeing zu genießen. In Beidaihe, einem Küstenort zwei Stunden östlich von Peking, sind die kilometerlangen Sandstrände proppevoll.

Allerdings bleibt ein Wermutstropfen: Die internationalen Sehnsuchtsorte der Oberschicht sind nach wie vor unerreichbar. Chinas Grenzen bleiben bis auf wenige Ausnahmen geschlossen. Doch derzeit möchten die meisten Chinesen angesichts der dort wieder steigenden Infektionszahlen ohnehin nicht nach Europa.

Fabian Kretschmer, Shanghai

Anzeige

Australier entdecken Natur im eigenen Land

Mit 7,69 Millionen Qua­dratkilometern ist Australien rund 21-mal größer als Deutschland. Die 25 Millionen “Aussies” haben also mehr als ausreichend Platz. Das hilft. “Ich habe sehr unter Angstgefühlen wegen der Corona-Beschränkungen gelitten”, sagt etwa Cora Zillich, die in der Nähe von Melbourne lebt. “Die Natur und Weite hier waren und sind wie Medizin für mich.”

Mehr als 7000 Strände und fast 700 Nationalparks machen das Land zu einem Outdoorspielplatz. Ihre städtischen Sandflecken lieben die Australier dabei so sehr, dass Sydney sogar Bondi Beach vorübergehend schließen musste. Zu viele Besucher zog es hierhin.

Vor Kurzem berichtete die Tageszeitung “Sydney Morning Herald”, dass im Bundesstaat New South Wales, in dem auch Sydney liegt, die Nationalparks so begehrt sind wie nie zuvor. “Die Menschen sehnen sich nach Natur, um die schlechte Laune zu vertreiben, die die Corona-Einschränkungen verbreiten”, hieß es in dem Artikel. So gingen mehr als doppelt so viele auf einem Wanderweg, der am Hafen Sydneys entlangführt, als noch im Jahr zuvor: Mehr als 100.000 Menschen spazierten dort zwischen März und Juni entlang. Umweltminister Matt Kean hält den Besucherandrang für den Beweis, dass die Natur “gut für die Seele ist”. Australien hat mit strengen Maßnahmen auf Covid-19 reagiert – die meisten internen Grenzen sind wie die Außengrenzen des Landes noch geschlossen.

Anzeige
Wanderer im Kosciuszko National Park in New South Wales. © Quelle: picture alliance / Bildagentur-o

Sydneys Opernhaus und andere Sehenswürdigkeiten wirken ohne ausländische Touristen seit Monaten verwaist. Die Australier frönen allen möglichen Outdooraktivitäten. Neben Wandern steht auch Skifahren hoch im Kurs, schließlich ist auf der Südhalbkugel gerade Winter. Die Website des Skiresorts in Thredbo brach Mitte Juni zusammen, als 25.000 Menschen zur selben Zeit versuchten, Skipässe zu buchen.

Im Lockdown fanden und finden die “Aussies” aber auch Spaß im eigenen Garten. So meldeten sich Tausende bei der Facebook-Gruppe Backyard Campsite an und posteten Bilder ihres Urlaubs daheim. “Unser jährlicher Campingtrip fand im Garten statt”, schrieb Gitta Johnston, die mit ihrem Mann und vier Kindern in Sydney lebt. “So konnte unser Hund auch mitkommen, worüber er und auch die Kinder sich sehr gefreut haben.”

Barbara Barkhausen, Sydney

Schweden machen Ferien im eigenen Sommerhaus

Taxifahrer Mohammed stöhnt auf dem Weg zum Flugplatz Arlanda weit außerhalb von Stockholm. “Im letzten Sommer habe ich von frühmorgens bis abends Leute zum Flugplatz gebracht. Jetzt sind es ein bis zwei Fuhren am Tag”, sagt er. Seine Taxifirma hat sich ausgerechnet auf Flugplatzfahrten spezialisiert. Doch die Schweden bleiben in diesem Sommer in Schweden.

Das skandinavische Land hatte eine besonders lockere Corona-Politik ohne Lockdown oder Masken. Weil es erst spät mit Corona-Massentests begann, stieg die Neuinfektionsrate zum Beginn des Sommers deutlich an. Viele Länder, auch Deutschland, führten eine 14-tägige Quarantänepflicht oder gar ein Einreiseverbot – Dänemark und Norwegen etwa – für Schweden ein.

Der Schweden liebstes Sommerziel: das eigene Haus am Wasser. © Quelle: imago/Panthermedia

Mit der Unsicherheit, ob man im Ausland überhaupt willkommen ist, und mit der viel größeren Bewegungsfreiheit in der Heimat, ist es kein Wunder, dass 60 Prozent der Schweden laut Umfragen zu Hause bleiben. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es sogar 70 Prozent.

Dabei reisen die Schweden gern in die Ferne. Doch nun hat sich statt “Semester”, was Urlaub bedeutet, das neue Wort “Heme­stra” (Heimurlaub) etabliert. “Es ist beeindruckend, dass so viele nicht ins Ausland reisen”, sagt Catharina Åbjörnsson Lindgren von der Landeshypothekenbank, die eine der Studien in Auftrag gegeben hat. “In einem normalen Jahr wäre fast jeder Zweite weit weg.”

Glücklicherweise haben viele schwedische Familien aller sozialer Schichten ihre “Sommarstuga”, ihr oft weinrot mit weißen Leisten und Türrahmen bemaltes Sommerhäuschen, irgendwo auf dem Land. Dort wird nun neben dem Mittsommerfest auch der Großteil des Sommers verbracht. Viele haben eine Sauna und Badestege, grillen jeden Tag, machen Ausflüge mit dem eigenen Boot. Und: Daheim wird mehr gewerkelt. Die Schweden renovieren das Haus und pflegen ihre Gärten.

Aus Schweden, dem umweltbewussten “Greta-Thunberg-Land”, stammt das Wort “Flugscham”. Zusammen mit Corona hat das auch für die Airlines wie SAS und Norwegian zu großen finanziellen Krisen geführt. Und wer weiß, vielleicht kommen die Schweden ja auf den Geschmack, daheim zu bleiben, wenn sie merken, wie schön es auch in Schweden ist, spekuliert Åbjörnsson Lindgren. Viele deutsche Urlauber wissen das ja bereits.

André Anwar, Stockholm

Südkoreaner in der zweiten Welle – ausgerechnet zur Hauptreisezeit

Der südkoreanische Normalzustand hatte im Vergleich zu vielen anderen Ländern der Welt seinen Namen auch verdient: In Seoul haben die Leute wieder Grillrestaurants und Fitnessstudios besucht, Karaokeläden und Nachtclubs waren wieder offen. Das Virus schien bereits einer weit entfernten Vergangenheit anzugehören.

Video
Neue Regeln für Corona-Urlauber
2:09 min
Bund und Länder erhöhen angesichts steigender Coronavirus-Infektionen den Druck auf Urlauber.  © Reuters

Seit Mitte August jedoch steckt das Land inmitten einer zweiten Corona-Welle. Fast 400 Neuinfektionen vermeldeten die Gesundheitsbehörden am Sonntag, den höchsten Wert seit mehr als fünf Monaten. Ausgerechnet zum Sommerurlaub hat die Regierung daher die Maßnahmen wieder verschärft: In Seoul wurde jüngst eine generelle Maskenpflicht für den öffentlichen Raum eingeführt. Die Hauptstadtbewohner dürfen ihren Mundschutz nur noch abnehmen, wenn sie essen oder trinken.

Natürlich schlägt sich das auch auf die Reisefreudigkeit nieder. Südkorea ist eine zutiefst konfuzianisch geprägte Gesellschaft, die das Allgemeinwohl über die Entfaltung des Individuums stellt. So übt sich ein Großteil der Bevölkerung in beeindruckender Selbstdisziplin. Viele sagten ih­re geplanten Urlaubstrips kurzfristig und ohne Murren ab.

Nicht ohne Maske: Das Virus hat Südkorea wieder fest im Griff. © Quelle: AP

Zunehmend ziehen sich die Koreaner also wieder in die eigenen vier Wände zurück. Vor allem für die Wohlhabenden bedeuten die jetzigen Einschränkungen kein allzu großes Opfer – sie leben in modernen Apartmentwohnungen mit erstaunlichem Komfort. Ein erheblicher Teil der Bewohner Seouls zählt allerdings zu den Krisenverlierern: Sie hausen in engen, veralteten Wohnungen, wie es sie in Deutschland seit den Siebzigerjahren kaum noch gibt.

Ein Reiseziel steht jedoch der gesamten Gesellschaft offen: die Ostküste des Landes, welche mit Kieferbäumen, Sandstränden und malerischen Berglandschaften für vielfältige Erholung sorgt. An den Stränden zelten junge Millennials und genießen den Surfurlaub.

In riesigen Resortanlagen buchen sich ganze Familien für einen Wochenendausflug ein. Wer es ursprünglicher und günstiger mag, der übernachtet in den kleinen Gasthäusern – sie sind meist von älteren Ehepaaren geführt und bieten einen Hauch Familienleben.

Fabian Kretschmer, Seoul

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen