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Schrecksee-Hilferuf: Wie einer der schönsten Seen Deutschlands unter dem Ausflugsboom leidet

  • Ein Ausflug ins Grüne ist für viele Menschen eine Abwechslung vom grauen Corona-Alltag.
  • Doch längst nicht jeder hält sich an die Regeln in Naturschutzgebieten.
  • Der Schrecksee in Bayern ist ein besonders beliebtes Ausflugsziel – genau das wird ihm zum Verhängnis.
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Wenn Maximilian Hillmeier in einer Zeitschrift den Schrecksee entdeckt, zuckt er gelegentlich zusammen. Dabei ist der Hochgebirgssee trotz seines Namens alles andere als gruselig, sondern ein von grünen Gipfeln eingekesseltes blaues Naturwunder mit Inselchen in der Mitte.

Regelmäßig wird der Schrecksee zu einem der schönsten Seen Bayerns gekürt oder als Ausflugstipp vorgestellt. Und genau diese Berichte machen Hillmeier ein ungutes Gefühl – obwohl er sich als zuständiger Tourismusdirektor für die Gemeinde Bad Hindelang eigentlich über jede Werbung freuen könnte.

Der Schrecksee in den Allgäuer Hochalpen auf 1813 Metern Höhe. © Quelle: Markus Reuter
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Zu Pfingsten 2020 tummelten sich etwa 2500 Menschen an dem 430 mal 300 Meter kleinen See. Ein Spitzenwert. „Allerdings gibt es einige Besucher – nicht alle –, die sich in dem Naturschutzgebiet rücksichtslos verhalten. Und die bereiten uns seit Jahren große Probleme“, sagt Hillmeier dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Er berichtet von Gästen, die ihren Müll in die Natur werfen, Lagerfeuer anzünden, Drohnen steigen lassen, wild campen oder mit dem Mountainbike durch die Gegend preschen – und damit sämtliche Regeln missachten, die dem Schutz von Tieren und Pflanzen dienen sollen. Die Alpbetreiber hätten schon des Öfteren Zäune erneuert, nachdem die Pfähle als Feuerholz benutzt worden waren. Zudem müssten sie regelmäßig menschliche Fäkalien von der Viehweide sammeln.

Naturschutzgebiete leiden unter rücksichtslosen Ausflüglern

Nicht nur das Kleinod in den Allgäuer Alpen, auch andere Ausflugsziele in Deutschland leiden unter Besucheranstürmen. Diese haben sich im Zuge der Corona-Pandemie vielerorts noch verschärft – und damit auch die Probleme. Ob Taunus, Werderland oder Wutachschlucht: Immer wieder berichten Medien über Menschen, die Flora und Fauna sprichwörtlich mit Füßen treten, und über die verzweifelten Appelle von Naturschützern und Behörden, die Regeln einzuhalten.

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Der Nationalpark Berchtesgarden schickte im vergangenen Jahr einen Hilferuf via Instagram: „Der Wasserfall am Königssee ist dem Überfall durch Influencer zum Opfer gefallen. Das früher ruhige und abgelegene Naturparadies leidet. Viele Einheimische gehen wegen der Massen gar nicht mehr hin.“

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Einige Menschen würden im Schutzgebiet campieren und sogar ihre Billigzelte und Schlafsäcke zurücklassen. Die Schuld sieht der Park auch bei den Influencern: „Mit Euren teilweise enormen Reichweiten habt Ihr viel Einfluss auf viele Menschen. Seid Euch bewusst, dass Ihr durch solche Postings die Natur zerstört. Campieren, Lagerfeuer, Müll, Drohnenflüge – das ist alles im Nationalpark verboten.“

Die sozialen Medien hätten auch die Bekanntheit des Schrecksees erhöht, erzählt Tourismusdirektor Hillmeier dem RND. Doch unter Hashtags wie #Schrecksee oder #Schreckseeliebe werde oftmals ein falsches Bild vermittelt. Die acht Kilometer lange alpine Wanderung vom Talort Hinterstein bis zu dem auf 1813 Meter gelegenen See sei anspruchsvoll. „Trotzdem wollen manche mit Sandalen nach oben“, so Hillmeier.

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An einem Novemberabend 2019 musste die Bergwacht mit dem Hubschrauber drei Wanderer retten, die auf den vereisten Wegen nicht mehr absteigen konnten und ohne Hilfe in der Nacht erfroren wären. Hinterher prahlten die jungen US-Amerikaner mit ihrem Abenteuer auf Tiktok.

„Viele sind einsichtig, wenn man sie direkt anspricht“

Bisweilen sind auch Polizisten auf den Wanderwegen am Schrecksee unterwegs und nehmen Regelverstöße auf. Mithilfe von Wildkameras werden Wildcamper überführt. Informationstafeln und Broschüren machen Besucher auf die Verbote aufmerksam, außerdem ist seit 2020 eine Rangerin regelmäßig vor Ort. Sie geht etwa auf Wanderer zu, die im Begriff sind, ihre Zelte aufschlagen. „Viele Menschen sind einsichtig, wenn man sie direkt anspricht“, sagt Hillmeier.

Deshalb hat sich die Gemeinde gemeinsam mit den Grundstückseigentümern an Thorsten Glauber, den Bayerischen Staatsminister für Umwelt und Verbraucherschutz, gewandt. Die Bitte: Zwei sogenannte Gebietskümmerer sollen am Schrecksee stationiert werden, um die Situation dauerhaft in den Griff zu bekommen.

Und wenn alle Appelle, alle Maßnahmen nichts nützen? Wird der Schrecksee vielleicht irgendwann gesperrt? „Das ist rechtlich nicht möglich – und wir wollen es auch nicht“, erklärt der Tourismusdirektor. In der Bayerischen Verfassung ist das sogenannte Betretungsrecht verankert, das jedermann den freien Zugang zu Naturschönheiten gestattet und Erholung an Seen, in Wäldern und in den Bergen ermöglichen soll. Gerade in Corona-Zeiten sei ein Ausflug ins Grüne wichtig und gut für Körper und Geist, meint Hillmeier. Auch deshalb sollte den Menschen eigentlich daran gelegen sein, die Schönheit von Orten wie dem Schrecksee zu erhalten.

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