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Südafrika hat ein Imageproblem: Wie der Tourismus unter der Corona-Mutation leidet

  • Südafrika hat eine Sieben-Tage-Inzidenz von 14, trotzdem hat Deutschland den Staat als Risikogebiet eingestuft.
  • Dass gemeinhin von der mutierten Südafrika-Variante die Rede ist, schadet dem Land enorm – obwohl die Mutation dort nur entdeckt wurde.
  • Der Tourismus liegt am Boden. Doch das Land will sich wehren.
Miriam Keilbach
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Pretoria. Südafrika hat die zweite Corona-Welle mehr oder minder überstanden, von 22.000 Infektionen pro Tag im Januar sind nur noch 1000 übrig. Von einer Sieben-Tage-Inzidenz von 14, wie sie der Kap-Staat seit einigen Tagen aufweist (Stand: 18. März 2021), können Deutschland und Europa nur träumen. Viele Corona-Restriktionen wurden aufgehoben, es kehrt langsam so etwas wie Alltag und Normalität zurück.

Trotzdem hält das RKI bisher an seiner Entscheidung fest und stuft Südafrika weiterhin als Risikogebiet ein. Nicht nur das, es zählt gar als Virusvariantengebiet. Damit kann die Quarantänezeit nach der Rückkehr nach Deutschland nicht verkürzt werden, wer aus Südafrika kommt, muss danach 14 Tage in heimische Quarantäne. Für den Tourismus zwischen Deutschland und Südafrika ist das ein K.-o.-Kriterium.

Der Begriff „Südafrika-Variante“ bedient den klassischen Stereotyp

Doch nicht nur das: Aufgrund der Bezeichnung „Südafrika-Mutation“ hat das Land einen großen Imageschaden genommen. Die stark rückläufigen Zahlen vor Ort werden kaum wahrgenommen, denn die Südafrika-Variante des Coronavirus ist in Europa in aller Munde. Dabei ist überhaupt nicht geklärt, ob diese Mutation tatsächlich in Südafrika entstanden ist. Der südafrikanische Virologe Salim Abdool Karim, der im Corona-Beirat der südafrikanischen Regierung sitzt, sagte, dass die Variante zwar zuerst in Südafrika entdeckt worden sei, aber deswegen nicht unbedingt von dort stammen müsse. Inzwischen finden sich in Europa deutlich mehr Infektionen mit der Variante B.1.351, wie sie eigentlich heißt, als im angeblichen Ursprungsland Südafrika.

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Für Länder wie Brasilien und Südafrika, die in der Wahrnehmung vieler Europäer immer noch rückständig, gefährlich und kriminell sind, haben Bezeichnungen stärkere Folgen als andernorts. Es bedient den bekannten Stereotyp: Südafrika-Mutante klingt gefährlich und unerforscht, genau wie Südafrika als Staat von vielen auch heute noch angesehen wird. Das negative Image von Südafrika wird weiter gefestigt, auch wenn es nur auf Vorurteilen beruht. Wie der langjährige Afrika-Korrespondent des Spiegel, Bartholomäus Grill, schreibt: „Afrika ist und bleibt in unseren Köpfen, wie es immer war: zeitlos schön, chaotisch, ein zurückgebliebenes Problemkind, ewig arm und trotzdem frohgemut.“

Weltgesundheitsorganisation warnt vor diskriminierenden geografischen Bezeichnungen

Mit der Realität hat das alles nicht sonderlich viel zu tun, doch Stigmatisierungen basieren nie auf Logik. Aufgrund fehlender geografischer und kultureller Nähe überleben diese Stereotype deutlich länger. Großbritannien kennen wir viel besser, die britische Mutation wird nicht dafür sorgen, dass unser gesamtes Bild von Großbritannien negativ behaftet ist. Die Weltgesundheitsorganisation warnt deshalb schon lange vor geografischen Bezeichnungen, weil diese in der Regel falsch und diskriminierend seien, sich über lange Zeit hielten und stigmatisierend wirkten.

Joerg Caluori ist einer jener, die unter dieser Stigmatisierung und dem ausbleibenden Tourismus leiden. Und deshalb hat er einen Brief an das Außenministerium und das Gesundheitsministerium geschrieben, der dem RedaktionsNetzwerk Duetschland (RND) vorliegt. Er könne kaum glauben, dass Teile von Spanien und Portugal keine Risikogebiete seien, Südafrika mit einer Inzidenz von 14 aber Virusvariantengebiet. Er hofft, Antworten zu bekommen, „weshalb die Risikoliste ist, wie sie ist“.

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Schutz vor Virusmutationen: Polizei kontrolliert am Frankfurter Flughafen
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Um eine ähnliche Lage in Deutschland zu verhindern, werden Reisende aus Risikoländern von Polizisten empfangen.  © Reuters
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Der Begriff „Südafrika-Mutation“ hat mit der Realität nichts zu tun

Der Schweizer Caluori vermietet ein Ferienhaus in Kapstadt und organisiert für deutschsprachige Gäste Südafrika-Reisen. Und auf diese Gäste muss er seit Ausbruch der Corona-Pandemie weitestgehend verzichten. „Leute, die nach Südafrika reisen, werden beispielsweise als Idioten betitelt“, sagt er dem RND.

Eine der Urlauberinnen ist Lena H. Sie befindet sich derzeit in Quarantäne, zwei Wochen lang muss sie in ihrer Wohnung in Hannover bleiben. Sie kommt gerade aus Südafrika. „Wir haben vor einem Jahr dort in Stellenbosch geheiratet. Da die Infektionszahlen immer mehr runter auf ein gleichbleibendes Niveau gesunken sind, sind wir nun zum ersten Hochzeitstag hingeflogen“, erzählt sie dem RND. „Wir waren auf Weingütern, in Camps Bay und haben einfach die Natur genossen.“ Ihr Umfeld sei zunächst besorgt gewesen, nach Gesprächen aber eher neidisch. „Ich habe es aber nur im engsten Kreis kommuniziert.“ Mit Sicherheit, sagt sie, würden aber Menschen, die Südafrika noch nicht kennen, durch die irreführende Bezeichnung derzeit vom Reisen abgehalten.

Trotz Inzidenz 14: „Viele Leute glauben, Südafrika ist die Hölle in Sachen Corona“

Die Leute in Deutschland und Europa würden glauben, „Südafrika ist die Hölle in Sachen Corona“, sagt auch Caluori. „Wenn man dann relativieren will, wird man sehr schräg angeschaut.“ Dass Virologen, Politiker und Medien von der „Südafrika-Variante“ sprechen, sei für die Wahrnehmung in Europa „das Schlimmste, was man sich vorstellen kann“. Er glaubt auch, dass die Einstufung von Südafrika als Risikogebiet damit zusammenhängt – wenn gar eine Virusmutation nach einem Ort benannt ist, kann dieser ja nicht risikofrei sein.

„Es ist offensichtlich, dass sich die Behörden in Europa von dem Begriff irreführen lassen“, sagt Stefan Forster dem RND. Er betreibt ein Hotel in Kapstadt – in diesem Jahr hatte er noch keine internationalen Gäste. „Die Bezeichnung ‚Südafrika-Mutation‘ und die gleichzeitige Einstufung als Risikoland hat dazu geführt, dass die meisten Touristen ihre Ferien in Südafrika storniert haben“, sagt er. Neben ihm als Besitzer des Hotels leiden vor allem jene, die auf den Tourismus angewiesen sind: Fahrer, Tourguides, Autovermieter, Restaurants.

Südafrika sei in der Erforschung von Mutationen besser als Europa – und werde dafür bestraft

Stefan Hippler ist katholischer Priester und Gründer des HIV-Kinderhilfsprojektes „Hope Cape Town“, seit 1997 lebt er in Kapstadt. In einem Interview mit Domradio.de sagte der Bundesverdienstkreuzträger kürzlich scherzhaft: „Die Mutante liest zum Glück keine deutschen Zeitungen“ – in Anspielung darauf, dass besagte „Südafrika-Mutation“ in Südafrika nämlich kaum mehr vorkommt (und in Deutschland auch stark rückläufig ist).

Er hält die Bezeichnung für unfair. „Die Südafrikaner waren gut, genau zu sehen, welche Mutationen entstehen. Sie haben diese sogenannte Südafrika-Mutante entdeckt. Daraufhin haben die Briten nachgeschaut und haben ihre britische entdeckt“, sagt er. Die fatale Konsequenz: Die Welt spricht jetzt über die „Südafrika-Mutante“ und „damit ist Südafrika natürlich auch reisemäßig vollkommen ins Abseits gedrängt.“ Und das, obwohl Südafrika auf dem wissenschaftlichen Gebiet besser sei als alle anderen und ebenjene neue Mutation entdeckt habe.

Der Tourismussektor in Südafrika ist tot – starker Anstieg der Arbeitslosigkeit

Doch nicht nur in Südafrika lebende Ausländer ärgern sich über die Bezeichnung. Der einstige Johannesburger Studentenführer Mcebo Dlamini sieht darin eine Fortsetzung von Tradition: Afrika habe lange unter einer Falschdarstellung des Westens gelitten und müsse nun weiterhin als Inbegriff allen Übels herhalten. „Die Konsequenzen sind nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern beeinträchtigen auch unser Sozialwesen und die Art und Weise, wie die Welt sich mit uns auseinandersetzt“, sagt Dlamini. Sein Land werde an den Pranger gestellt.

Die Folgen sind auf vielen Ebenen „katastrophal“, wie Caluori dem RND sagt. Rund 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Südafrika hängen am Tourismus, die Arbeitslosigkeit stieg in der Krise von 30 auf mehr als 40 Prozent. „800.000 Stellen im Tourismussektor sind alleine im Western Cape weggefallen – und das ohne soziale Netze oder staatliche Unterstützung“, sagt Caluori. Es würden zwar immer mehr Menschen in Südafrika gegen die Stigmatisierung angehen, aber: „Südafrika hat in Europa kaum eine Stimme.“

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Nach der Aufhebung der Reisewarnung für Mallorca werden trotz steigender Infektionszahlen die Rufe nach Osterurlaub auch in Deutschland immer lauter.  © dpa

Kampagnen zur Aufhebung der Reisewarnung

Das möchte Johannes Feiertag von der Owathola-Gruppe, zu der eine Lodge und lokale Tourguides gehören, ändern. Er plant gemeinsam mit Gleichgesinnten aus dem Tourismus eine öffentliche Kampagne zugunsten einer Abschaffung der deutschen Quarantänepflicht für Südafrika-Rückkehrer. Einen politischen Unterstützer haben die Aktivisten aus Südafrika dabei: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU). Der sagte schon vor einigen Wochen, dass eine pauschale Reisewarnung für Afrika unangemessen sei. Er forderte eine Überprüfung der verhängten Reisebeschränkungen und wies darauf hin, dass auf dem Kontinent 25 Millionen Menschen vom Tourismus leben.

Sowohl Forster als auch Caluori und H. berichten, dass in Südafrika deutlich mehr auf Hygieneregeln geachtet wird als in Deutschland. So sind Restaurants, Hotels und Geschäfte zwar geöffnet, Südafrika hätte aber deutlich schneller genügend Masken und schon frühzeitig Desinfektionsmittel flächendeckend verteilt. „Die Südafrikaner haben aus vorherigen Pandemien gelernt, sie sind da einfach besser vorbereitet“, sagt Caluori.

Lufthansa reagiert auf sinkende Zahlen und baut Afrika-Flugangebot aus

Auch wenn nach einem Jahr Corona-Pandemie die Resignation vielerorts groß ist, so gibt es einen Funken Hoffnung. Die Berichte über die Diskriminierung Südafrikas häufen sich, die Rufe nach Lockerungen werden lauter. Und die Lufthansa hat bereits reagiert. Die größte deutsche Airline baut das reduzierte Flugangebot wieder aus. Ab Ende März werde es wieder drei wöchentliche Flüge zwischen Kapstadt und Frankfurt geben, kündigte die Airline am Mittwoch an. Zudem würden die Flüge zwischen Frankfurt und Johannesburg ab April auf fünf Flüge pro Woche aufgestockt. Hinzu kommen die bestehenden drei wöchentlichen Flüge der Lufthansa-Tochter Swiss zwischen Zürich und Johannesburg.

Stefan Forster bleibt optimistisch. „Südafrika ist ein Stehaufmännchen! Es wird sich also auch von dieser Krise erholen und allen Naturliebhabern, Sportbegeisterten, Gourmands mit seinem Charme und Schönheit unvergessliche Ferien bieten.“ Die Monate April und Mai, sagt er, seien zwar keine Hauptsaison, „aber auch sehr reizvoll“.

mit dpa

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