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Spanien: Der Massen­tourismus ist zurück – zum Glück?

  • Der Tourismus in Spanien fährt wieder hoch, zahlreiche Reisende machen sich auf den Weg in das Urlaubsland.
  • Der Massentourismus ist für das Land kein Problem, sondern seine Abwesenheit.
  • Das ist eine der Lehren der Corona-Pandemie.
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Madrid. An diesem Donnerstag legte im Hafen von Palma die „Mein Schiff 2“ an, das erste Kreuzfahrtschiff seit 15 Monaten. Die Regionalregierung schickte ein kleines Empfangskomitee an den Pier, den Wirtschaftsminister, die Tourismusgeneraldirektorin und den Hafenpräsidenten.

Die Lokalpolitikerin Neus Truyol – deren kleine Linkspartei MÉS auf den Balearen mitregiert – fand das gar nicht gut. „Wenn uns die Pandemie nicht gelehrt hat, dass uns die Abhängigkeit vom Tourismus in den Ruin führt, dann haben wir gar nichts gelernt“, sagte die MÉS-Fraktionssprecherin im Rathaus von Palma. „Wir müssen Grenzen für die Zahl der Kreuzfahrtschiffe und die Zahl der Passagiere festlegen.“

Der Massentourimsus ist zurück in Spanien: Am 17. Juni 2021 legt die „Mein Schiff 2“ im Hafen von Palma an, während Touristen über die Promenade gehen. © Quelle: Clara Margais/dpa
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Jeder lernt, was er will. Die Daten sind diese: Kein anderes EU-Land hat durch die Corona-Pandemie solch schweren wirtschaftlichen Schaden erlitten wie Spanien. Das Bruttoinlandsprodukt sank 2020 im Vergleich zum Vorjahr um 10,8 Prozent – in Deutschland um vergleichsweise freundliche 5 Prozent. Und nirgendwo in Spanien ging die Wirtschaftsleistung stärker zurück als auf den Balearen: um 23,7 Prozent.

Das sind Werte wie aus dem Krieg. Der Einbruch hat vor allem einen Grund: den Ausfall der Touristen. In gewöhnlichen Zeiten trägt der Tourismus fast ein Achtel, 12,3 Prozent, zur spanischen Wirtschaftsleistung bei, im vergangenen Jahr nur etwa 4 Prozent. Nicht die Touristen haben die spanische Wirtschaft in den Ruin geführt, sondern ihre Abwesenheit. Jetzt kommen sie wieder. Nur den Briten wird das Reisen von ihrer Regierung immer noch schwer gemacht, zum Leidwesen der Spanier.

Spanien hängt am Tourismus – und die Touristen an Spanien

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Spaniens Wirtschaft hat ein paar Probleme, die das Land schlechter vorankommen lassen, als es möglich wäre. Der Tourismus gehört nicht zu diesen Problemen. Spanien ist eine touristische Weltmacht, und das liegt nicht nur am Glück der schönen Strände und dem guten Wetter. Die spanische Tourismusindustrie bietet ihren Gästen, was sie suchen: Qualität zu angemessenen Preisen.

Seit Jahrzehnten sagen die Auguren, dass es so nicht weitergehen könne, dass aus sol y playa kein dauerhaftes Geschäft zu machen sei, und doch kommen jedes Jahr mehr Besucher. Die internationale Wirtschaftskrise von 2008 und den Folgejahren schlug eine Delle. Die Pandemie riss ein Loch. Das sind Umstände, auf die sich keine Industrie einstellen kann. Zum Glück sind sie vorübergehend.

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Wegen verbesserter Corona-Lage: EU will Einschränkungen für Reisende lockern
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Wegen einer besseren Corona-Lage in vielen Teilen der Welt sollen die Einreisebestimmungen nun für mehrere Länder gelockert werden - darunter die USA.  © dpa

Tourismus ist eine der Industrien der Zukunft. Immer mehr Menschen können sich leisten zu reisen, was eine wunderbare Nachricht ist. Die reisenden Menschen werden gerne von anderen Menschen empfangen. Wenn die deutschen (und spanischen) Autofabriken eines Tages ohne Arbeiter auskommen, weil Roboter präziser und billiger produzieren, werden in den spanischen Hotels und Restaurants immer noch freundliche Rezeptionisten und Kellner ihr Brot verdienen.

Wie fast alle Industrien trägt der Tourismus zum Klimawandel bei. Das ist vor allem eine technologische Herausforderung, die absehbar in den Griff zu bekommen ist. Die Umstellung der Flugzeug- und Schiffsantriebe auf grünen Wasserstoff ist eine der dringenden Aufgaben einer Welt, die hoffentlich mobil bleiben wird. Eine (spürbare) CO₂-Steuer würde das Reisen vorübergehend verteuern, aber den Eintritt in eine saubere Zukunft beschleunigen.

Massentourismus greift kaum in den Alltag der Spanier ein

Manchmal stören die Touristen, nicht weil sie besonderen Dreck machen, sondern einfach, weil sie da sind. Es gibt offensichtlich unterschiedlich schöne Orte auf dieser Welt, und an den besonders schönen, wie Mallorca, ballen sich die Menschen. Die Touristen selbst finden nichts daran. Sie lieben es, sich an der Playa de Palma oder in Magaluf oder auch in Benidorm neben andere Touristen zu drängeln. Diejenigen, denen das weniger gefällt, fahren an andere Orte.

Gerade der Massentourismus greift eher wenig in den Alltag der Einheimischen ein. Ein Mallorquiner wird von einem Deutschen, der sich zwei Wochen lang an der Playa de Palma die Kante gibt, eher wenig belästigt. Die Familie, die Land und Leute kennen lernen will, ist vielleicht sympathischer, verstopft aber die Straßen und besetzt die schönsten Ecken der Dörfer und Altstädte. Die allermeisten Spanier nehmen auch das gelassen hin, weil sie stolz auf die schönen Ecken ihres Landes und sowieso sehr gastfreundlich sind. Und während der Pandemie haben sie erlebt, wie traurig manche Orte ohne Touristen sind.

Die Lokalpolitikerin Neus Truyol aus Palma hat trotzdem Recht, wenn sie Grenzen für den Tourismus fordert. Nicht auf weltweiter oder nationaler und noch nicht einmal auf regionaler Ebene – aber doch auf kommunaler. Stadt- und Dorfpolitiker wissen am ehesten, wann und wo es für die Einheimischen zu viel wird. Eine Frage des (Mikro-)Managements, nicht der großen Debatten über das Für und Wider des Massentourismus. Der ist hauptsächlich ein Glück, und sein Fehlen – das ist eine der Lehren dieser Pandemie – ein großes Unglück.

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