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Urlaub im Hochwassergebiet: Ist das aktuell vertretbar?

  • Die Folgen von Unwetter und Starkregen durch das Tief „Bernd“ sind verheerend. Dennoch wirbt das Berchtesgadener Land in Bayern um Touristen.
  • Aber ist es ethisch vertretbar, dort Urlaub zu machen?
  • Ja, unter bestimmten Bedingungen, sagen zwei Philosophen.
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In Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz haben Starkregen sowie Gewitter für Hochwasser und große Überschwemmungen gesorgt. Zahlreiche Menschen wurden getötet, Häuser stürzten ein, die Wassermassen hinterließen schwere Schäden an Straßen und Bahngleisen. Auch im Berchtesgadener Land in Bayern kam es zu Hochwasser mit verheerenden Folgen. Dennoch hofft die Katastrophenregion auf Urlaubende in den Sommerferien. „Sie können anreisen!“, schreibt der Zweckverband Bergerlebnis Berchtesgaden auf seiner Internetseite. Aber ist es wirklich ethisch vertretbar in ein Hochwassergebiet zu reisen? Oder an einen Ort, der in der unmittelbaren Nähe der Gebiete liegt, wie beispielsweise Dortmund, Krefeld, Mönchengladbach, Bonn oder Koblenz?

Laut Harald Friedl, Philosoph und Lehrender für angewandte Tourismuswissenschaften, zeichnen sich ethische Fragen dadurch aus, dass man eben keine Pauschalurteile fällen kann, sondern dass man immer die konkrete Situation und Umstände betrachten muss. „Es ist ein Abwägen von für und wider. Man muss schauen: Was gibt es für Risiken? Was gibt es für möglich Gefahren oder unerwünschte Folgen?“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) im Interview.

Urlaubsreisen in ein Hochwassergebiet: Eine Besuchersteuerung sei nötig

„Ich denke, dass wir nicht davon ausgehen sollten, dass einige nichts Besseres zu tun haben, als in Hochwassergebiete zu reisen um zu gaffen“, so der Professor an der FH Joanneum Universitiy of Applied Sciences in Bad Gleichenberg, Österreich. Dennoch sei es grundsätzlich denkbar, dass es auch Katastrophentouristen in die betroffenen Gebiete ziehe. In Regionen, die ganz wesentlich vom Tourismus leben, müssten sich die Behörden deshalb etwas überlegen, um Gaffer zurückzuhalten. Beispielsweise Besuchersteuerungsmaßnahmen vornehmen oder sogar ein Zugangsverbot aussprechen, legt Friedl nahe.

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Hinzu komme noch ein zweiter wesentlicher Faktor. „Durch Corona sind touristische Betriebe bereits massiv wirtschaftlich betroffen. Das heißt, für viele Betreiber geht es allein deshalb schon um ihre Existenz“, so Friedl. Auch das müsse berücksichtigt werden.

Urlaub ist möglich, Betroffene dürfen aber nicht behelligt werden

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Wenn Menschen also tatsächlich nur in Urlaubsregionen wie das Berchtesgardener Land kommen, um sich beliebte Ausflugsziele anzusehen, und gleichzeitig von der Flut schwer getroffene Regionen durch Steuerungsmaßnahmen geschützt werden, dann gehe der Effekt letztlich sogar in eine gemeinsame Richtung: „Nämlich dahin, dass die dringend nötigen Ressourcen durch Geldmittel eingenommen werden“, sagt der Tourismuswissenschaftler. „Dabei geht es grundsätzlich darum, welche Signale man schickt.“

Also immer wenn es darum gehe, die Tourismuswirtschaft für die Zeit nach der Katastrophe weiter aufzubauen und dabei unmittelbar Betroffenen nicht behelligt werden, sei Urlaub in einem Hochwassergebiet oder nahe eines solchen Ortes möglich.

Ähnlich sieht das auch der Philosoph Nikil Mukerji, der an der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet. „Schon die räumliche Nähe zu einem Katastrophengebiet wird oft als problematisch angesehen, wenn dort Leute leiden“, sagt er.

Diese ethische Einstellung sei in unseren moralischen Intuitionen tief verwurzelt, könne aber kritisch hinterfragt werden. Denn wenn ein Urlaub nahe einem Katastrophengebiet niemandem schadet und nicht riskant ist, warum solle er dann moralisch verboten sein? „Wenn man sich also anständig verhält, sich selbst und Andere nicht in Gefahr bringt und niemandem im Weg steht, dann ist Urlaub nahe eines Katastrophengebiets nicht verwerflich“, so Mukerji. Das sei dann so wie ein Urlaub 1000 Kilometer entfernt.

„Wenn man sich also anständig verhält, sich selbst nicht in Gefahr bringt und niemandem im Weg steht, dann ist Urlaub nahe eines Hochwassergebiets nicht verwerflich“, so Mukerji. Das sei dann so, wie ein Urlaub 1000 Kilometer entfernt.

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Tourismus funktioniert am besten in Form einer Austauschbeziehung

„Wer allerdings Selfies in solchen Gebieten macht, sollte zurückgewiesen und im schlimmsten Fall abgestraft werden“, sagt Friedl. „Ich denke, wenn Touristen sich nicht an Regeln halten, dann sollte das sanktioniert werden. Denn auch das ist ein Steuerungsinstrument. Und wir sind schon lange über das Prinzip hinaus, dass der Gast König ist und er sich alles erlauben kann.“

Vielmehr gehe es beim Reisen um eine faire Austauschbeziehung. Denn ein wesentlicher Zweck von Tourismus sei bereits seit dem 19. Jahrhundert, dass die Reichen – damals vor allem aus den Städten – in unterentwickelte Orte reisen, wo ein großer Bedarf an wirtschaftlichen Impulsen besteht, damit es zu einer Austauschbeziehung kommt. Dadurch bekämen die einen, was sie in der Stadt nicht bekommen – beispielsweise Ruhe und Idylle – und die anderen einen wirtschaftlichen Aufschwung. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigten sogar, dass Touristinnen und Touristen nicht nur ärmere Regionen wirtschaftlich unterstützen, sondern im günstigsten Fall sogar mit Projekten wieder dorthin zurückkehren.

Wenn Sie den betroffenen Flutopfern mit Geld oder Sachspenden helfen wollen, finden Sie hier alle wichtigen Informationen dazu.

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