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Sauer, überrumpelt, hilflos: Deutsche versuchen, Portugal zu verlassen

  • Viele deutsche Reisende wurden am Freitag überrascht, als Portugal zum Virusvariantengebiet erklärt wurde.
  • Einige versuchen, das Land schnellstmöglich zu verlassen, und haben allerlei Hürden zu überwinden.
  • Andere hingegen wollen bleiben oder reisen trotzdem nach Portugal – warum, erzählen sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.
Miriam Keilbach
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„Die Deutschen sind sauer, überrumpelt und hilflos. Einige wissen noch nicht, wie sie heim kommen sollen“, sagt Stefanie Bachmann. Am siebten Tag ihrer Urlaubsreise nach Portugal kam die Hiobsbotschaft: Portugal wird von Deutschland zum Virusvariantengebiet erklärt. Deutsche Reisende haben bis Montagabend Zeit, nach Deutschland zurückzukehren – ansonsten müssen sie zwei Wochen in Quarantäne, ohne Möglichkeit, diese durch negative Corona-Tests zu verkürzen.

Für Stefanie Bachmann und andere Urlaubende endete damit der Urlaub und der Stress begann. „Wir sind in einer Ferienwohnung an der Praia da Albandeira. Wir hatten die Situation überhaupt nicht verfolgt und haben am Freitagabend aus einem Artikel davon erfahren“, erzählt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Die restlichen Stunden des Abends habe sie versucht, die Lufthansa zu erreichen, um ihren Rückflug zu verschieben. „Um viertel vor zwölf ging endlich jemand ans Telefon, aber das Umbuchen hat uns 270 Euro gekostet“, sagt sie.

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Mit Blick auf die rasche Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante dringen immer mehr Länder-Regierungschefs darauf, Einreiseregeln zu verschärfen.  © dpa
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Rund 1000 Deutsche sind derzeit im Urlaub in Portugal

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Ähnlich wie Stefanie Bachmann geht es derzeit vielen Deutschen. Sie hatten sich auf entspannte Sommerwochen in Portugal gefreut, genossen Sonne und Meer an der Algarve oder Atmosphäre und Sehenswürdigkeiten in Lissabon und Porto. Doch dann kam die Delta-Variante, die sich binnen kurzer Zeit massiv in Portugal verbreitet hat. Lag die Sieben-Tage-Inzidenz an der Algarve am 5. Juni noch bei 31, schnellte sie bis Samstag in die Höhe – sie liegt inzwischen bei 176. In der Hauptstadt Lissabon, wo die Verbreitung der ansteckenderen Mutation noch schneller voranschreitet, wird für Samstag ein Wert von 209,8 angegeben.

Wie viele deutsche Reisende derzeit in Portugal sind, ist unbekannt, es dürften aber Hunderte sein. Nach Schätzungen des Deutschen Reiseverbandes DRV machen zurzeit etwa 1000 Deutsche in Portugal Urlaub. „Es sind noch nicht so viele, weil Portugal erst seit kurzem wieder leicht zugänglich ist“, sagte DRV-Sprecherin Kerstin Heinen der Deutschen Presseagentur (dpa).

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Den Mitgliedstaaten der EU sei es außerdem nicht gelungen, einheitliche Reisebestimmungen durchzusetzen, so die Kanzlerin.  © Reuters

Die meisten Deutschen wollen Portugal schnellstmöglich verlassen

Klar ist aber: Viele wollen nun bis Montagabend nach Hause, um die Quarantäne zu umgehen. Wer nicht pauschal gebucht hat, verbringt die letzten Urlaubstage nun also damit, Zimmer zu stornieren, Mietwagen zurückzubringen, einen Corona-Test-Termin zu vereinbaren und einen neuen Rückflug zu finden. Das ist gar nicht so einfach: Viele Verbindungen am Sonntag und Montag waren binnen kurzer Zeit ausverkauft, bei Lufthansa gab es die günstigsten Resttickets für Direktflüge nach Frankfurt ab 650 Euro.

Dennoch gibt es Menschen, die ihre geplante Portugal-Reise trotzdem antreten. Eva E. flog am Samstag, nur wenige Stunden nachdem bekannt wurde, dass Portugal ab Dienstag als Virusvariantengebiet gilt. Sie hatte erst kurz vor ihrem Abflug erfahren, dass Portugal nun Virusvariantengebiet ist, erzählt sie dem RND. Sie ist trotzdem geflogen, auch weil sie ein Zeichen setzen wolle, sagt sie. „Es wird seit Monaten dafür geworben, man soll sich impfen lassen. Ich bin zweimal geimpft und brauche nun vor der Rückkehr doch einen negativen Corona-Test und muss danach in Quarantäne“, sagt sie. Sie halte die Einstufung für „willkürlich und unverhältnismäßig“.

Homeoffice in Quarantäne: Deshalb fliegen einige trotzdem noch nach Portugal

Die Ferienzeit wird sie in ihrem Ferienhaus an der Algarve verbringen und auch ihre Familie besuchen. „Meine Tochter lebt mit ihrem Freund in Portugal“, erzählt sie. Auch letztes Jahr sei sie schon nach Portugal gereist, auch damals habe Corona sie nicht abgeschreckt. „Alle erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen und Hygienevorschriften wurden eingehalten und werden auch jetzt eingehalten, wie ich gestern seit der Ankunft schon feststellen konnte.“

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In Portugal-Reiseforen berichten Urlaubende, dass die Quarantänepflicht sie nicht abschrecke: Sie seien ohnehin seit Monaten im Homeoffice, da spiele Quarantäne schlicht keine Rolle, heißt es an mehreren Stellen. In der Tat: Wer ohnehin im Homeoffice sitzt, hat durch die Quarantänepflicht keine Nachteile zu befürchten. Dazu passen auch Aussagen von der auf Portugal spezialisierten Reiseagentur Olimar. „Etwa 20 Prozent unserer Gäste (mehr als 420) wollen nach derzeitigem Stand in Portugal bleiben“, sagte Pascal Zahn der dpa. Sie verstünden nicht, warum Deutschland ganz Portugal zum Virusvariantengebiet erklärt hat, während die Niederlande nach wie vor nur vor dem Reisen in die Hauptstadtregion warnt.

Sieben-Tage-Inzidenz bei Urlaubsbeginn: 42,2 - heute liegt sie bei 176

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„Wir sind mit einem Kleinkind hier, deswegen wäre die Quarantäne von 14 Tagen eine Katastrophe gewesen“, sagt Jana Gottwald dem RND. Eigentlich wollte sie am 1. Juli zurück nach Deutschland fliegen, nun wurde der Urlaub verkürzt, noch am Samstag machte sie sich mit ihrer Familie auf den Rückweg. „Wir haben damit gerechnet, dass die Algarve zum Risikogebiet wird. Aber das wäre für uns nicht weiter schlimm gewesen, da wir durchgeimpft sind“, sagt sie.

„Dass komplett Portugal so schnell als Virusvariantengebiet eingestuft wird, damit hätte ich nicht gerechnet.“ Besonders bitter: Am Tag ihrer Anreise lag die Inzidenz an der Algarve bei 42,2, die Lage in Portugal hat sich durch die Ausbreitung der Delta-Variante massiv und unglaublich schnell verschlechtert. Mit 1604 neuen Corona-Ansteckungen binnen 24 Stunden war am Freitag in Portugal nach Behördenangaben der höchste Wert seit Februar registriert worden.

Bis auf den letzten Platz besetzte Flugzeuge

275 Euro hat sie für die Umbuchung der Flüge gezahlt – online, denn in der Hotline bei Eurowings sei keiner rangegangen, so Jana Gottwald. Am Flughafen habe gestern Abend etwas Chaos geherrscht. „Es war sehr stressig, alle waren sehr aufgeregt, man hat gemerkt , dass die Menschen nervös waren. Der Flieger war bis auf den letzten Platz ausgebucht“, berichtet sie zurück in Deutschland. 1500 Euro sind nun futsch - wegen der Einstufung des RKI.

„Wir wären am 29. Juni zurück geflogen, also genau an dem Tag ab dem die neue Einstufung gilt. Einen bezahlbaren Rückflug zu finden hat einiges an Zeit, Aufwand, Geduld und Nerven gekostet. Solche Flugpreise zu veranschlagen ist echt eine Frechheit“, sagt Kathrin Penninger. Sie bleibt auf einigen Kosten sitzen - Umbuchungsgebühr, Mietwagen, letzte Hotelnacht. Auf den Souvenirkauf am letzten Tag des Urlaubs musste sie nun verzichten, um die Quarantäne zu umgehen. „Für mich kam die Einstufung Portugals als Virusvariantengebiet sehr überraschend. Vorher war es ja nicht mal ein Risikogebiet außer der Distrikt Lissabon.“

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Die Bundesärztekammer rät von Reisen in Urlaubsgebiete ab, in denen die ansteckendere Delta-Variante des Coronavirus grassiert.  © dpa

Wut und Enttäuschung ist unter in Portugal lebenden Deutschen groß

Anne Gollasch muss ihren Urlaub ebenfalls um drei Tage verkürzen. Anstatt direkt zurück nach Düsseldorf fliegt sie nun via Einhoven. „Das war der einzige einigermaßen bezahlbare Rückflug“, erzählt sie dem RND. Sie besucht derzeit eine Freundin an der Algarve. Auch für sie kam die Einstufung als Virusvariantengebiet überraschend. „Damit habe ich nicht gerechnet.“ Wut und Enttäuschung seien groß, sagt sie. „Die hier lebenden Deutschen finden es unmöglich, da jetzt viel storniert wird. Sie empfinden die Regelung als zu kurzfristig und nicht gerecht.“

Andere hingegen entschieden sich bewusst dafür, in Portugal zu bleiben – auch mit der Einstufung als Virusvariantengebiet durch das Robert-Koch-Institut und die deutsche Regierung. Nicole Müller (Name geändert) beispielsweise. Sie ist mit ihrem Wohnwagen in Ponte de Lima unterwegs und wollte so lange in Portugal bleiben, bis sie keine Lust mehr hat. Für sie kam die Einstufung ebenfalls überraschend. „Ich habe versucht mich schlau zu machen und da Spanien noch keine Maßnahmen ergriffen hat für Reisende aus Portugal, werde ich erst einmal hier bleiben“, sagt sie dem RND. Sie plane ohnehin erst, frühestens Ende August in die Heimat zurückzukehren.

Nach drei abgesagten Portugal-Reisen 2020 nun Urlaub im Virusvariantengebiet

Auch Melanie Alves will bleiben. Sie kam vor einer Woche, um ihre Verwandtschaft in Portugal zu besuchen. Zunächst ging es nach Porto und dann gemeinsam mit den Schwiegereltern an die Algarve. „Ich habe damit gerechnet, dass Portugal wieder komplett zum Risikogebiet erklärt wird, aber nicht zum Virusvariantengebiet“, sagt sie dem RND. Dennoch habe sie fliegen wollen, denn schon im vergangenen Jahr seien wegen Corona drei Portugal-Reisen ausgefallen. „Meine Schwiegereltern sind beide krank und natürlich auch nicht mehr die jüngsten. Mein Mann wollte einfach wieder zu seiner Familie“, sagt sie.

Um die Schwiegereltern nicht zusätzlich zu stressen, wurde der Urlaub nun also nicht umgeplant. Melanie Alves hofft, dass der Rückflug, ein Direktflug, Anfang Juli stattfinden wird. Das ist derzeit ungewiss, denn für Airlines gilt ein Beförderungsverbot für Reisende aus Virusvariantengebieten. Bisher habe sich die Airline nicht gemeldet, sagt Alves. „Wenn wir nach Hause kommen, gehen wir halt in Quarantäne“, sagt sie, „Hauptsache wir waren bei der Familie.“ Da sie schon einige Zeit vor der Einstufung Portugals als Virusvariantengebiet geflogen seien, müsse sie immerhin keine finanziellen Einbußen wie Gehaltsverzicht befürchten.

EM-Stadt Sankt Petersburg: Auch Russland wird zum Virusvariantengebiet

Ähnlich wie Urlauberinnen und Urlaubern in Portugal geht es übrigens auch Reisenden in Russland. Auch Russland wird am kommenden Dienstag, 29. Juni, zum Virusvariantengebiet. Dort hatte sich vor allem in Moskau die ansteckendere Delta-Variante ausgebreitet, viele Neuinfektionen waren darauf zurückzuführen. Aber auch in Sankt Petersburg stiegen die Fälle zuletzt an. Russland erlaubt seit April wieder Tourismus im Land, viele Deutsche freuten sich auf Verwandtschaftsbesuch oder einen Gang ins Stadion: Sankt Petersburg ist einer der Ausrichter der Fußball-Europameisterschaft.

Insgesamt gelten derzeit Botswana, Brasilien, Eswatini, Indien, Lesotho, Malawi, Mosambik, Namibia, Nepal, Sambia, Simbabwe, Südafrika, Uruguay und Großbritannien als Virusvariantengebiete, ab Dienstag stehen auch Portugal und Russland auf der Liste. Für Reisende aus Virusvariantengebieten gelten strenge Regeln: Sie dürfen nur mit einem negativen Corona-Test (maximal 24 Stunden alter Antigen-Schnelltest oder maximal 72 Stunden alter PCR-Test) und mit vorheriger Onlineanmeldung einreisen. Die Einreise ist nur deutschen Staatsbürgerinnen und Staatsbürgern gestattet und jenen Personen, die einen dauerhaften Aufenthaltstitel in Deutschland haben. Alle, die einreisen, müssen sich für 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben, ein Freitesten ist nicht möglich. Zudem gilt für Airlines, Zug- und Busunternehmen ein Beförderungsverbot für Reisende zwischen dem Virusvariantengebiet und Deutschland.

(mit dpa)

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