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  • Reisebranche erlebt katastrophales Jahr 2020 – DRV-Präsident Fiebig setzt auf Flexibilität

Deutscher Reiseverband: „Flexibilität wird auch im Jahr 2021 das Gebot der Stunde sein“

  • Für die Reisebranche war das Jahr 2020 katastrophal.
  • Umsatzeinbrüche von bis zu minus 80 Prozent bedeuteten für viele Unternehmen das Aus.
  • Welche Schicksale ihm besonders nahe gingen, erzählt der Präsident des Deutschen Reiseverbandes (DRV) Norbert Fiebig im RND-Interview.
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Herr Fiebig, mit welchem Gefühl blicken Sie auf das Jahr 2020 zurück?

Das Jahr 2020 war ein katastrophales Jahr für die Tourismusindustrie. Uns hat es wirtschaftlich als erste getroffen, und wir gehen nach heutigem Stand davon aus, dass wir auch mit die Letzten sein werden, die wieder zur Normalität zurückfinden werden. Die Belastungen für Reisebüros, Reiseveranstalter und die vielen touristischen Dienstleister sind erheblich. Wir haben im laufenden Jahr Umsatzrückgänge von 80 Prozent zu verkraften. Schon das hält kaum ein Unternehmen aus, doch es wurde sogar noch schlimmer: In den letzten Monaten des Jahres sind die Buchungsrückgänge noch einmal gestiegen, teilweise kann überhaupt kein Geschäft mehr generiert werden.

Norbert Fiebig ist Präsident des Deutschen Reiseverbandes. © Quelle: imago images/teutopress
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Die Branche hat einen Sturzflug erlebt – denn 2020 begann doch eigentlich, anknüpfend an ein Rekordjahr 2019, sehr erfolgreich.

Ja. Der Winter war sehr gut gebucht und auch der Sommer war sehr gut gebucht. Jetzt sind die Regale leer, faktisch haben wir nichts mehr zu verkaufen.

Das Jahr 2020 war geprägt durch den Zickzackkurs der Regierung, der die Verunsicherung der Kunden beflügelt hat: Erst eine pauschale weltweite Reisewarnung, dann viele Reisehinweise und das undifferenzierte Ausweisen von Risikogebieten. Es kam die Einführung von Pflichttests für Reiserückkehrer, ein paar Wochen später wurden die Testzentren am Flughafen schon wieder abgebaut, stattdessen dann die Quarantänepflicht für alle, die aus einem Risikogebiet einreisen. Erst waren es 14 Tage mit der Möglichkeit, sich durch ein negatives Corona-Testergebnis von der Quarantäne zu befreien, jetzt zehn Tage mit der Möglichkeit, sich frühestens nach fünf Tagen testen zu lassen. Dieser Quarantänezwang kommt faktisch einem Reiseverbot gleich, er war der letzte Sargnagel für eine Erholung unseres Geschäftes.

Die Politik beruft sich darauf, dass die Krise sehr dynamisch ist – daher die ständige Anpassung der Maßnahmen. Ist das nicht nachvollziehbar?

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Wir haben von Anfang an differenzierte Reisewarnungen eingefordert und vorgeschlagen, sogenannte sichere Korridore mit Destinationen zu schaffen, um diese Volatilität aus der Situation zu bekommen – damit es nicht heißt: Heute wird aufgemacht, morgen wieder zu.

Die Branche hat sich viel Mühe gegeben. In den meisten Zielen, in der Hotellerie und auch beim Transfer ist irrsinnig viel geleistet worden in puncto Hygienekonzepte. Die gesamte Infrastruktur in den klassischen Urlaubsgebieten ist auf Sicherheit ausgerichtet, um das Gesundheitsrisiko auf ein Minimum zu begrenzen.

Die Industrie hat sehr intensiv an Sicherheitskonzepten gearbeitet, um die Rückkehrerquarantäne zu verhindern, und diese der Regierung vorgelegt. Mit einer intelligenten, risikobasierten Teststrategie lässt sich die Sicherheit der Menschen sogar eher erhöhen, als wenn sie nur platt in Quarantäne geschickt werden. Hier ist die Regierung deutlich übers Ziel hinausgeschossen – das zeigt sich beispielsweise auch an der Entscheidung des Oberverwaltungsgerichtes in Münster, das die Quarantäneregelung für NRW ausgesetzt hat. Es ist nicht auszuschließen, dass solche Urteile auch von anderen Gerichten folgen werden.

Nun befindet sich Deutschland aber gerade im Lockdown – ist es jetzt überhaupt vertretbar zu reisen?

Jetzt ist auf jeden Fall die Zeit, um die Rahmenbedingungen verlässlich festzulegen, unter denen nächstes Jahr wieder gereist werden kann, wenn es die Corona-Entwicklung erlaubt. Für den Winter ist bisher keine Trendwende in Sicht, wir haben hier Buchungsrückgänge von 70 Prozent. Für den Sommer haben wir Hoffnung – und diesen Optimismus müssen wir auch haben, um diese extremst Saure-Gurken-Zeit jetzt zu überstehen. Viele Unternehmen schießen Privatvermögen nach, setzen teilweise ihre Altersvorsorge aufs Spiel. Das mache ich doch nur, wenn ich wirklich Hoffnung habe, dass das Geschäft auch wieder anlaufen wird.

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Gibt es im Jahr 2020 Schicksale, die Sie persönlich ganz besonders bewegt haben, aus der Reisebranche?

Die insolvenzrechtliche Anzeigepflicht der Überschuldung von Unternehmen ist aktuell bis Ende Januar 2021 ausgesetzt. Wenn wir nicht eine Vielzahl von Insolvenzen in der Reisebranche sehen wollen, muss diese Ausnahmeregelung deutlich verlängert werden, damit die Unternehmen die Chance haben, ihre Bilanzen mit neuem Geschäft wieder in Ordnung zu bringen. Dennoch sehen wir auch heute schon erste Insolvenzen, wenn auch bisher keine Pleitewelle.

Ein Beispiel ist das Reisebüro Bühler mit mehr als 30 Filialen im süddeutschen Raum, das seit 50 Jahren existiert – ich kenne es auch aus persönlicher Zusammenarbeit. Ein wirklich leistungsfähiges Unternehmen, das jetzt Insolvenz anmelden musste, weil die Überbrückungshilfen so ausgelegt sind, dass größere Unternehmen mit vielen Filialen vergleichsweise leer ausgehen. Hier braucht es dringend eine Änderung dergestalt, dass auch die einzelnen Filialen für die Berechnung der Hilfen zugrunde gelegt werden.

Mit einem bunten Protest demonstrierten Mitarbeiter von Reisebüros und Reiseveranstaltern im April in Kiel auf dem Rathausmarkt. © Quelle: Christian Charisius/dpa

Ein weiteres Beispiel ist ein einzelnes Reisebüro aus Potsdam – der Inhaber hat seine Altersvorsorge aufgelöst, um Mieten und Gehälter weiter bezahlen zu können. Am Ende verkaufte er sogar sein Haus. An diesem Beispiel zeigt sich ein weiteres Problem: Bei den Unterstützungshilfen geht es insbesondere um zu deckende Fixkosten wie die Ladenmiete, nicht aber um den Lebensunterhalt der Unternehmer selbst. Die Regierung muss dringend den geplanten Unternehmerlohn umsetzen, damit erfolgreiche Unternehmer nicht unverschuldet in Hartz IV fallen.

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Dass nicht etliche weitere dieser Schicksale folgen, hängt aber nicht nur von der staatlichen Förderung ab, sondern auch ganz wesentlich davon, dass wir zeitnah die Chance haben, unser Geschäft wieder zu starten. Keiner in der Branche will dauerhaft am Tropf des Staates hängen. Da spreche ich jedem aus dem Herzen.

Wann, glauben Sie, wird es 2021 wieder losgehen?

Eine Umfrage unter Reiseveranstaltern und Reisebüros hat gezeigt, dass die Hälfte der Unternehmen davon ausgeht, dass das Geschäft im Sommer 2021 wieder anlaufen wird.

An dem Wunsch zu reisen wird es aus unserer Sicht nicht mangeln. Wir haben eher den Eindruck aus vielen Gesprächen mit Kunden, dass die Sehnsucht zu reisen in der Krise gewachsen ist. Die Leute wollen wieder reisen, andere Länder und Kulturen entdecken. Wenn die Möglichkeit zu reisen da ist, und die Menschen ein gutes Sicherheitsgefühl haben, dann wird die Nachfrage da sein.

Viele Menschen waren in Kurzarbeit oder haben ihren Job verloren – werden sie wirklich in Reisen investieren?

Natürlich ist auch das Konsumklima entscheidend. Insgesamt wird ein Rückgang des Wirtschaftswachstums von fünf Prozent – das ist weniger als befürchtet. In der Vergangenheit haben wir auch bei anderen Krisen gesehen, dass Reisen mit das Letzte sind, woran gespart wird.

Welche Lehren hat die Branche aus diesem Jahr 2020 gezogen?

Viele Reiseveranstalter versuchen, das Kundenvertrauen über sehr flexible Stornierungs- oder Umbuchungsrichtlinien wiederzugewinnen. Ich glaube, das ist ein ganz guter Impuls. Flexibilität wird auch im Jahr 2021 das Gebot der Stunde sein.

Was erhoffen Sie sich ganz persönlich für das nächste Jahr?

Ich hoffe, dass die Branche wieder die Möglichkeit hat, ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis zu stellen und den Kunden im Reisebüro auch wieder persönlich zu beraten, was geht und was vielleicht noch nicht geht. Damit haben die Unternehmen dann die Chance, ihre Bilanz wieder in Ordnung zu kriegen, Verluste aus 2020 auszugleichen und Kredite abzutragen. Ich denke, mit 50 bis 60 Prozent des Umsatzes im Vergleich zum Jahr 2019 hätten wir einen guten ersten Schritt zurück in Richtung einer gesunden Reisebranche.

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