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„Wie im Kindergarten“: Portugal-Reisende schimpfen über das Virusvarianten-Wirrwarr

  • Plötzlich ist Portugal Virusvariantengebiet, nur eine Woche wird die Einstufung zurückgenommen.
  • Das sorgt bei betroffenen Reisenden für Unverständnis und Verwirrung, sie kritisieren das Hin und Her der Bundesregierung.
  • Und fragen sich: Welche Regeln gelten nun?
Miriam Keilbach
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Sauer, überrumpelt und hilflos“ – so beschrieben deutsche Portugal-Reisende ihre Gefühle vor gut einer Woche. Weil sich vor allem in Lissabon und an der Algarve die Delta-Variante ausgebreitet hatte, wurde das gesamte Land als Virusvariantengebiet eingestuft. Für Hunderte deutsche Urlaubende vor Ort kam das völlig überraschend: Etliche brachen ihren Urlaub ab, um bei der Rückkehr eine 14-tägige Quarantäne zu vermeiden – auch Geimpfte und Genesene.

In manchen Fällen wäre das aber wohl nicht nötig gewesen, denn nur gut eine Woche später hat die Bundesregierung das Reiseziel wieder zurückgestuft, genau so Großbritannien, Nordirland, Indien, Nepal und Russland. Die Länder gelten seit dem 7. Juli nur noch als Hochinzidenzgebiet. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte bereits vor einigen Tagen angekündigt, dass die Herunterstufung bevorstehen könnte. Als Grund dafür nannte er die Ausbreitung der Variante auch in Deutschland.

Dass es dann so schnell gehen könnte, damit hatten aber wohl nur die wenigsten Portugal-Reisenden gerechnet. Das Wirrwarr mit den Virusvariantengebieten macht viele nun besonders sauer.

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Portugal nur für eine Woche Virusvariantengebiet: Unverständnis bei Reisenden

„Für mich kam die Rückstufung sehr überraschend“, sagt Portugal-Urlauberin Melanie Alves. „Man macht sich den ganzen Urlaub Gedanken wegen der Quarantäne, Arbeit und Kollegen. Hat ein schlechtes Gewissen und dann so was. Wie im Kindergarten.“ Die Reisende hatte sich dazu entschieden, trotz der Einstufung zum Virusvariantengebiet ihren Urlaub in Portugal nicht vorzeitig abzubrechen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann besuchte sie dort ihre Schwiegereltern. Die Quarantänepflicht seit ihrer Rückkehr am 2. Juli störe sie nicht: „Anfangs ist man ohnehin mit Waschen beschäftigt.“ Die restliche Zeit wolle sie mit dem Schauen von Serien und Filmen verbringen.

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1500 Euro verloren – wegen der Virusvariantengebieteinstufung

Jana Gottwald hatte sich hingegen dazu entschieden, spontan abzureisen, um einer 14-tägigen Quarantänepflicht zu entgehen. Die Umbuchung hat sie 1500 Euro gekostet: „Ich war gestern Abend so sauer, wütend und traurig. So viel Geld und so viel Ärger für die eine Woche Einstufung. Ich frage mich, warum unsere Urlaubszeit genau in diese Woche reinfallen musste“, sagt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Dienstag. Sie fragt sich: „Warum hat man nicht vorher über die Konsequenzen einer solchen Einstufung nachgedacht?“

Besonders ärgerlich sei die Situation für ihren kleinen Sohn und ihren Schwiegervater. Für beide sei es der erste Urlaub seit der Erkrankung des Opas. Lange habe er seine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente gespart, um verreisen zu können. „Wer weiß schon, wann wieder eine Reise möglich ist?“, fragt die Portugal-Rückkehrerin. Die Familie wäre eigentlich erst am 1. Juli zurückgeflogen, reiste aber aufgrund der drohenden Quarantänepflicht schon am 26. Juni zurück.

Der vierjährige Sohn habe die überstürzte Abreise gar nicht nachvollziehen können. „Er war schon am Schlafen, als das Ganze am Freitagabend zum Virusvariantengebiet erklärt wurde“, so Jana Gottwald. Als am nächsten Morgen bereits die Koffer gepackt waren, sei er ganz perplex gewesen. Für die spontane Einstufung Portugals als Virusvariantengebiet und die Herunterstufung als Hochinzidenzgebiet – nur eine Woche später – habe sie kein Verständnis. „Man denkt scheinbar einfach bei solchen Handlungen nicht über die Konsequenzen für jeden Einzelnen nach“, so Gottwald.

Reisende kritisieren Bundesregierung stark

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Reiserückkehrer Manuel Tavares war in der kleinen Ortschaft Pinheiro da Bemposta, als die Einstufung zum Virusvariantengebiet ihn überraschte. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Regelung ganz Portugal treffen würde. Immerhin war die Inzidenz in seinem Urlaubsort genauso niedrig wie in Deutschland. Auch er ist enttäuscht über die Einstufungen: „Die Bundesregierung hat als einziges Land gegen EU-Kriterien verstoßen. Vor allem die Quarantäne, ohne die Möglichkeit zum Freitesten, hat alle schwer getroffen“, beschwert er sich. Damit bezieht er sich auf die Einigung der EU-Mitgliedstaaten, dass sich Reisende mit einem negativen Test vor der Abreise von der Quarantäne freitesten können.

Die Rückstufung bedeutet für viele jedoch auch: Aufatmen. „Zum Glück stufen sie Portugal wieder zurück! Es gibt noch Hoffnung für die Saison. Die Menschen dort müssen Geld verdienen“, beschreibt Urlauberin Anne Gollaschs ihren ersten Gedanken, nachdem sie die Nachricht über die Herunterstufung Portugals gelesen hatte. Sie hatte ebenfalls ihre Reise vorzeitig abgebrochen. Damit es nicht wieder zu einem solchen Wirrwarr komme, wünsche sie sich „nachvollziehbare und einheitliche Regelungen aller europäischer Staaten“.

Verwirrung bei Rückkehrenden: Ab wann fällt die 14-tägige Quarantänepflicht?

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Die Herabstufung zum Hochinzidenzgebiet sorgt aber nicht nur für Unverständnis bei vielen Reisenden, sondern auch für Verwirrung: „Was mich jetzt noch interessiert, dürfen wir morgen aus der Quarantäne raus?“, fragt Melanie Alves. Immerhin sei die Inzidenz bei ihrer Einreise niedriger gewesen. Beim Auswärtigen Amt heißt dazu: „Als Voraufenthalt in einem Risikogebiet gilt ein Aufenthalt zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb der letzten zehn Tagen vor Einreise. Maßgeblich ist, ob das Gebiet zum Zeitpunkt der Einreise nach Deutschland als Risikogebiet ausgewiesen war (das heißt nicht zwangsläufig zum Zeitpunkt des Aufenthalts).“

Demnach entfällt die Pflicht zur 14-tägigen Quarantäne für alle, die ab dem 7. Juli von Portugal nach Deutschland zurückreisen. Sie müssen jedoch vor der Einreise den Nachweis über eine vollständige Impfung, Genesung oder einen negativen Test vorweisen. Wer nicht geimpft oder genesen ist, muss sich zusätzlich für bis zu zehn Tage isolieren, kann die Zeit aber mit einem weiteren Corona-Test ab Tag fünf verkürzen. Für all jene, die zwischen dem 29. und 6. Juli zurückkehrten, gilt: Sie müssen die zwei Wochen zu Ende absitzen.

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