Nach Corona nun das Klima: Abflug in ein neues Zeitalter des Reisens

  • Corona hat die Touristikbranche vor große Herausforderungen gestellt.
  • In diesem Sommer aber ging es endlich wieder aufwärts.
  • Doch das nächste Problem wartet schon: Das Reisen muss möglichst schnell umweltfreundlich und klimaschonend werden.
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Das letzte Tageslicht verschwindet im Meer, aus den Boxen schallt griechische Musik, Stimmengewirr wabert über den Strand an der Costa Navarino in Griechenland. Am Rande wird sogar Sirtaki getanzt. Zwischen den mehr als 400 angereisten Touristikern steht der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV), Norbert Fiebig. Er lacht, genießt sichtlich das Networking und die gute Stimmung an diesem Abend auf der DRV-Jahrestagung. Es ist das erste reale große Verbandstreffen seit Beginn der Pandemie.

Ein Hauch von Normalität, die lange fehlte – auch, wenn die strengen Hygieneregeln wie 2G und Maskenpflicht in Innenräumen daran erinnern, dass Corona noch lange nicht vorbei ist und damit auch die Herausforderungen für die Reisebranche groß bleiben. Doch Fiebig erscheint weitaus optimistischer als noch vor einigen Monaten: „Das Licht am Ende des Tunnels wird heller. Wir brauchen zwar noch keine Sonnenbrille, aber wir können es sehen“, sagt er.

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Noch im Frühling lag der Tourismus am Boden – schuld waren Beherbergungs­verbote, Quarantäne­vorschriften und Angst vor Infektionen. Doch seit dem Sommer entlädt sich die aufgestaute Reiselust, besonders Deutschland und Ziele am Mittelmeer profitieren. Einige Wochen lang lag das Buchungs­aufkommen sogar deutlich über dem Niveau von 2019, teilte der DRV mit.

Neben Spanien war Griechenland diesen Sommer das gefragteste Reiseziel Europas. Während der grenzüberschreitende Flugverkehr in Europa im Juli und August erst 40 Prozent des Niveaus vom Vorkrisenjahr 2019 erreichte, waren es in Griechenland 86 Prozent. Einige beliebte Destinationen wie die Inseln Mykonos und Santorin verzeichneten im August sogar mehr Besucherinnen und Besucher als im bisherigen Rekordjahr 2019.

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Nun kehren immer mehr beliebte Fernreiseziele auf die touristische Landkarte zurück: Nachdem die USA ihre Öffnung für Touristinnen und Touristen ab November ankündigten, steigt die Buchungskurve steil an.

Führt der Weg also zurück zur alten Reisenormalität? Nein, das wäre eine Sackgasse – da sind sich Expertinnen und Experten sowie die Reisebranche einig. Denn mit der Freude über die steigenden Buchungszahlen rückt das Thema Klimakrise wieder in den Vordergrund. Und die stellt eine noch größere Herausforderung für die Reisebranche dar als das Virus.

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Menschen demonstrieren in Tel Aviv (Israel), um die Staats- und Regierungschefs der Welt aufzufordern, Maßnahmen zur Umkehrung des Klimawandels zu ergreifen und die Nutzung fossiler Brennstoffe zu beenden. © Quelle: Ariel Schalit/AP/dpa

„Der Tourismus ist gleichzeitig Verursacher und Betroffener des Klimawandels“, sagt Harald Zeiss, Professor für Nachhaltigkeit und Tourismus an der Hochschule Harz. So ist der weltweite Tourismus verantwortlich für rund 8 Prozent der globalen Treibhausgas­emissionen. Die Folgen des Klimawandels wie Dürren, Hitzewellen, Waldbrände, die Korallenbleiche und Hochwasser wiederum bedeuten erhebliche Umsatzeinbußen. Wo der Tourismus die einzige Einnahmequelle ist, trifft es Menschen besonders hart. In Hinblick auf den Klimaschutz sei in den vergangenen Jahren schlichtweg zu wenig passiert.

Alternativen bei Flugzeugen

Auch DRV-Präsident Fiebig blickt selbstkritisch auf seine Branche: „Bisher haben wir gesagt: Mit Reisen sind Emissionen verbunden, aber lasst uns die positiven Effekte des Reisens dagegensetzen. Reisen steht für kulturellen Austausch, für Wertschöpfung, es schafft weltweit viele Arbeitsplätze und ermöglicht vor allem auch Schwellen- und Entwicklungsländern Teilhabe an Wohlstand und gesellschaftlicher Entwicklung. Das alles bleibt richtig – aber es reicht nicht mehr.“

Das A und O zur Reduzierung negativer Folgen des Tourismus ist die Mobilität – denn der Löwenanteil der Treibhausgas­emissionen entsteht bei der An- und Abreise: „Bei einer durchschnittlichen Flugreise – auf der Mittel- oder Langstrecke – entfallen 80 Prozent der CO₂-Emissionen auf den Flug, das Hotel schlägt mit etwa 15 Prozent zu Buche“, sagt Zeiss. Eine einzelne Flugreise kann quasi das Jahresbudget an Emissionen eines Durchschnitts­menschen bereits überschreiten.

Auf dem Weg zum klimafreundlicheren Reisen sind aus Sicht des DRV daher die weitere Modernisierung der Flugzeugflotten, optimierte Flugrouten sowie vor allem der Einsatz von synthetischen Kraftstoffen aus nachhaltigem Strom entscheidend. „Die Politik muss durch eine klare Weichenstellung dafür sorgen, dass die Entwicklungen in diesem Bereich schneller vorangetrieben werden“, fordert DRV-Präsident Norbert Fiebig.

Dirk Inger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Reiseverbandes (DRV), und Präsident Norbert Fiebig (rechts) bei der DRV-Jahrestagung in Griechenland. © Quelle: DRV/Marcel Kautz

Aktuell werden bereits elektrisch betriebene Flugzeuge entwickelt, allerdings erst einmal nur im Kleinformat für kurze Strecken. Noch länger wird wohl die Entwicklung von wasserstoff­betriebenen Flugzeugen dauern – hierfür müssen neue Maschinen geschaffen werden. Airbus will zwar 2035 ein erstes Modell herausbringen, für einen Transatlantikflug wird es aber noch nicht geeignet sein. Das synthetische Kerosin hat den Vorteil, dass es in allen bestehenden Turbinen verwendet werden kann.

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Die nach Betreiberangaben erste Anlage, die solchen Treibstoff in industriellem Maß herstellen kann, ist im Oktober im emsländischen Werlte ans Netz gegangen. Er wird aus Wasser, erneuerbarem Strom, Abfall-CO₂ aus Lebensmittelresten sowie CO₂ aus der Umgebungsluft hergestellt. Erster Kunde ist Deutschlands größte Airline Lufthansa. Das Problem: Die Anlage produziert eine Tonne klimaneutralen Kraftstoff pro Tag – und das ist nur ein sehr, sehr kleiner Teil des benötigten Kraftstoffs auf dem Weg zum klimaneu­tralen Flugverkehr. Allein ein Airbus A380 verbraucht auf einem einzigen Transatlantikflug von Frankfurt nach New York etwa 115 Tonnen Kerosin. Um mehr klimaneutralen Kraftstoff herzustellen, bräuchte es sehr viel größere Anlagen.

Eine weitere Herausforderung des umweltfreundlicheren Fliegens sind die Kosten, denn eines haben alle sauberen Alternativen zu Kerosin gemeinsam: Sie sind teurer. Mit rund 5 Euro je Liter liegt der synthetische Treibstoff aus Werlte beispielsweise deutlich über den rund 1,85 Euro, die derzeit für herkömmliches Kerosin aufgerufen werden.

Reisen wird teurer werden

Das werden auch die Reisenden zu spüren bekommen – Klimaschutz bedeutet auch Umstrukturierung. Flugtickets könnten daher bis 2050 doppelt so teuer werden wie heute, sagt Stefan Gössling. Der Professor lehrt unter anderem an der Universität Lund in Südschweden und beschäftigt sich mit nachhaltigem Tourismus. „Die Tickets wären dann aber immer noch nicht viel teurer als vor 20 Jahren, denn die Preise sind seither stark gesunken.“ Durch Billigflüge wie von Ryanair sei die Nachfrage künstlich nach oben gejagt worden, so Gössling, denn zum Teil decken die Preise nicht einmal die Benzinkosten, sind also subventioniert.

Professor Stefan Gössling lehrt unter anderem an der Universität Lund in Südschweden und beschäftigt sich mit nachhaltigem Tourismus. © Quelle: privat

Kritik kommt dafür auch vom DRV: „Flüge für 10, 20 oder 30 Euro, wie sie immer wieder grell angepriesen werden, das geht gar nicht!“, sagte Präsident Fiebig. Der DRV fordere daher auch eine „Anti-Dumping-Regelung auf EU-Ebene“, damit Flugtickets nicht zu einem Preis unterhalb der anwendbaren Steuern, Zuschläge, Entgelte und Gebühren verkauft werden dürfen.

Mehr Bahn, weniger Flugzeug

Im Umkehrschluss bedeute das: Werden Tickets teurer, werde weniger geflogen. Das sei dringend nötig, sagt Tourismusexperte Gössling. So zeige der neue Bericht des Weltklimarates (IPCC): „Jeder Flug und jede Tonne CO₂ ist zu viel und wird den Klimawandel in den Drei-Grad-Bereich rücken, in den wir nicht kommen dürfen.“

Ein Umdenken müsse stattfinden: „Viele Reisen werden gemacht, weil sie gewollt sind – nicht, weil sie nötig sind.“ Das habe Corona einmal mehr gezeigt. „Es haben kaum Geschäftsreisen stattgefunden, und die globale Ökonomie ist trotzdem nicht kollabiert“, so Gössling.

Und nicht jede Urlaubsreise sei abhängig von einem Flug. Inlandsflüge könnten besonders leicht durch Zugfahrten ersetzt werden, das gelte auch für Reisen innerhalb Europas. Aber: Die Rahmen­bedingungen müssten stimmen. So dürfe das Fliegen nicht billiger sein als das Bahnfahren. Außerdem fordert Gössling ein Hochgeschwindigkeits­netz der Bahn in ganz Europa. „Wenn die Züge alle 250 Kilometer pro Stunde fahren könnten, dann wäre fast jede Urlaubsdestination in einer Entfernung von bis zu 1500 Kilometern innerhalb von sechs Stunden erreichbar.“ Damit wäre die Reise mit dem Zug fast überall eine echte Alternative.

Laut einer aktuellen Greenpeace-Studie, die sich mit Bahnalternativen zu Kurzstreckenflügen in Europa beschäftigt, wäre dieser Umstieg aktuell bei einem Drittel der 150 wichtigsten Flugverbindungen möglich. Dazu gehören etwa Amsterdam–Frankfurt (drei Stunden und 53 Minuten), Venedig–Neapel (fünf Stunden und zehn Minuten) und Hamburg–München (fünf Stunden und 48 Minuten).

Andernorts sieht es Greenpeace zufolge noch düster aus: So habe etwa der Eurotunnelbetreiber Eurostar seine Tunnelzüge zwischen London und Paris sowie zwischen London und Amsterdam via Brüssel deutlich reduziert. Und auf der Strecke Frankfurt–Lyon, einer wichtigen Verbindungsachse zwischen Deutschland und Frankreich, fährt nur ein Direktzug pro Tag. Nachtzüge und kurze grenzüberschreitende Bahn- und Busverbindungen seien teilweise sogar in Gänze eingestellt worden – beispielsweise zwischen Portugal, Italien und anderen Ländern.

Länger unterwegs durch schöne Landschaften auf Reisen mit dem Nachtzug.

Wer sich also gegen das Fliegen und für die Bahn entscheidet, muss auf etlichen Strecken mit einer langen Reisezeit und mehreren Umstiegen rechnen. Neben mehr Direktverbindungen pocht Greenpeace deshalb auch auf die Aktivierung und Wiederbelebung wenig genutzter Zugstrecken für Tag- und Nachtverbindungen und die Aufstockung der Mittel für ein besseres Eisenbahnsystem durch die EU.

Tourismusexperte Zeiss befürchtet, dass die Corona-Pandemie für den Ausbau klimafreundlicher Alternativen nicht gerade förderlich war. „Die Pandemie hat die Menschen zwar nachdenklicher gemacht. Allerdings haben die Regierungen sehr viel Geld in die Bekämpfung der Pandemie investiert.“ Dieses Geld fehle nun für den Umbau in der Wirtschaft und der Gesellschaft.

Bereit für mehr Nachhaltigkeit?

Hier schließt sich die nächste Frage an: Sind die Reisenden bereit dafür, ihr Verhalten zu ändern? Das Umdenken habe begonnen – es sei durch die Corona-Krise sogar beschleunigt worden, sagt Zeiss. „Ein Teil der Reisenden hat während der Pandemie das eigene Verhalten hinterfragt und festgestellt, dass es in der Vergangenheit nicht immer so sinnvoll war.“

Nachhaltigkeitsexperte Prof. Harald Zeiss arbeitet unter anderem an der Hochschule Harz. © Quelle: Hochschule Harz

Allerdings klaffen zwischen Wunsch und Realität noch Welten, wie eine aktuelle vom DRV in Auftrag gegebene Forsa-Umfrage zeigt: Hier sagten zwar 62 Prozent der 1000 Befragten, dass Klimafreundlichkeit bei einer Reise wichtig für sie sei. Doch nur 23 Prozent gaben an, sich bereits konkret darüber informiert zu haben, wie sie ihre Reise möglichst umweltschonend gestalten können.

„Wir als Reisebranche tragen Verantwortung dafür, die Kundinnen und Kunden mitzuziehen“, so DRV-Präsident Fiebig. Geschehen soll dies nicht zuletzt durch Transparenz: „Wir werden Reisen mit einem nachvollziehbaren CO₂-Abdruck versehen“, sagte DRV-Präsident Norbert Fiebig. Jeder Kunde und jede Kundin solle damit bereits vor der Buchung wissen, welchen ökologischen Fußabdruck die eigene Urlaubsreise verursache und welchen Anteil daran die Anreise, die Unterkunft und mögliche Aktivitäten vor Ort hätten.

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