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  • Türkei-Urlaub trotz Corona: Totaler Lockdown soll Tourismus retten

Harter Lockdown in der Türkei soll Tourismus retten

  • Wegen hoher Corona-Zahlen ist die Türkei bis zum 17. Mai im harten Lockdown. Es gelten die strengsten Kontaktbeschränkungen seit Beginn der Pandemie.
  • In der türkischen Tourismusindustrie hofft man inständig, dass die Notbremse greift.
  • Denn laut dem Kultur- und Tourismusminister soll Anfang Juni die Tourismussaison eröffnet werden.
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Mit strikten Ausgangssperren, geschlossenen Schulen, Geschäften und Betrieben versucht der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan die explosionsartige Ausbreitung des Coronavirus in den Griff zu bekommen. In der türkischen Tourismusindustrie hofft man inständig, dass die Notbremse greift.

Es ist eine lange Durststrecke, und das für manche ganz wörtlich: Bis zum 17. Mai ist die Türkei im harten Lockdown. Es gelten die strengsten Kontaktbeschränkungen seit Beginn der Pandemie: Nur für die nötigsten Lebensmitteleinkäufe oder Arztbesuche dürfen die Menschen ihre Wohnungen verlassen. Zu den Maßnahmen, die Staatschef Erdogan am vergangenen Donnerstag per Dekret in Kraft setzte, gehört auch ein landesweites Alkoholverbot.

Beginn der Tourismussaison am 1. Juni – Türkei will 30 Millionen Gäste begrüßen

Die staatlich verordnete Abstinenz soll sich lohnen. „Am 1. Juni werden wir die Tourismussaison eröffnen“, verkündet Kultur- und Tourismusminister Mehmet Ersoy. Bis dahin soll der Lockdown die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen von aktuell rund 25.000 unter 5000 drücken. Wenn das gelingt, könnten die türkischen Hoteliers in diesem Jahr 30 Millionen Gäste begrüßen, glaubt Minister Ersoy. Das wären immerhin doppelt so viele wie im bisher schlimmsten Corona-Krisenjahr 2020.

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Noch verlieren sich allerdings wenige Urlauber an den Stränden der türkischen Riviera und der Ägäisküste. In der Touristenhochburg Antalya haben viele Hotels noch gar nicht geöffnet und andere schon wieder geschlossen, weil die erwarteten Gäste ausblieben. Nachdem die Zahl der ausländischen Urlauber im vergangenen Jahr um 72 Prozent zurückging, setzt sich die Talfahrt nun fort: In den ersten drei Monaten 2021 kamen nach Angaben des staatlichen Statistikamtes Türkstat 54 Prozent weniger Gäste. Im April dürfte sich der Abwärtstrend eher noch verstärkt haben.

Ein Mann mit einem Besen geht einen leeren Strand in Antalya entlang. In der Touristenhochburg haben viele Hotels noch gar nicht geöffnet und andere schon wieder geschlossen (Archivbild). © Quelle: Marius Becker/dpa
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Erste Lockerungen schon im März – Infektionszahlen binnen weniger Wochen versechsfacht

Der Grund sind die Infektionszahlen. Um den Tourismus frühzeitig anzukurbeln, hatte Staatschef Erdogan die meisten Corona-Restriktionen Anfang März gelockert. Aber die Rechnung ging nicht auf. Binnen weniger Wochen versechsfachte sich die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen. Die Sieben-Tage-Inzidenz überstieg am 21. April erstmals seit Beginn der Pandemie den Wert von 500. In der 16-Millionen-Stadt Istanbul erreichte sie sogar fast 900. Aktuell liegt der Wert im Landesdurchschnitt bei 276.

Für die Tourismuswirtschaft war der explosionsartige Anstieg im März und April ein schwerer Rückschlag. Russland, das noch vor Deutschland die meisten Türkei-Urlauber stellt, stornierte auf Weisung der Regierung in Moskau wegen der hohen Infektionszahlen alle Flüge in die Türkei. Infolge des Flugstopps hat die Türkei bereits rund 500.000 Besucher verloren, rechnet Tourismusminister Ersoy vor. Das Flugverbot gilt vorerst bis 1. Juni, wird aber möglicherweise verlängert. Einen Hinweis darauf gibt es bereits: Die russischen Behörden warnten jetzt die Veranstalter, Türkei-Reisen für die Zeit nach dem 1. Juni zu verkaufen. Völlig offen ist auch, wann wichtige Herkunftsländer wie Deutschland und Großbritannien ihre Reisewarnungen für die Türkei zurücknehmen.

Hoffnung auf ein schnelles Comeback des Tourismus schwindet

Die türkische Tourismuswirtschaft versucht, mit Hygienekonzepten um Vertrauen zu werben. Rund 10.000 Hotels verfügen bereits über sogenannte „Safe Tourism Certificates“. Für die Zertifikate, die einen sicheren Aufenthalt garantieren sollen, müssen die Häuser 152 Kriterien des Tourismusministeriums erfüllen. Die Einhaltung wird strikt kontrolliert.

Aber die Hoffnung auf ein schnelles Comeback des Tourismus schwindet. Für viele Hotelbesitzer, die in den vergangenen Jahren ihre Häuser renoviert oder erweitert haben und nun die aufgenommen Kredite zurückzahlen müssen, bedeutet das eine Gefährdung ihrer wirtschaftlichen Existenz. Eine Pleitewelle könnte den Wirtschaftsboom in den Urlaubsgebieten abrupt beenden. Politisch brisant für Staatschef Erdogan: Im Februar kletterte die Arbeitslosenquote trotz Corona-Kündigungsschutz auf 13,4 Prozent. Unter den 15- bis 24-Jährigen, von denen besonders viele im Tourismus beschäftigt sind, suchen sogar 27 Prozent vergeblich einen Job.

Regierung setzt jetzt alles daran, diesjährige Reisesaison zu retten

Kein Wunder, dass die Regierung jetzt alles daransetzt, die diesjährige Reisesaison zu retten. Beschäftigte im Tourismussektor werden nun vorrangig geimpft. Dagegen verzichten die Behörden bei den Touristen bewusst auf den Nachweis einer abgeschlossenen Impfung. Einreisende Urlauber müssen ab 15. Mai nicht mal einen negativen Test mitbringen. Die Hürden für einen Türkei-Urlaub sollen so niedrig wie möglich sein. Deshalb bleiben die Touristen auch von den Beschränkungen des harten Lockdowns ausgenommen. Sie können sich frei bewegen, Museen und archäologische Stätten sind für sie geöffnet. Auch von der für Einheimische geltenden Maskenpflicht sind die Gäste befreit. Deshalb sei es jetzt „in der Türkei von Vorteil, Tourist zu sein“, wirbt Minister Ersoy.

Zynisch, könnte man meinen. Offenbar lautet die Devise: Bei über fünf Millionen Infizierten in der eigenen Bevölkerung kommt es auf den einen oder anderen Urlauber, der das Virus mitbringt, auch nicht mehr an. Ob die Reisenden das überzeugt, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist in kaum einem Urlaubsland das Risiko, sich mit Corona anzustecken, jetzt so hoch wie in der Türkei.

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