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  • Tourismus nach Corona: UN plädiert für mehr Nachhaltigkeit

UN mahnen: Darum muss sich der Tourismus nach Corona ändern

  • Die Vereinten Nationen warnen vor Armut in Entwicklungsländern, die vom Tourismus abhängig sind.
  • Durch Corona wurden vielerorts Millionen von Existenzen zerstört.
  • Deshalb haben die UN einen Plan erarbeitet, den Tourismus nach Corona nachhaltiger für Mensch und Umwelt aufzubauen.
Miriam Keilbach
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Tourismus – für die einen Fluch, für die anderen Segen. Während sich der übliche Reisende vor allem für schöne Gegenden und gute Infrastruktur interessiert und das Reisen für das Seelenheil und die Freiheit braucht, ist der Tourismus für andere eine wichtige Einnahmequelle.

Kommen jedoch zu viele Touristen, stöhnen Anwohner und jene, die nicht direkt davon profitieren. So haben Venedig, Amsterdam, aber auch Island oder die Malediven mit den Auswirkungen des Overtourism zu kämpfen. Der Massentourismus beeinflusst Städte und Natur sowie die Lebensqualität von Einheimischen.

Schon vor Corona wurden langsam Stimmen laut, den Tourismus neu aufzustellen, nachhaltiger zu gestalten, der Menschen und der Umwelt zuliebe. In Venedig demonstrierten Menschen ebenso wie in Barcelona. Die nachhaltige Entwicklung fordern nun auch die Vereinten Nationen in einem Bericht.

Mit einem Fünf-Punkte-Plan wendet sich die Konferenz für Handel und Entwicklung der Vereinten Nationen (UNCTAD) an Regierungen und setzen sich für eine Veränderung des Tourismus nach Covid-19 ein.

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Weltweit hängt jeder zehnte Arbeitsplatz am Tourismus

Für die UNCTAD geht es aber vor allem um eines: Durch die Corona-Pandemie sind Millionen von Jobs weggebrochen, Menschen wurden in die Armut gedrängt. Bei künftigen Ereignissen sollen mehr Menschen vor lebensbedrohlichen Umständen bewahrt werden.

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100 bis 120 Millionen Menschen und weltweit jeder zehnte Arbeitsplatz hängen laut UNCTAD am Tourismus, der den drittgrößten Exportsektor der Welt ausmacht. Und während Reisen und Fernreisen bis zum Frühjahr 2020 stark im Trend lagen und in vielen Ländern permanent Tourismusrekorde gebrochen wurden, hat die Corona-Pandemie Abertausende Existenzen zerstört. Besonders stark betroffen sind kleine Inselstaaten im Globalen Süden, für die der Tourismus teilweise 90 Prozent der gesamten Exporte ausmacht, in Palau, St. Lucia, Bahamas oder Malediven beispielsweise.

Oder in Barbados, wo der Exportanteil bei 72 Prozent liegt. Das Land hat zwar als eines der ersten wieder geöffnet, doch die Zerstörung war enorm, berichtet der Kleinunternehmer Mahmood Patel, der in einem weiteren UNCTAD-Bericht zu Wort kommt. Er hatte auf den Ökotourismus gesetzt, mit einem Biocafé, einem Bauernhof, Strandapartments und einem Gebiet im Regenwald, durch das er naturbasierte geführte Touren anbietet.

Mullins Beach auf Barbados.

2019, wird Mahmood Patel zitiert, sei das beste seit einem Jahrzehnt gewesen – und 2020 sollte noch besser werden. Erstmals konnte er Anfang des Jahres Gewinne machen und Schulden für die Investitionen zurückzahlen. Dann kam Corona: Barbados schloss die Grenzen, schränkte die Reisefreiheit im Land ein und Mahmood Patel musste alle 20 Mitarbeiter entlassen.

Die Schwächsten der Gesellschaft sind am stärksten von Covid-19 betroffen

Durch Reiserestriktionen aufgrund von Corona sind laut Vereinten Nationen vor allem Frauen, Jugendliche, Indigene und Menschen, die im informellen Sektor arbeiten, also beispielsweise als mobile Verkäufer am Strand oder beim Anbau und im Verkauf von eigenem Obst und Gemüse, betroffen.

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Deshalb fordert die UN auch politische Lösungen für jene Menschen – um den Tourismus nach der Corona-Pandemie nachhaltiger und widerstandsfähiger wieder aufzubauen. Hierfür müsste eine Verbindung zwischen staatlichen Hilfen und Konjunkturpaketen, privaten Investitionen und philantropischen Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen werden, sagt Dona Bertarelli, die bei UNCTAD als Beraterin für nachhaltige Wirtschaft arbeitet.

Auf Barbados hat sich Mahmood Patel zusammen mit anderen Tourismusexperten zusammengetan, um einen Plan zu erarbeiten. Sie fordern, eine Genossenschaft zu gründen, die in Krisenzeiten greifen kann, sodass alle Beteiligten eine Grundsicherung erhalten. “Wir müssen uns mit der Neuerfindung des Tourismus in Barbados befassen”, wird er zitiert. Zu einem ähnlichen Schluss kommt UNCTAD in seinem Papier: “Es ist an der Zeit zu überdenken, wie der Sektor unsere natürlichen Ressourcen und Ökosysteme beeinflusst”, ist dort zu lesen. Die bereits vor Corona begonnen Gedanken zum nachhaltigen Tourismus müssten nach der Pandemie stärker verfolgt werden.

Tourismus der Zukunft: Der Mensch soll im Fokus stehen

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Die Vereinten Nationen haben dafür schon konkrete Ideen. Mit einem Fünf-Punkte-Plan will die UN an Regierungen herantreten. Zum einen an Regierungen in Ländern, die stark auf den Tourismus angewiesen sind und deshalb aufgrund der Covid-19-Pandemie besonders leiden. Zum anderen an Regierungen in Ländern, deren Bürger besonders reisefreudig sind und besonders häufig einen schlechten ökologischen Fußabdruck hinterlassen.

Im Fokus steht hierbei das Absichern der Menschen bei der nächsten Tourismuskrise, ob durch eine Pandemie oder andere Kräfte. Die UN schlagen etwa speziell auf die Tourismusbranche zugeschnittene Kredite vor. Dadurch könnten Lebensgrundlagen gesichert werden, auch wenn Einnahmen kurzzeitig wegbrechen. Kurze und mittelfristige direkte Finanzhilfen, etwa durch Steuerumverteilungen, wären ebenso denkbar. Auch der regionale Tourismus, der auch während der Corona-Krise als Erstes wieder aufgenommen wurde, soll gezielt von den Staaten gefördert werden – das würde vielerorts aber auch bedeuten, dass ein gewisser Wohlstand der Bevölkerung notwendig ist, der bisher nicht vorhanden ist.

UN-Bericht kritisiert europäische Grenzpolitik

Eine weitere Idee ist es, Arbeitnehmer im Tourismussektor besser digital zu schulen, damit sie im Falle einer vorübergehenden Arbeitslosigkeit oder beim temporären Wegfall des Tourismus auch anderweitig Chancen haben, Geld zu verdienen. Eine Digitalisierung von Hotelbetrieben etwa durch digitales Check-in oder kontaktlose Grenzkontrollen würden Reiselockerungen künftig ebenfalls beschleunigen.

Gerade in der Zertifizierung von Hotels, die sich strikt an Sicherheits- und Hygienerichtlinien halten sowie digitalen Überwachungssystemen, etwa durch Onlinegesundheitsformulare, sieht die UN eine Chance und lobt in diesem Zusammenhang etwa Ruanda und Albanien – die in Deutschland beide als Risikogebiet gelten.

Der UN-Bericht lässt sich deshalb durchaus auch als Kritik am europäischen Umgang mit Reiserestriktionen verstehen: So wird eine internationale Zusammenarbeit gefordert, um eine Balance zwischen Restriktionen zum Wohle der Gesundheit aller und der Lebensgrundlage von Menschen im Globalen Süden zu finden.

UN will Lockerung der Reisebeschränkungen global koordinieren

Generell geht es der UN darum, bei der Wiederbelebung des Tourismus vor allem den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen – und damit ist nicht nur der Reisende gemeint, sondern vor allem derjenige, der in der Tourismusbranche arbeitet. Das könne passieren, indem Reisebeschränkungen auf verantwortungsvolle Weise und global koordiniert gelockert würden. Aktuell sehe man in Europa, was passiere, wenn dies vorschnell oder in einer allumfassenden Form passiere: Nach und nach müssen sich Staaten eingestehen, dass die Öffnungen für Touristen aus ganz Europa, unabhängig der Infektionszahlen des jeweiligen Landes, nicht die Lösung waren.

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